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Wenn erdbebensichere Häuser einstürzen

Von Martin Läubli. Aktualisiert am 24.02.2011 3 Kommentare

In Neuseeland ist erdbebensicheres Bauen Vorschrift. Gebäude werden nach den neusten Erkenntnissen der Ingenieurtechnik erstellt. Dennoch hat das Beben vom Dienstag viele Gebäude zerstört. Die Gründe.

Wie sicher ist erdbebensicher? Trümmern eines Gebäudes im Zentrum von Christchurch.

Wie sicher ist erdbebensicher? Trümmern eines Gebäudes im Zentrum von Christchurch.
Bild: Keystone

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Neuseeland ist ein Erdbebenland. Gegen 15'000 Beben, kleinere und grössere, registriert der nationale Erdbebendienst jährlich. Das Beben vorgestern in Christchurch auf der Südinsel Neuseelands war das zweite schwere innert weniger Monate. Doch diesmal war alles anders: Der Untergrund bewegte sich deutlich näher bei der Stadt, etwa 10 Kilometer südöstlich von Christchurch, in einer Tiefe von nur 5 Kilometern. Dabei wurde eine Energie der Magnitude 6,3 auf der Richterskala frei – im Gegensatz zum September 2010, als die Erde mit einer Stärke von 7,1 bebte. Trotz weitaus stärkerer Erschütterung wurde damals niemand ernsthaft verletzt, und die Schäden an Bauten und Infrastruktur waren deutlich geringer.

Diesmal befürchten die Experten ein schlimmeres Ausmass als 1931, als die Erde mit einer Stärke von 7,9 rüttelte und das Beben mehr als 250 Todesopfer forderte. Die Zahl der Opfer dürfte deshalb letztlich deutlich höher liegen als die bisher offiziell bestätigten 75 Toten. Mehr als 300 Menschen wurden noch vermisst.

Viele Menschen unterwegs

Das Beben ereignete sich zur Mittagszeit. Anders als beim stärkeren Erdbeben im vergangenen September, das sich in den frühen Morgenstunden ereignete, waren zu diesem Zeitpunkt viele Menschen auf den Strassen und in den Geschäften unterwegs oder arbeiteten in ihren Büros. Die Stadt war darauf nicht vorbereitet, obwohl in Neuseeland die Vorschriften für erdbebensicheres Bauen in den letzten Jahrzehnten stets entsprechend den Fortschritten der Ingenieurtechnik und der potenziellen Erdbebengefahr angepasst wurden. Experten der neuseeländischen Gesellschaft für Erdbeben-Ingenieurwesen schätzten nach dem September-Beben, dass sich die Bauweise in Christchurch generell bewährt hätte.

Grenzen des erdbebensicheren Bauens

Auch der amerikanische Erdbebendienst USGS beurteilt die Baustruktur in dieser Region als erdbebensicher. Trotzdem traf es diesmal sowohl moderne als auch ältere Gebäude, viele wurden total zerstört. Verschiedene Experten sind der Ansicht, dass gewisse Bauten bereits unter dem ersten Beben im letzten Jahr gelitten haben und deshalb nicht mehr standhielten. Dass dies die nun beobachteten Schäden mitverursacht haben könnte, glaubt auch der Geophysiker Florian Haslinger vom Schweizerischen Erdbebendienst. «Belegt ist dies aber nicht», schreibt Haslinger in einer Medienmitteilung der ETH Zürich. «Man kommt irgendwann auch mit erdbebensicherem Bauen an eine Grenze.» Laut Haslinger waren die vom Erdbeben generierten Boden-Beschleunigungswerte bis mehr als doppelt so hoch wie die Erdbeschleunigung. «Wenn derart extreme Beschleunigungen noch in der richtigen Frequenz kommen, können selbst relativ erdbebensichere Gebäude schwere Schäden davontragen.»

Domenico Giardini, Leiter des Instituts für Geophysik an der ETH Zürich, sagt: «Die Analysen werden zeigen, ob die Baunormen in Christchurch künftig noch genügen.» Seismologen zählten die Region um die Stadt mit 400'000 Einwohnern bisher nicht zu den Zonen der stärksten möglichen Erdbeben. Diese liegen auf der Südinsel im Westen und auf der Nordinsel im Osten – entlang der Nahtstelle, wo sich die Indisch-Australische Erdplatte unter die Pazifische Platte bewegt. Bei diesen Erdbewegungen werden Spannungen aufgebaut, die sich regelmässig entladen mit einer Energie bis zu Magnitude 8. In der Hauptstadt Wellington auf der Nordinsel zum Beispiel sind deshalb die Baunormen noch strenger als in Christchurch.

Hohe Bodenbeschleunigung

Das kann sich aber in Zukunft durchaus ändern. Denn letztlich ist für die Stabilität nicht die Erdbebenstärke relevant, sondern unter anderem die sogenannte Bodenbeschleunigung, also die Kraft, die an den Häusern und Bauten zieht, wenn sich der Boden während der Erdstösse horizontal und vertikal verformt. «Mit der Frequenz der Erdbebenwellen erhöht sich die Bodenbeschleunigung», sagt Giardini. Im Allgemeinen nehmen die Werte der Beschleunigung mit der Distanz zum Bruch ab. Der Erdbebenherd befand sich am Dienstag jedoch näher an der Oberfläche als beim Septemberbeben, was die stärkere Bodenbeschleunigung erklären kann.

Nicht nur die künftige Bauweise wird die Experten in Zukunft beschäftigen, sondern auch der Untergrund, auf dem die Stadt gebaut ist. Der Herd für die regelmässigen Erschütterungen in dieser Region ist ein aktives regionales Bruchsystem. Das aktuelle Beben erscheine wie eines der etlichen Nachbeben auf das Hauptereignis im letzten September, heisst es in einer ersten Analyse des amerikanischen Erdbebendienstes USGS.

Neues, heikles Kluftsystem

Doch finden die Seismologen bisher keine «spezifischen Strukturen», die eine geologische Verbindung zum Hauptbruch aufzeigen, von wo das Beben im letzten Jahr ausgelöst wurde. Das heisst: Unter der Region um Christchurch könnte sich ein eigenes, heikles Kluftsystem gebildet haben.

Das Risiko würde in diesem Fall für Christchurch enorm steigen. Auch wenn das Ausmass des diesjährigen Erdbebens noch nicht abschliessend überschaut werden kann: Die Schäden dürften laut dem Geologischen Dienst der USA 10 bis 60 Prozent des neuseeländischen Bruttoinlandprodukts betragen, das den Gesamtwert der jährlichen Produktion von Gütern und Dienstleistungen beziffert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2011, 06:30 Uhr

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3 Kommentare

Martin Rüedi

24.02.2011, 08:44 Uhr
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10 bis 60 Prozent? Das tönt nach einem "Too-big-to-fail" Problem! Antworten


Aschi Oiram

24.02.2011, 10:31 Uhr
Melden

Beschleunigungen bis 2g, da dürfte manches erdbebensichere Haus kapitulieren. In der Schweiz besteht die Wahrscheinlichkeit 20% für jemanden der 80 Jahre alt wird, dass er ein "Basler Erdbebeben" Stärke 7 und mehr, einmal erlebt. Die meisten Bauherren, viele Architekten und Bürger können diese Aussage nicht verstehen. Dabei ist erdbebensicher oder Gasexplosionen resistent bauen nicht aufwendig. Antworten



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