Zwei Seelsorger unter einem Dach
Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 01.07.2009
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«Bund»: Sie teilen sich die Stelle des Pfarramtes in der Kirchgemeinde Seeberg. Ist es möglich, als Pfarrer Teilzeit zu arbeiten, oder ist man da immer im Dienst?
Irène Scheidegger Bichsel: Wir arbeiten seit 14 Jahren so, und inzwischen sind wir ein eingespieltes Team. Am Anfang war es ein Wagnis, wir wussten nicht, ob das klappt mit der Stellenteilung. Heute bin ich überzeugt, dass Teamwork die beste Art ist, ein Pfarramt zu leiten.
Pius Bichsel-Scheidegger: Als wir uns 1995 für unsere erste Stelle im Kanton Zug bewarben, mussten wir einige Überzeugungsarbeit leisten. Inzwischen ist unser Modell salonfähig geworden, in Wynigen, Koppigen und Thun sind ebenfalls Pfarrehepaare im Amt.
Arbeiten Sie wirklich nur je 50 Prozent, oder lässt sich das Pensum nicht einhalten?
Irène Scheidegger Bichsel: Wenn ich bei Coop einkaufen gehe und jemand mir sein Herz ausschüttet, dann kann ich nicht sagen, heute sei mein freier Tag. Die Grenzen sind fliessend. Glücklicherweise liebe ich meine Arbeit über alles, deshalb zähle ich die Stunden nicht. Wir versuchen, den Montag strikt freizuhalten, ansonsten schützen wir uns durch eine gewisse Spezialisierung davor, beide dauernd am Ball zu sein.
Pius Bichsel-Scheidegger: Über die Jahre hat sich immer deutlicher herauskristallisiert, wer in welchen Bereichen spezifische Fähigkeiten hat. Ich bin für die Seniorenarbeit verantwortlich, betreue das Kirchenblatt und organisiere kulturelle Veranstaltungen wie beispielsweise Konzerte. Meine Frau ist für die Kinder- und Jugendarbeit zuständig, und sie betreut unsere Homepage.
Und wer leitet die Gottesdienste?
Pius Bichsel-Scheidegger: Da wechseln wir uns ab. Bei Hochzeiten oder Beerdigungen können die Leute auswählen, je nachdem, zu wem sie den besseren Draht haben. Bei Bedarf können wir einander beiziehen, wenn wir Unterstützung brauchen. Wenn ich einen Anlass mit 90 Senioren durchführe, bin ich dankbar, dass mich meine Frau unterstützt. Und wenn sie mit Jugendlichen ins Lager geht, reise ich gerne mit – im Wissen darum, dass meine Frau sagt, wos langgeht.
Irène Scheidegger Bichsel: Das Tolle ist, dass wir uns immer wieder über wichtige Fragen austauschen können. Es wäre übertrieben zu sagen, wir hätten die Supervision direkt im Haus, aber wir können jederzeit Rücksprache nehmen und fragen: «Was hältst du davon? Wie würdest du das machen?» Diese Möglichkeit haben viele andere nicht.
Wie kam es in Ihrem Fall zu dieser engen Zusammenarbeit?
Irène Scheidegger Bichsel: Ich verliebte mich zu Beginn des Theologiestudiums in einen Medizinstudenten und dieser sattelte dann bald einmal auf Theologie um.
Pius Bichsel-Scheidegger: Das war allerdings nicht in erster Linie wegen der Liebe. Medizin war für mich die falsche Richtung, ich spürte bald, dass die Theologie mir eher ermöglichte, ganz für die Menschen da zu sein und ihnen zu helfen.
Irène Scheidegger Bichsel: Nach Studienabschluss absolvierten wir an verschiedenen Orten das Vikariat, dann bewarben wir uns gemeinsam um die erste Stelle. Zu Beginn arbeiteten wir noch viel enger zusammen; wir unterrichteten im Team-Teaching, sprachen alles ab. Mit der Zeit spezialisierten wir uns mehr und mehr.
Erarbeiten Sie die Gottesdienste gemeinsam?
Irène Scheidegger Bichsel: Nein, aber ich bin dankbar, wenn mein Mann zum Gottesdienst kommt und mir danach eine sachliche, offene Rückmeldung gibt. Ab und zu lese ich ihm im Voraus etwas vor und frage ihn, was er von dieser oder jener Formulierung hält.
Pius Bichsel-Scheidegger: Ich mache das eher selten, erarbeite die Predigten in der Regel für mich allein. Aber auch ich bin froh, wenn mir meine Frau sagt, was ihr gefallen hat und was nicht. Oft hört man von der Gemeinde ja nicht viel. Man investiert zwei Tage Arbeit und erhält keine offene Rückmeldung. Ab und zu sagt jemand, die Predigt sei schön gewesen; manchmal spürt man während des Gottesdienstes, dass etwas passiert, dass die Worte die Zuhörenden erreichen. Aber grundsätzlich hat jede Predigt etwas Monologisches. Deshalb muss man immer wieder Kritik einfordern.
