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Londoner müssen Wasser aus der Themse trinken

Von Walter Jäggi. Aktualisiert am 18.04.2012 1 Kommentar

Ein ungewöhnlich trockener Frühling hat im Südosten von England zu akuter Wasserknappheit geführt. Jetzt kommt die einzige Anlage für Meerwasserentsalzung auf der Insel zum Zug.

Produziert bis zu 150 Millionen Liter Trinkwasser am Tag: Die Entsalzungsanlage beim Londoner City Airport.

Produziert bis zu 150 Millionen Liter Trinkwasser am Tag: Die Entsalzungsanlage beim Londoner City Airport.
Bild: Ben Stansall/AFP

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Das Bild vom stets regnerischen England stimmt nicht mehr. Im Südosten, inklusive der Metropole London, lagen die Regenmengen in 20 der letzten 25 Monate unter dem langjährigen Durchschnitt, oft sogar massiv. Es ist die trockenste Zweijahresperiode seit Beginn der Messungen 1884. An einigen Orten fiel der Grundwasserpegel auf Werte nicht weit vom Allzeittief, die Zuflüsse zur Themse zeigen Wasserstände, die für die Jahreszeit ungewöhnlich tief sind, manche sind praktisch leer. Seit Anfang April gelten in mehreren Regionen strenge Vorschriften für den Wasserbezug, vor allem ist es verboten, Rasen zu bewässern oder gar Brunnen und Schwimmbassins zu füllen.

Gigantische Wasserverluste entstehen aber nicht nur durch Trockenheit, sondern auch, weil der Unterhalt des Leitungsnetzes vernachlässigt wurde. Dies wird dem Wasser- und Abwasserunternehmen für Grosslondon, Thames Water, schon seit längerem vorgeworfen. 2010 versickerten täglich 435 Millionen Liter durch die vielen Lecks, rund 20 Prozent der produzierten Menge. Zwar werden nun viele der mehr als hundertjährigen Leitungen unter der Hauptstadt ersetzt, doch die Verluste sind immer noch immens. Ganz vermeiden lassen sie sich nicht, 20 bis 30 Prozent sind in Industrieländern nicht selten, in Entwicklungsländern sind es oft 50 Prozent. Selbst in der Schweiz betrugen die Verluste im Jahr 2010 noch 13,3 Prozent.

Mit Chlor desinfiziert

Bereits 2007 kam Thames Water mit der Idee, Wasser aus der Themse zu entsalzen, um dem immer wieder auftretenden Wassermangel zu begegnen. Der damalige Stadtpräsident Ken Livingstone verweigerte jedoch die Zustimmung und meinte, das Wasserwerk würde besser daran tun, etwas gegen die Verluste zu unternehmen. Die Umweltbehörde riet, man solle in den Haushalten Wasserzähler installieren, um den Verbrauch zu drosseln. Seit 2010 steht nun aber in Beckton, unweit des Flughafens London City, eine Entsalzungsanlage. Sie kann bis zu 150 Millionen Liter Trinkwasser pro Tag produzieren. Da sie ziemlich viel Energie verbraucht, soll sie allerdings nur bei Bedarf in Trockenzeiten betrieben werden. Das war dieses Frühjahr bereits im März der Fall.

Das Wasser wird während der Ebbe der Themsemündung entnommen. Es ist Brackwasser, denn die Themse wird von Bächen wie auch vom Ärmelkanal her gespeist. Das Flusswasser wird zunächst durch mehrere Filter mit einer Feinheit von bis zu 5 Mikrometern geleitet und mit Chlor desinfiziert. In einem vierstufigen Prozess nach dem Prinzip der Umkehrosmose wird ihm dann das Salz entzogen, indem das Wasser mit starkem Druck durch ultrafeine Membranen gepumpt wird, welche die Salzteilchen zurückhalten. Zum Schluss wird das saubere Wasser mit Mineralien angereichert, damit es trinkbar und nicht zu weich ist.

Im Nahen Osten wird verdunstet

Die Anlage in Beckton wird zwar mit Biotreibstoffen, Solarenergie und durch die Rückgewinnung von Pumpenenergie betrieben, der Aufwand ist dennoch beträchtlich. Ins Gewicht fallen neben dem eigentlichen Entsalzungsprozess auch die Phasen der Vorreinigung und der Nachbearbeitung. Immerhin ist die Umkehrosmose weniger aufwendig als die weltweit nach wie vor verbreitete Methode, das Salz durch Verdunsten auszufällen und das Trinkwasser aus dem Kondensat zu gewinnen. Wo, wie zum Beispiel im Nahen Osten, reichlich Öl oder Gas zur Verfügung stehen und die Abwärme gleich für die Stromproduktion genutzt werden kann, mag dieses Verfahren rentabel sein, es erzeugt aber sehr grosse Mengen von CO2.

Die Umkehrosmose wurde in den letzten Jahren durch die Entwicklung immer besserer Membranen, Pumpen und Energierückgewinnungssysteme optimiert. Menachem Elimelech von der Universität Yale zeigte im Magazin «Science» im letzten August, dass sich der Energieaufwand pro Kubikmeter Wasser von mehr als 15 Kilowattstunden in den Siebzigerjahren auf weniger als 2 Kilowattstunden verringert hat. Je nach Salzgehalt des Rohwassers liegt das theoretische Minimum zwischen 0,5 und 1 Kilowattstunden. Der Aufwand für die Vor- und Nachbehandlung liegt über 1 Kilowattstunde.

Löcher in Echtzeit finden

Der grosse Energiebedarf und die wachsende Nachfrage nach Entsalzungstechnik in den explodierenden Megastädten am Meer führen zu immer neuen Entwicklungen. Zum Beispiel wird mit Membranen aus Nanoröhrchen experimentiert oder mit Vakuumsystemen, die für die Verdampfung weniger hohe Temperaturen erfordern. Im vergangenen Sommer stellte der Siemens-Konzern ein ganz neues Verfahren vor, das mit 50 Prozent der Energie bisheriger Anlagen auskommt. Im Gegensatz zur Umkehrosmose mit sehr starken Pumpen wird ein elektrochemischer Prozess angewandt. Ein elektrisches Feld zieht die Natrium- und die Chlor-Ionen aus dem vorbeifliessenden Wasser, dieses muss damit keine Membrane passieren, die ihm Widerstand entgegensetzt.

Die Bekämpfung der Leckagen im Leitungsnetz wird übrigens ebenfalls verbessert. Thames Water hat sich die Unterstützung eines israelischen Softwareanbieters gesichert. Das von Amir Peleg gegründete Unternehmen TaKaDu wertet die Daten von Sensoren und Messstellen im Leitungsnetz so raffiniert aus, dass in Echtzeit sofort dargestellt werden kann, wo Wasser verloren geht. Somit können die Reparaturequipen schnell eingreifen. Peleg wurde am Weltwirtschaftsforum 2011 mit einem Pionierpreis ausgezeichnet, seit Anfang April ist an seiner Firma auch der Schweizer Hightechkonzern ABB beteiligt, dessen Automatisierungssysteme weltweit bei Wasserversorgungen im Einsatz sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2012, 13:45 Uhr

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1 Kommentar

walter bossert

19.04.2012, 17:22 Uhr
Melden 1 Empfehlung 0

Nun werden die Engländer bald auch noch AKW,s bauen um das Meerwasser zu entsalzen.Aber das Boot ist noch lange nicht voll. Antworten



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