Wenn nachts die Taliban angreifen
Die Taliban greifen am Vormittag an. Erst ist es nur ein Pfeifen, gefolgt von einer Explosion; nah, ganz nah. «Incoming», schreit ein Soldat. Dann kracht eine weitere Rakete auf das Flugfeld des amerikanischen Militärlagers Orgun-E, keine fünfzig Meter entfernt. Dann noch eine. Ein Geschoss trifft das Dach der Kantine, Schrapnell- und Holzsplitter fliegen durch die Luft. Soldaten laufen aus ihren Baracken und in die Bunker, geduckt, die Hände zum Schutz über ihre Köpfe verschränkt. Offiziere brüllen Befehle – ein paar Minuten lang herrscht Chaos.
Master Sergeant James Erickson ist verärgert, die Gotteskrieger versauen ihm den Vormittag. Eigentlich wollte er seinen freien Tag geniessen. Erickson ist ein stämmiger Mann mit kurz geschorenem Haar und Sommersprossen. Ruhig schaltet er den Fernseher aus, auf dem gerade «Lord of War» mit Nicolas Cage läuft, zwängt sich in seine schusssichere Weste und setzt den Helm auf.
«Ich lass mich von diesen Motherfuckers doch nicht in Panik versetzen», sagt er und ruft dann seinen Soldaten zu, dass sie sich endlich in den Bunker verkriechen sollen. Fünfzehn amerikanische Soldaten, fünf rumänische und drei afghanische Übersetzer pressen sich in zehn Quadratmeter Sicherheit, umgeben von Betonwänden und Sandsäcken. Aus einem iPod scheppert Lady Gaga, jemand erzählt schmutzige Witze, ein anderer furzt.
Die Artillerie der Amerikaner feuert auf die Stellungen der Taliban, die Wände des Bunkers erzittern, feiner Sand rieselt von der Decke. Zwei Stunden und sieben Raketeneinschläge später ist es wieder ruhig. Nur ein scharfer Wind bläst Staub und Sand in den Bunker.
Erickson ist Feldweibel einer Einheit von Bombenentschärfern im Feldlager Orgun-E, einer Festung aus Stacheldraht und Beton. Ein Nachschublager für Menschen und Material für die Front im Osten Afghanistans, nur wenige Kilometer von der pakistanischen Grenze entfernt. Das Lager liegt in der umkämpften Provinz Paktika, 170 Kilometer südöstlich von Kabul.
Hier ist die Moderne nur mühsam angekommen. Die unwegsamen Berge sind das Operationsgebiet einer Allianz des Schreckens: Dort tummeln sich die Krieger von Mullah Omars Taliban, die todesverachtenden Ausländer aus Osama bin Ladens Terrornetzwerk Al-Kaida: Araber, Tschetschenen, Usbeken und einige Afrikaner. Dazu kommen die Hisb-e-Islami-Kämpfer des Kriegsfürsten Gulbuddin Hekmatiar, der mit seinen Selbstmordattentätern Angst und Schrecken in afghanischen Städten verbreitet, sowie die Gefolgsleute des Siraj Haqqani, der gefangenen Feinden zur Abschreckung auch mal die Köpfe abschneidet.
In diesem Hexenkessel kämpfen die Truppen der afghanischen Armee und Soldaten der Nato-Länder. Eine neue Strategie soll in diesem Kampf die Wende bringen. Mehr als 21000 zusätzliche Soldaten hat US-Präsident Barack Obama in den vergangenen vier Monaten in die umkämpften Gebiete im Süden und im Osten des Hindukusch geschickt.
«Obamas Krieg» nennen die US-Soldaten die Strategie ihres Präsidenten. Helfen statt schiessen, lautet die Parole, um die Herzen und Köpfe der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen, die sich nach acht Jahren Krieg frustriert von den fremden Truppen und ihrer eigenen Regierung abwendet.
Es ist ein Schattenboxen ohne greifbaren Gegner, in dem es nicht mehr darum gehen soll, möglichst viele Feinde zu töten. Zivile Opfer sollen unbedingt vermieden werden, und wenn die Menschen erst einmal ein besseres Leben führten, dann schwinde auch die Macht der Taliban, so der Plan.
Das wird schwierig. Durch ihre aggressive Rekrutierungstaktik unter jungen Paschtunen sind die Taliban zum grössten Arbeitgeber in der Grenzregion zu Pakistan geworden. Sie tun das, wozu die afghanische Regierung nicht in der Lage ist: Sie fällen Urteile nach islamischem Recht und schlichten Streitereien zwischen verfeindeten Clans.
Die Koalitionstruppen wollen die Macht der Islamisten brechen, indem sie auch in entlegene Regionen vorrücken, in denen paschtunische Clans und Bergstämme mit den Taliban sympathisieren. Dort werden überall kleine Aussenposten errichtet, um der Bevölkerung ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Die Soldaten, gefolgt von einem Heer ziviler Aufbauhelfer, sollen mit den Afghanen «leben, essen und schlafen». Nur so, glauben die US-Strategen, sei deren Vertrauen zu gewinnen. – Soldaten zum Anfassen.