Kommen andere Besucher je nachdem, wer von euch die Predigt hält?
Irène Scheidegger Bichsel: Es gibt einzelne Besucher, die eher auf meinen Mann oder eher auf mich fixiert sind, aber es ist zum Glück nicht so, dass beim einen die Kirche voll ist und beim anderen leer. Oft ergeben sich tiefere Beziehungen durch die Seelsorge, und dann bleibt einer von uns der Hauptansprechpartner auch für eine Taufe, Hochzeit oder Beerdigung. Und bei den Feiertagsgottesdiensten wechseln wir uns ab, weil dann natürlich sehr viele Menschen in die Kirche strömen.
Pius Bichsel-Scheidegger: In der Seelsorge merken wir, welche Vorteile es hat, dass zwei Ansprechpartner da sind. Wenn eine Frau in der Scheidung steht, dann wendet sie sich eher an meine Frau, wenn ein Mann sich vor einer bevorstehenden Prostata-Operation fürchtet, fällt es ihm normalerweise leichter, mit mir darüber zu reden. Aber natürlich gibts auch die Ausnahmen: Männer, die sich leichter meiner Frau gegenüber öffnen, und Frauen, die einen besseren Draht zu mir haben.
Dürfen Sie miteinander über schwierige Fälle reden, oder untersteht das der Schweigepflicht?
Pius Bichsel-Scheidegger: Wir dürfen uns darüber austauschen, aber nichts an Dritte weitererzählen.
Irène Scheidegger Bichsel: Wenn jemand ausdrücklich wünscht, dass niemand davon erfährt, dann sage ich auch meinem Mann nichts. Man muss sehr zurückhaltend und verschwiegen sein in einem Dorf, sonst öffnen sich die Menschen nicht. Die Kirchgemeinde hat 1250 reformierte Mitglieder, wir haben nicht nur eine seelsorgerische Funktion, sondern sind auch eine niederschwellige Anlaufstelle für psychologische Beratung. Manchmal möchte ich Menschen mit psychischen Leiden gerne an eine neutrale Fachstelle verweisen, aber oft wollen sie in der Kirchgemeinde beraten werden von jemandem, den sie kennen. Mit diesem Vertrauen muss man sehr sorgfältig umgehen.
Wer von Ihnen hat den besseren Draht zu den Leuten?
Irène Scheidegger Bichsel: Wir haben uns bei der Hochzeit versprochen, dass wir uns nie konkurrenzieren oder gegeneinander ausspielen werden – das haben wir bis heute eingehalten. Ich freue mich, wenn mein Mann eine volle Kirche hat; wenn die Besucherzahlen zurückgehen, tragen wir das gemeinsam. Glücklicherweise sind wir beide sehr gut verankert in der Gemeinde. Der gute Draht ergibt sich primär aus der Spezialisierung: Die Senioren sind eher auf meinen Mann fixiert, junge Familien kommen eher auf mich zu.
Pius Bichsel-Scheidegger: Teilzeitarbeit hat den Vorteil, dass man das Selbstwertgefühl nicht vollständig aus dem beruflichen Erfolg ableitet. Wir müssen einander nicht beweisen, wer besser ist. Wir lieben unsere Arbeit, haben aber beide viele Freizeitbeschäftigungen, die für den nötigen Ausgleich sorgen. Wenn wir gemeinsam Kirschen verarbeiten oder im Garten etwas machen, ist das eine wunderbare Erholung.
Sie sind auch im Privatleben unzertrennlich?
Irène Scheidegger Bichsel: Nein, wir haben je eigene Bereiche, mein Mann zum Beispiel die Musik, ich die Meditation. Aber es stimmt schon, wir machen wahnsinnig viel zusammen. Es gibt allerdings durchaus Grenzen. So haben wir zwei Büros, zwei Computer, würden nie die Mails des anderen anschauen.
Kommt es vor, dass Sie sich streiten?
Irène Scheidegger Bichsel: Streiten? (Überlegt.) Da fällt mir nichts ein.
Pius Bichsel-Scheidegger: Wir sind ausgesprochen harmoniebedürftig und würden es schlecht ertragen, wenn wir uns so richtig an den Karren fahren würden. Natürlich kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen in Sachfragen, aber Streit, nein, das nicht.
Irène Scheidegger Bichsel: Am ehesten vielleicht, wenn einer von beiden am Anschlag ist und der andere noch etwas von ihm will. Aber meistens können wir uns in solchen Situationen entlasten. Das ist ein weiterer Vorteil der Stellenteilung: Wenn es einem von uns nicht gut geht, kann der andere einspringen und mehr Arbeit übernehmen. (Der Bund)
Erstellt: 01.07.2009, 09:18 Uhr








