Das Geschäft mit den Handydaten

Die junge ETH-Spin-off-Firma Teralytics hat rechtzeitig den Wert von Bewegungsdaten erkannt. Bereits nach drei Jahren ist sie weltweit für Transportunternehmen und Handelsketten tätig.

Transportbewegungen in den USA an einem Wochentag. Screenshot: www.teralytics.net

Transportbewegungen in den USA an einem Wochentag. Screenshot: www.teralytics.net

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Das digitale Zählwerk dreht sich, das Auge kommt kaum nach. Die ETH-Spin-off-Firma Teralytics zeigt damit auf ihrer Website spielerisch, dass in einem bestimmten Moment weltweit Millionen Daten abgespeichert werden. Der Zähler symbolisiert aber auch, was das junge Unternehmen kann: Es sammelt und analysiert Personendaten aus einem unstrukturierten gigantischen Haufen, der Sekunde für Sekunde in den Servern der Telecomfirmen anwächst.

Wer es versteht, die Daten klug zu nutzen und einen Wert daraus zu ziehen, der ist heute und in Zukunft im Geschäft. So sahen das jedenfalls die Gründer von Teralytics vor drei Jahren: Donald Kossmann, ETH-Professor am Institut für Informationssysteme, und zwei seiner Informatikstudenten. «Früher verdienten IT-Firmen mit dem Softwareverkauf Geld, nun lässt sich die Information in gesammelten Daten vergolden», sagt Kossmann.

Für die Verkehrsplanung

Das Spin-off interessiert sich besonders dafür, wie sich die Menschen im Alltag bewegen. Dafür ist das Unternehmen Partnerschaften mit Telecomfirmen in Europa, vor allem aber in den USA und in Asien eingegangen. Es entwickelte unter anderem eine Software, um effizient und schnell in der Datenflut des Handynetzes die Spreu vom Weizen zu trennen – je nach Fragestellung des Kunden. Zum Beispiel wollen Transportunternehmen wissen, ob die Bevölkerung ihr Reiseverhalten verändert hat. «Mit unserem Tool können wir feststellen, mit welchen Verkehrsmitteln sich die Bevölkerung zwischen Städten bewegt», sagt Mitgründer Luciano Franceschina.

Kossmanns Lieblingsauftrag stammt aus den USA. Dort soll eine Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecke gebaut werden. «Der Kunde will nun das Pendlerverhalten untersuchen, um herauszu­finden, ob sich die Investition lohnt», so der ETH-Professor. In Singapur analysierte das Unternehmen für eine Handelskette, wie viele Menschen die Shoppingmalls besuchen. Teralytics greift dabei allein auf die Standarddaten zurück, die es braucht, um das Handynetz ­technisch aufrechtzuerhalten. «Durchschnittlich 300-mal pro Tag nehmen die Antennen einer Zelle Kontakt mit dem Handy auf», sagt Donald Kossmann. Jedes Mal wird das Signal aufgezeichnet und gespeichert. Mithilfe der Standortdaten der Antennen lässt sich der Benutzer grob orten.

Wird ein Handy in Berlin registriert und eine Stunde später in Frankfurt, so ist der Benutzer im Flugzeug unterwegs gewesen. Werden die Informationen mit den öffentlich zugänglichen Fahrplan­daten kombiniert, können Zugpassagiere erkannt werden. Die Analyse verlangt keinen genauen Ortspunkt. «Für uns sind nicht die Daten eines Einzelnen wichtig, sondern der Masse. Uns interessiert ausschliesslich das Verhalten der Bevölkerung», sagt Donald Kossmann.

Das macht auch den Datenschutz einfacher. Die Handyinformationen sind anonymisiert, den Daten kann man weder Telefonnummer noch Wohnort zuordnen. «Wir sind für eine starke Regulation», sagt Kossmann. Man glaubt ihm, immerhin ist er Mitautor des Berichtes der Schweizer Akademie der Wissenschaften zu den Risiken und Chancen von Big Data im heiklen Gesundheits­wesen. Die europäischen Datenschutz­regelungen seien ziemlich klar; und seine Firma sei bestrebt, diesen Standard auch in den USA und in Asien zu setzen, wo immer noch relativ locker mit persönlichen Daten umgegangen werde. Im Gegensatz zu Unternehmen wie Google und Amazon, das betonen die Firmengründer, produziere Teralytics keine personalisierten, individuellen Profile.