Für Stephen Warren ist es der erste Kriegseinsatz. Fünfzehn Helikopterminuten von Camp Orgun-E entfernt, sitzt er auf seinem Aussenposten und blinzelt in die Dunkelheit, ein Nachtsichtgerät vor seine Augen geklemmt. Sechshundert Meter unter ihm im Tal liegt das kleine Camp Tillman, der östlichste Posten der Amerikaner in Afghanistan und für zwölf Monate Stützpunkt von achtzig US-Soldaten.
Allein im Juli feuerten die Taliban mehr als 150 Raketen auf das Lager. Auf der anderen Seite der zackigen Berggipfel, nur zwei Kilometer von Warrens Posten entfernt, liegt die pakistanische Unruheprovinz Waziristan, Rückzugsgebiet der Taliban und mutmasslicher Aufenthaltsort von Osama bin Laden.
Es ist Ramadan, der Fastenmonat. Die Extremisten beschränken sich auf ihre erfolgreiche Guerillataktik; sickern auf Schleichwegen und Eselspfaden nach Afghanistan ein, verscharren Minen auf Wegen, auf denen US-Amerikaner patrouillieren, verstecken Sprengfallen am Strassenrand, schicken Selbstmordattentäter los oder töten Regierungsangestellte, Polizisten und Lehrer. Anschliessend schlüpfen sie zurück auf pakistanisches Territorium.
Es ist kalt hier oben, und Stephen Warren schlingt sich seinen Poncho enger um seinen Körper. Seit zwei Tagen hockt er hier mit sechs Kameraden auf 2600 Metern Höhe. Eine feine Staubschicht liegt auf seinem Gesicht; er hat dunkle Ringe um die Augen. Warren, ein Fallschirmspringer vom 509. Infanterie-Regiment aus Fort Richardson in Alaska, sieht älter aus als seine 22 Jahre.
Der Gefreite ist vom Krieg enttäuscht. Statt Terroristen zu jagen, «schütteln wir Hände und verteilen Bonbons». Er zeigt auf die Silhouette einer Bergkette. Dort gibt jemand Lichtzeichen: an, aus, an, aus. Pause. Einige Kilometer südlich blinkt es zurück. «Wir wissen genau, dass dort die Taliban sitzen und Anschläge vorbereiten», sagt Warren. «Nur dürfen wir nichts dagegen unternehmen, solange wir nicht hundertprozentig sicher sind, dass es sich um Feinde handelt.»
Es beginnt zu regnen, Blitze zucken, und über Funk kommt die Nachricht, dass in Kandahar fünf Autobomben explodiert sind. 45 Menschen starben, Dutzende wurden verstümmelt. Höchste Alarmbereitschaft für Camp Tillman. Der August sollte mit 51 getöteten Soldaten der verlustreichste Monat für die US-Armee seit Beginn des Kriegs vor acht Jahren werden.
Der Gefreite Warren lädt sein Sturmgewehr durch. Vor einigen Wochen hat er einen Feind getötet. Da habe er sich zum ersten Mal nützlich gefühlt. Eine Gruppe Taliban griff mit Panzerfäusten, Mörsergranaten und Schnellfeuergewehren an. «Ich habe einen Kerl zwei Mal in die Brust getroffen.» Seither kämpft Warren nur noch gegen Kamelspinnen, Ratten, Mücken und Langeweile.
Jeder Tag ist gleich. Aufwachen, Wache schieben, Frühstück aus Tüten. Gewehr zerlegen, reinigen, zusammenbauen. Kaffee trinken, Gewichte stemmen, Übungsschiessen, Kopf ausschalten. Manche seiner Kameraden hatten noch nie eine feste Freundin, erleben aber schon ihren zweiten oder dritten Kriegseinsatz in Irak oder in Afghanistan. Halbe Kinder noch.
Nachts Wachablösung alle zwei Stunden, zwischendurch spielen sie «Risiko» oder daddeln auf der Playstation, erzählen sich immer dieselben Heldentaten. Ein sinnloser Versuch, Einsamkeit und Langeweile auszutricksen. So vergehen die Tage. Morgen ist wie heute, wie gestern. Welcher Tag und welcher Monat ist heute? Die Soldaten wissen es nicht. Es spielt keine Rolle.
Auf einem Berg über der Strasse, die von Orgun-E in das Örtchen Zerok führt, wuchtet sich Sergeant Dick Plank seinen Rucksack auf den Rücken. Die Soldaten nennen diese Strasse «Ambush Alley»: Allee der Hinterhalte. Plank ist ein Hüne, der aussieht wie ein Preisboxer. Von dem langen Aufstieg hat er rote Flecken im Gesicht, die Uniform ist von Schweiss und Regen durchtränkt.
