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Furka-Bergstrecke vor der Wiedereröffnung

Von Erwin Haas, Oberwald. Aktualisiert am 23.07.2010 7 Kommentare

Der Traum von Bahn-Nostalgikern geht in Erfüllung: Bald verkehrt die dampfbetriebene Bahn wieder zwischen dem Wallis und Uri.

Die Furka-Dampfbahn auf einem Streckenabschnitt bei Gletsch im Wallis.

Die Furka-Dampfbahn auf einem Streckenabschnitt bei Gletsch im Wallis.
Bild: Keystone

«Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass auf dieser Strecke je wieder ein Zug fährt», sagte der Pfarrer von Realp vor 25 Jahren. Doch er liess sich bald eines Besseren belehren, denn die historische Dampfbahn des Vereins Furka-Bergstrecke (VFB), die im Sommer das Wallis und das Urnerland verbindet, kam seit 1992 immer besser in Fahrt und steht kurz vor der Vollendung. Am 12. August nimmt sie den letzten Abschnitt in Betrieb, der für die ganzen 17,8 Kilometer noch fehlte: das steile Stück zwischen Oberwald und Gletsch.

Zu verdanken ist das auch dem in den USA lebenden Berner und Synthes-Stratec-Chef Hansjörg Wyss, der mit Knochenschlosser-Technik Milliardär geworden ist. «Warum geht es hier nicht weiter?», fragte er 2005 nach einer Ferienfahrt von Realp nach Gletsch – und zahlte spontan 3,7 Millionen Franken in die Kasse der Stiftung Furka-Bergstrecke, um die letzte Lücke zu schliessen.

Frondienstler aus ganz Europa

Mitte Juli beim Bahnhof Oberwald: Während nebenan der Glacier-Express und die Autozüge durch den 1982 eröffneten Furka-Basistunnel fahren, schwitzt die VFB-Gruppe Berlin-Brandenburg beim Bau des Nostalgiebahn-Perrons. Zwischen Oberwald und Gletsch betoniert ein Trupp einen Wassersilo für die Sprinkleranlage, die den Bannwald vor dem Funkenwurf der Dampfloks schützen soll. Eine andere Gruppe hebt die Schienen um drei Millimeter an, damit das Lokzahnrad perfekt in die Zahnstangen greift.«Auch wir fassen mit an», steht auf den T-Shirts der Berliner. Denn nicht nur von Spendern, sondern vor allem von den «Fronis» lebt das Projekt: Tausende von Frondienstlern aus der Schweiz und ganz Europa opfern seit 1985 ihre Ferien und leisten gratis über 10'000 Stunden pro Jahr.

Einer der wenigen Festangestellten des VFB ist der 55-jährige Bauleiter Manfred Willi aus Goldau. Der frühere Chef einer SBB-Unterhaltsregion war von Anfang an dabei. Er gehörte zu den paar Verrückten, die 1986 die anfängliche Vereinsmeierei durch Tatkraft ersetzten und einfach einmal anfingen: Sie bauten das eingestürzte Portal des ersten Tunnels bei Realp wieder auf. «Dilettanten-Bogen», sagten die Skeptiker. Die Tunnels waren verwahrlost, das Trassee von Lawinengeschiebe beschädigt, die Gleise von Buschwerk überwuchert. Aber die Bahnfans liessen so wenig locker wie Fitzcarraldo, der im Film ein Schiff über einen Berg im Urwald schleppt.

«Back to Switzerland»

Es hatte in den Siebzigerjahren zum politischen Spiel der Walliser und der Furka-Oberalp-Bahn gehört, die Bergstrecke zu vernachlässigen und schlechterzumchen, als sie war – um den wintersicheren Basistunnel durchzusetzen. Doch nicht einmal das Unwetter von 1987, bei dem die Furkareuss 200 Meter Gleise wegriss, vermochte die Bahnfans zu entmutigen. «Der Dilettanten-Bogen», sagt Manfred Willi, «hat eine Eigendynamik ausgelöst, die bis heute anhält.» Legendär ist die Aktion «Back to Switzerland» 1990: Zwölf Delegierte der Bahn holten unter abenteuerlichen Umständen und mit viel Bestechungsgeld sechseinhalb Dampfloks aus dem vietnamesischen Hochland zurück, die 1947 dorthin verkauft worden waren.

Zum Lebensinhalt geworden

Nun glaubten auch die hartnäckigsten Zweifler an die Wiederbelebung der Furka-Dampfbahn. Der Goodwill wurde immer grösser, das Netzwerk immer dichter. In Realp wurde die Basis ausgebaut, im deutschen Meiningen und in Chur restaurieren Fachleute die Dampfloks, andere in Aarau die Wagen.

Hilfe kam von überall, besonders auch bei der Materialbeschaffung. Während Manfred Willi erzählt, klingelt immer wieder sein Handy – zweimal mit Hinweisen aus der Romandie und von der Zürcher Forchbahn, dass einmal mehr noch brauchbare Schienen vor dem Ende beim Schrotthändler bewahrt werden könnten.

Profis jeder Gattung

«Die Naturaliengaben reichen vom Farbkübel und Gemüse für ein Lehrlingscamp bis zum Bagger oder einer Woche Schweissereinsatz einer ganzen Firmenequipe», sagt Willi. Bei der Durchsicht seiner Bettelbriefe, die bisher Material und Dienstleistungen im Wert von fast 700'000 Franken eingebracht haben, kommen ihm manchmal Tränen der Rührung. Willi wird nicht müde, die Verdienste der Freiwilligen herauszustreichen. 500 bis 700 Gesichter sehe er pro Jahr. Es sind Profis jeder Gattung dabei: Ingenieure als Lokführer, ein Betriebspsychologe für Stimmungsschwankungen und als Kondukteur, Laien mit gutem Willen, IV-Rentner, Pensionierte und Lehrlinge bahnfreundlicher Firmenchefs. Alle beseelt vom Gedanken, die Furka-Dampfbahn wieder fahren zu sehen. «Für viele ist die Bergstrecke zum Lebensinhalt geworden», sagt Willi, «auch für mich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2010, 21:56 Uhr

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7 Kommentare

Franz Karrer

23.07.2010, 06:59 Uhr
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Gratulation - Tolle Leistung von allen Beteiligten !! Als Highlight sollte der Glacierexpress im Sommer diese Strecke wieder befahren ! Dafür müssten wohl Leistungsstarke Dieselloks angeschafft werden, der Glacierexpress würde dadurch noch attraktiver. Antworten


Patrick Weiss

23.07.2010, 07:48 Uhr
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Einfach super, was hier an Freiwilligenarbeit und mit Spenden geleistet worden ist. "Wenn Du ein Schiff (Bergbahn) bauen willst, so trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer (Bergwelt)." (Antoine de Saint-Exupéry). Antworten



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