Herr über Millionen von Verabredungen

Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 29.07.2009

Michael Näf, Gründer des Online-Terminplaners Doodle, hat aus seinem Hobby innerhalb von zwei Jahren eine florierende Firma gemacht.

Solides Wachstum hinter sich und schwarze Zahlen im Visier: Michael Näf will Doodle rasch profitabel machen. (zvg)

Solides Wachstum hinter sich und schwarze Zahlen im Visier: Michael Näf will Doodle rasch profitabel machen. (zvg)

Dass jemand im Moment der Firmengründung schon 200000 Kunden hat, ist eher ungewöhnlich. Als der Zürcher ETH-Absolvent Michael Näf sich Anfang 2007 entschied, sein Hobby zum Beruf zu machen, war er genau in dieser komfortablen Situation. Damals nutzten rund 200000 Menschen seinen Gratis-Internetservice Doodle, der es Gruppen erlaubt, auf einfache Weise Termine zu finden, die für alle passen. Näf hatte die Applikation vier Jahre früher programmiert. Er hatte sich mit Kollegen zum Nachtessen zu verabreden versucht, die Mails gingen hin und her, man fand keinen Termin. Also investierte er ein paar Wochen Freizeit und entwickelte ein einfaches Programm, wo alle Eingeladenen online in einen Kalender eintragen konnten, wann sie disponibel waren und wann nicht. So klappte es schliesslich.

Vom Hobby zum Unternehmen

Bald fragten die Ersten, die Näf so eingeladen hatte, ob sie das Programm für eigene Anlässe nutzen durften. Näf machte das Programm unter dem Namen Doodle («beiläufiges Gekritzel») im Internet zugänglich. Von da an verbreitete es sich wie von selber. «Das Schöne an Doodle ist das virale Wachstum», sagt Näf. «Wenn mans braucht, macht man immer andere darauf aufmerksam.» Bald kamen zur deutschen und englischen eine französische und eine italienische Version hinzu.

Ende 2006 realisierte Näf, der hauptberuflich als Lehrbeauftragter an der ETH tätig war, dass Doodle zu aufwendig wurde, um weiterhin als Hobby durchzugehen. Er besprach sich mit Paul Sevinç, seinem Bürokollegen an der ETH, und als dieser «Feuer und Flamme» war, wagten die beiden den Schritt in die Selbstständigkeit. Ihr erstes und wichtigstes Problem lag auf der Hand: Sie konnten zwar mit 200000 Nutzern loslegen, aber das waren eben nicht Kunden im herkömmlichen Sinn, sondern Nutzer, die keinen Rappen für den Service zahlten. Und das sollte auch so bleiben. Also galt es, Werbekunden zu gewinnen und Geld zu beschaffen.

Im ersten Jahr ein Taschengeld

Auch hier legten Näf und Sevinç ein beträchtliches Tempo an den Tag. Im April 2007, einen Monat nach der Gründung, erzielte Doodle laut Näf schon «signifikanten Umsatz» – verbindlicher drückt sich der 35-Jährige nie aus, wenn es ums Geld geht. Immerhin dies noch: Obwohl er und Sevinç im ersten Geschäftsjahr auf Lohn verzichten wollten, gab es dann doch ein rechtes Taschengeld. Auf der Suche nach Investoren, die Kapital für das Wachstum einschossen, wurden die beiden relativ schnell fündig. «Es war eine Mischung aus suchen und auswählen können», sagt Näf mit der ihm eigenen Gelassenheit. «Wir besuchten den Swiss Venture Day und merkten, dass wir als ,sexy case‘ galten, weil wir im Gegensatz zu vielen anderen bereits ein funktionierendes Produkt, Kunden und Medienpräsenz vorweisen konnten.» Es sei aber schwer abzuschätzen gewesen, welche der Interessenten ernsthafte, seriöse Absichten verfolgten. Seit 2008 sind die Innovationsstiftung der Schwyzer Kantonalbank und die Deutsche Creathor Venture an Doodle beteiligt, Näf ist weiterhin Hauptaktionär.

Das neue Kapital ermöglichte ein rasches Wachstum. 2008 seien die Besucherzahlen um fast 300 Prozent gestiegen, sagt Näf, nach wie vor wachse man rasant. Doodle ist heute in 29 Sprachen abrufbar, monatlich nutzen drei Millionen Menschen den Dienst, in der Schweiz, dem deutlich wichtigsten Markt, sind es 850000 User jeden Monat (ungefähr jeder Fünfte mit Internetzugang). «Nächstes Jahr soll Doodle selbsttragend sein», sagt Näf. Auf der Lohnliste stehen heute bereits neun Angestellte.