Seit Stunden treiben er und seine Einheit Talibankämpfer vor sich her, marschieren durch endlose Kiefern- und Tannenwälder und über steile Bergkämme, mit fünfzig, sechzig Kilogramm Gepäck auf dem Rücken: Munition, Granaten, Funkgeräte, Wasser, Essensrationen. Die Soldaten sind erschöpft. Der Tag besteht nur aus marschieren, essen, schlafen.
Die Einheit von Sergeant Plank hat die Berge Nord-Paktikas erklommen, um einen Versorgungskonvoi in den Aussenposten Camp Zerok zu schützen. Das Lager hat nach unzähligen Gefechten und Scharmützeln mit den Taliban kaum noch Munition, Brennstoff und Verpflegung. 65 US-Soldaten beziehen auf den umliegenden Gipfeln Position und patrouillieren durch die Wälder, bewaffnet mit Sturmgewehren, Granatwerfern und Panzerfäusten. Am Himmel Aufklärungsdrohnen. Unten im Tal warten dreissig Lastwagen und Truppentransporter, die aussehen wie gepanzerte Möbelwagen.
Die Taliban beobachten aus ihren Verstecken jeden Schritt der US-Soldaten, und diese hören den Funkverkehr der Islamisten ab. Schon beim Aufstieg funken die Taliban, dass zwei Angriffsteams mit jeweils zehn Mann irgendwo in den Bergen positioniert sind.
Stimme Eins: «Salam alaikum, Bruder. Hüte dich vor den
Patrouillen, sonst töten dich die Amerikaner.»
Stimme Zwei: «Danke Bruder, wir greifen nur den Konvoi an, sobald er weiterfährt.»
Drei Taliban mit Panzerfäusten laufen über die Strasse und verschwinden im Wald. Ein weisser Toyota kommt angerast, hält an, ein Mann springt heraus und rennt einen Berghang hinauf. Angeführt werden die Gotteskrieger hier von Mullah Said Sengin, einem etwa 45-jährigem Taliban-Kommandeur, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, alle Fremden aus seinem Reich zu vertreiben; egal ob Russen, Amerikaner oder die Soldaten von Präsident Hamid Karzai.
Stimme Eins: «Ich sehe sie, Bruder. Ich kann sie beschiessen. Soll ich sie angreifen?»
Stimme Zwei: «Warte noch, bis du näher dran bist, inschallah.»
Sergeant Plank geht hinter einem Baum in Stellung, blickt durch das Zielfernrohr und robbt an einen Felsvorsprung. Stille. Dann greifen die Taliban an, schiessen mit Panzerfäusten und Mörsern auf einen gegenüberliegenden Hügel, wo eine andere Einheit US-Soldaten postiert ist, keine zweihundert Meter von Planks Stellung entfernt. Die Amerikaner auf dem Berg schiessen zurück. 45 Minuten dauert das Gefecht. Währenddessen liegen Planks Leute regungslos hinter Bäumen und beobachten die umliegenden Hänge.
Plötzlich sind Stimmen zu hören, sie sprechen Paschtu. In der Nähe knacken Zweige. «Psst», macht Sergeant Plank, legt den Zeigefinger an die Lippen und lässt den Finger über den Lauf seines Gewehres fahren, als kraule er das Fell eines Tieres. Am Fuss des Hangs laufen Männer durchs Unterholz.
Wie viele es sind, kann Plank nicht erkennen, aber er gibt den Befehl, ihnen den Weg abzuschneiden. Soldaten schwärmen aus, das Gewehr im Anschlag. Wenig später kreisen Apache-Kampfhelikopter etwa fünfzehn Meter über den Soldaten. Plank wirft sich zu Boden und wedelt mit einem roten Signaltuch, damit die Piloten nicht aus Versehen die eigenen Leute beschiessen. Die Helikopter feuern mit ihren Bordkanonen in den Hang, wo sie den Gegner vermuten.
Stimme Eins: «Beschiesst die Helikopter mit euren Panzerfäusten!»
Die Apaches drehen ab, und die Taliban sind im Wald verschwunden. Neun Stunden später rumpelt der Konvoi unversehrt durch die Ambush Alley. Bombenentschärfer der US-Armee sprengen eine Mine, die in der Strasse vergraben liegt. Die Taliban funken, dass einer ihrer Kommandeure schwer verletzt ist, und Sergeant Dick Plank legt sich erschöpft, nass und frierend auf seinen Poncho. Kurz bevor er einschläft, sagt er noch, dass man eben nicht immer die Herzen gewinnen könne. «Manchmal muss man auch die eigenen Leute schützen.» Am nächsten Tag gehen erst die Essensrationen aus, dann das Wasser. Am Abend fährt der Konvoi ohne Zwischenfälle zurück ins sichere Camp Orgun-E. Feierabend.
Carsten Stormer
Namen geändert Das US-Militär hat aus Sicherheitsgründen verlangt, dass alle Armeeangehörigen umbenannt werden.> (Der Bund)
Erstellt: 09.10.2009, 01:15 Uhr