«Es gibt immer wieder Anfragen, bei denen es um Personenüberwachung etwa in Krisengebieten geht. Das ist nicht unser Geschäft», sagt Kossmann. Diese Philosophie helfe, vor allem in den USA mit Telecompartnern in Kontakt zu kommen. «Die Schweiz gilt als zuverlässig, und das schätzt man.»

Nur Bewegungsdaten

So ist am Firmensitz an der Zollstrasse, nahe beim Zürcher Hauptbahnhof, denn auch kein riesiger Serverraum auszumachen. Die heiklen Personendaten bleiben bei der Datenquelle, also beim Telecomanbieter. Und Teralytics baut die Analyse-Software im Rechenzentrum des Datenlieferanten ein. Ausschliesslich Informationen über das Bewegungsverhalten der Gesamtbevölkerung verlassen das Datenzentrum. Und dieses Geschäft läuft gut. Das Unternehmen hat den richtigen Zeitpunkt gewählt. Bei ­Teralytics arbeiten bereits über 50 Ingenieure verschiedener wissenschaftlicher Couleur und aus 20 Nationen. Bereits gibt es zwei Aussenstellen, in New York und Singapur. Dort gebe es mehr Datenlücken, sei es bei Verkehrsfragen oder städtebaulichen Projekten.

Die Schweiz ist dafür die Talentschmiede. «An der ETH gibt es gut ausgebildete Ingenieure, die wir dringend bräuchten», sagt Informatiker Luciano Franceschina. Doch viele Talente sind Ausländer, die nicht mehr automatisch eine Aufenthaltsbewilligung erhalten, wenn sie ein Jobangebot haben. «Ist es nicht seltsam, dass die Schweiz Leute ausbildet, die aber nur mit grossem bürokratischem Aufwand im Land bleiben dürfen?», fragt Donald Kossmann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2016, 22:44 Uhr

Datenschutz: Recht auf eine Kopie

Wer sich eine Kundenkarte anschafft, eine App herunterlädt oder bei Netzwerken mitmacht, gibt seine Privatsphäre preis. Sobald man die Nutzungsbedingungen akzeptiert, überlässt man Unternehmen wie Google oder Amazon seine Daten für Kundenprofile, Gesundheitsanalysen oder für die Forschung. Auch wenn die Daten anonymisiert werden, besteht doch das Risiko des Missbrauchs.

Personendaten zu verwerten und zu kombinieren, spielt im Geschäft mit Big Data eine wesentliche Rolle, heisst es im Bericht «Big Data im Gesundheitswesen» der Akademie der Wissenschaften. Die möglichen Vorteile für die Gesellschaft seien zwar enorm. Aber die Autoren, hauptsächlich Wissenschaftler der ETH, der Universität und der IBM Research Zürich, warnen auch: «In weniger als zehn Jahren haben wir die Kontrolle über unsere digitale Identität verloren.» Für den Zürcher Datenschutzbeauftragten Bruno Baeriswyl ist dies bei den Smartphones bereits geschehen. «Die Datenhoheit ist bei den Unternehmen.» Generell ist Big Data laut den Autoren allein durch die Gesetzgebung nicht zu kontrollieren. Wie kompliziert die Gesetzeslage ist, zeigt der politische Prozess für die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung: Mehrere Tausend Änderungsanträge wurden gestellt. Die Fachleute schlagen im Bericht der Akademie vor, sich verstärkt mit dem Konzept der «digitalen Souveränität» zu beschäftigen. Das heisst: Jede Einzelperson hat ein Recht auf ihre Daten.

Der Zürcher Staatsrechtsprofessor Thomas Gächter möchte gar ein «Recht auf Kopie» in der Schweizer Verfassung verankern. Dem­zufolge müsste jedes Unternehmen dem Datenlieferanten, etwa dem Handybenutzer, seine Daten als Kopie zur Verfügung stellen. Datenschützer Bruno Baeriswyl ist skeptisch: «Es ­fehlen noch präzisere Vorstellungen.»(lae)

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