Ignorieren und Delegieren gelernt

Was bleibt dem Gründer und Chef da zu tun, wenn acht Mitarbeiter die einfache Idee umsetzen? «Schwer zu sagen», sagt Näf und lacht. Es sei die Summe vieler Details, die seinen Job anspruchsvoll mache. So musste er erst einmal lernen, nur hundert von den tausend Mails zu bearbeiten, die er jede Woche erhält, ganz nach dem Motto «Ignorieren und Delegieren». Gleichwohl hat Näf nach wie vor in praktisch allen Bereichen seine Finger im Spiel, er programmiert auch weiterhin, wenn auch nur wenig. «Ich will nicht überall der Beste sein, aber ich will in jedem Bereich gut genug sein, um die Spezialisten herausfordern zu können», sagt Näf.

Seine Hauptaufgaben sind heute Personalführung und Repräsentation gegen aussen. Beides fiel ihm nicht auf Anhieb leicht. Näf ist nicht einer, der das Rampenlicht sucht. Zu Beginn vermittelte er manchmal den Eindruck, es sei ihm eher lästig, durch das Interesse der Medien vom Arbeiten abgehalten zu werden. Auch heute interpretiert er seine Gastgeberrolle ziemlich nüchtern, wenn er im Zürcher Technopark zum Gespräch empfängt, aber er ist gut dokumentiert und lässt durchblicken, was er gerne im Artikel lesen würde.

«Plötzlich war ein Angestellter da»

Über Personalführung hatte er sich erst einmal nicht allzu viele Gedanken gemacht. «Wir legten los, und plötzlich stand ein erster Angestellter da, um den man sich kümmern musste. Und dann noch einer und noch einer.» Erst mit der Zeit habe er sich überlegt, auf was es ihm bei der Zusammenarbeit ankomme. Wichtig sind ihm eine offene Diskussionskultur und einfache, transparente Prozesse.

Alles in allem kommt Näf auf 60 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche. «Ein Programm zu entwickeln, das gut genutzt wird, ist das eine, damit Geld zu verdienen, etwas ganz anderes», sagt der Informatikingenieur. Nebst der Akquisition von Werbekunden wie SBB, Orange, Sony oder Helvetic Tours stand die sanfte Weiterentwicklung des Doodle-Terminplaners im Vordergrund: Die Synchronisation mit Standardprogrammen wie Outlook, Google oder iCal wurde vorangetrieben, eine Light-Version fürs Handy-Display geschaffen und die Integration in soziale Netzwerke wie Facebook oder Xing bewerkstelligt.

Auf der Suche nach weiteren Einnahmequellen lancierte Näf das Angebot «Branded Doodle», das Unternehmen erlaubt, die Doodle-Seite dem eigenen Erscheinungsbild anzupassen und den Terminplaner so als Marketinginstrument zu nutzen.

Sein Wunschzettel ist leer

Konfrontiert mit der Frage, warum die bestechend einfache Idee bis jetzt nicht kopiert worden sei, antwortet Näf trocken: «Sobald etwas gut ist, gibts Konkurrenz – wir müssten uns Sorgen machen, wenn es keine gäbe.» Konkret nennt Näf zwei ernst zu nehmende nordamerikanische Konkurrenten, die aber «später begonnen haben und weniger international aufgestellt sind». Die Konkurrenz von Google oder Microsoft fürchtet er nicht. «Die ganz Grossen werden in diesem Stadium nichts riskieren. Die schauen, wie die Kleinen das machen, und kaufen dann den Besten.»

Näf will alles daran setzen, dass das Doodle sein wird. Vorderhand geht es ihm und seinem Team aber darum, ein Unternehmen aufzubauen, das sich selber finanzieren kann. Der Gedanke an einen späteren Verkauf macht ihm keine Sorgen. Auch wenn er dann Knall auf Fall reich werden sollte, würde er weiterhin einer Beschäftigung nachgehen – «warum nicht wieder als Angestellter?» Wohlstand sei für ihn jedenfalls nie ein Antrieb gewesen. «Ich brauche nicht viel Geld, um gut leben zu können. Ausser zwei Dutzend Büchern steht nichts auf meinem Wunschzettel.» Zeit zum Lesen hat er einstweilen nicht. (Der Bund)

Erstellt: 29.07.2009, 09:28 Uhr

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