Man kann Seilbahn-Fahrgäste nicht einfach hängen lassen
Von Walter Jäggi. Aktualisiert am 31.01.2012 2 Kommentare
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Auch sportlichen Benützern von Seilbahnen ist nicht ganz wohl bei der Vorstellung, auf einem Sessel oder in einer Kabine in luftiger Höhe hängen zu bleiben. Wie kommt man da wieder raus, wenn die Bahn stehen bleibt, fragt sich mancher Feriengast. Wer sich von der Statistik überzeugen lässt, kann beruhigt sein: Das Risiko von Pannen und Unfällen bei den Seilbahnen ist gering. Im Jahr 2010 wurden auf den 638 vom Bund konzessionierten Seilbahnen 250 Millionen Fahrgäste befördert. Zum Vergleich: Die SBB beförderten 350 Millionen. In Österreich transportieren die Seilbahnen mit 600 Millionen Passagieren im Jahr sogar mehr als doppelt so viele wie die Staatsbahn ÖBB.
Bei den Schweizer Seilbahnen gab es 64 sogenannte Ereignisse, also Unfälle und Störungen, dabei wurden 21 Fahrgäste und 4 Seilbahnmitarbeiter verletzt. Nicht in dieser Statistik erfasst sind die Skilifte und Rodelbahnen und die kantonal konzessionierten Seilbahnen. Hier gab es im Jahr 2010 zwei Todesfälle. Auf Sesselbahnen ereignen sich Unfälle hauptsächlich beim Ein- und Aussteigen, bei Kabinenbahnen gibt es so gut wie keine Unfälle.
Einmal im Jahr wird geübt
Steht eine Seilbahn wegen einer Panne still und lässt sich nicht wieder in Betrieb setzen, kommt es zu einer Evakuation. Laut dem Bundesamt für Verkehr war das in der Schweiz 2010 nur zweimal der Fall. Nach den provisorischen Zahlen gab es 2011 jedoch fünf Bergungsaktionen. Ein Trend lässt sich bei so kleinen Zahlen nicht darstellen.
Auch wenn längst nicht bei jedem technischen Defekt eine Bergung der Reisenden nötig ist, müssen die Bahnbetriebe darauf eingestellt sein. Die Bergung muss laut Seilbahnverordnung «unter allen zulässigen Betriebszuständen jederzeit sicher und rechtzeitig» ablaufen können. Mindestens jährlich muss eine Bergung geübt werden.
Die Internationale Organisation für das Seilbahnwesen hat einen umfangreichen Leitfaden ausgearbeitet, in dem aufgezählt wird, was zu tun ist. Im Idealfall sollte mit der Bergung spätestens 30 Minuten nach der Betriebsunterbrechung begonnen werden, nach drei Stunden sollte die Aktion beendet sein. Die Fahrgäste in den blockierten Sesseln oder Kabinen sollten über eine Sprechanlage über die Störung und über den Fortgang der Bergearbeiten informiert werden.
Der Helfer ist auch Psychologe
Für die Evakuierung braucht es genügend ausgebildetes Personal. Allenfalls müssen andere Bahnen oder Lifte abgestellt werden, damit auch deren Mitarbeiter bei der Bergung eingesetzt werden können. Vorbereitet sein müssen nicht nur die Hilfsgeräte, mit denen die Retter die Kabinen erreichen können, sondern auch die Geräte, die für das Abseilen der allenfalls bergungewohnten Passagiere dienen. Ausser technischem Verständnis brauchen die Helfer zudem psychologisches Geschick, denn es kann schon vorkommen, dass sich Fahrgäste weigern, die Kabine an einem Seil zu verlassen.
Sind die Passagiere befreit, müssen sie auf einem sicheren Weg zur Talstation zurückgebracht werden. Auch dies muss vorbereitet und geübt werden. Zum Beispiel braucht es unter Umständen Wege für Geländefahrzeuge, oder es müssen Raupenfahrzeuge zu den Orten gelangen, an denen die geborgenen Personen am Boden abgesetzt werden. Dabei müssen die Retter die Lawinengefahr bedenken. Steckt eine Kabine über einem Gelände fest, das kein Abseilen zulässt, etwa einer Felswand oder einer Schlucht, und gibt es keine Möglichkeit, sie zur nächsten Stütze zu bewegen, hilft am Ende nur noch der Helikopter. Jede Rega-Gebirgsbasis übe gemeinsam mit den «Rettungsspezialisten Helikopter» des Schweizer Alpen-Clubs oder der Alpinen Rettung Schweiz jährlich eine Evakuation, wie Ariane Güngerich, Mediensprecherin der Rega, erklärt. Spezialmaterial liege bei der Rega und den kommerziellen Helikopterbetrieben bereit. Die Rega ist für solche Einsätze höchstens einmal pro Jahr gefragt, die Übungen sind häufiger.
Neue Bahn ist bei Pannen sicher
Auch wenn die Bergung gut geübt ist und Material und Helfer rechtzeitig zur Stelle sein können, ist ein Ausstieg für die Fahrgäste zwar nicht gefährlich, aber doch Angst einflössend; man kann dabei körperlich wie auch psychisch gestresst werden. Der österreichische Seilbahnhersteller Doppelmayr hat deshalb ein neues Räumungskonzept entwickelt, das garantiert, dass niemand unterwegs aussteigen muss.
Die neuen Bahnen, von denen erst drei in Betrieb sind, die neuste am Grasjoch in Silvretta Montafon, verfügen über redundante Antriebssysteme und können auch im Pannenfall stets alle Kabinen in die normalen Stationen bringen. Allzu viele Details will Ekkehard Assmann, der Marketingleiter des Werks, nicht verraten, denn mit dem System habe man auf dem Weltmarkt einen Vorsprung auf die Konkurrenz.
Ausfall darf nicht zu Stillstand führen
Zentral ist jedenfalls, dass die wesentlichen Anlageteile doppelt vorhanden sind, sodass ein Ausfall nicht zum Stillstand führt. Der Antrieb kann beispielsweise sowohl von der Tal- als auch von der Bergstation sichergestellt werden. Die Seilscheibe, über die in der Station das Seil läuft, ist mit doppelten Lagern ausgerüstet, der Notantrieb lässt sich auch mit Dieselkraft bewegen, falls der Strom ausfällt. Spezialwerkzeug ist auf den Stützen vor Ort deponiert, damit Probleme dort von den Helfern sofort behoben werden können.
Ein derartiges «integriertes Bergungskonzept» wäre auch in der Schweiz zulässig – sofern der Bahnbetreiber gewährleisten könne, es sei so sicher wie die konventionellen Systeme, sagt Florence Pictet, Sprecherin des Bundesamts für Verkehr. Ob Schweizer Bergbahnen dies beabsichtigen, kann Ekkehard Assmann nicht sagen, das sei Sache der Seilbahnunternehmen. Es ist anzunehmen, dass diese nicht zögern werden, die Neuheit publik zu machen, sollte sie an einem Schweizer Berg zum Einsatz kommen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.02.2012, 08:35 Uhr
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