Der Abfall des Abfalls
Von Walter Jäggi. Aktualisiert am 07.07.2010 6 Kommentare
Das Abfallkonzept der Schweiz ist einfach: Was nicht rezykliert werden kann, wird verbrannt. Die Hälfte des sogenannten Siedlungskehrichts gelangt hierzulande in die Verbrennungsöfen. Ähnlich ist der Anteil nur in Dänemark und Schweden, während in Frankreich ein Drittel, in Deutschland sogar nur ein Viertel des Mülls verbrannt wird.
In Deponien geht in der Schweiz kein Hauskehricht mehr, in Italien ist es immer noch mehr als die Hälfte, in Grossbritannien sind es zwei Drittel. In der Schweiz bestehen allerdings nach wie vor rund 4000 Altlasten, die saniert werden müssen, vorwiegend unbehandelte Industrieabfälle aus einer Zeit, als man noch dachte, unter einer Schicht Lehm seien auch gefährliche Stoffe gut versorgt. Die Sanierung dieser Altlasten werde in den nächsten 25 Jahren schätzungsweise 5 Milliarden Franken kosten, sagte Hans-Peter Fahrni, scheidender Chef der Abteilung Abfall und Rohstoffe im Bundesamt für Umwelt (Bafu), kürzlich an einer Fachtagung.
Anders als in anderen Ländern ist die Kehrichtverbrennung in der Schweiz akzeptiert und in einigen Städten schon seit mehr als 100 Jahren üblich. Die Verbrennung hat eindeutige Vorteile: Das Abfallvolumen wird stark reduziert, der Brennwert kann genutzt werden, die hygienischen Probleme einer Deponie werden vermieden. Das System hat sich in der Schweiz so gut eingespielt, dass ein wesentlicher Faktor in Vergessenheit geraten ist: Das Endprodukt Kehrichtschlacke ist noch gar nicht perfekt. In der Schlacke stecken Schadstoffe, aber auch Wertstoffe, die sich mit modernen Verfahren abtrennen liessen.
Kein Strassenuntergrund
Aus den jährlich 3,5 Millionen Tonnen Abfall entstehen in den Schweizer Kehrichtwerken 700'000 Tonnen Schlacke. Darin enthalten sind unter anderem 50'000 Tonnen Eisen und 25'000 Tonnen Nichteisenmetalle, vor allem Aluminium. Auch allerlei Schadstoffe überstehen den Verbrennungsprozess und finden sich in der Schlacke wieder. Die während Jahren übliche Verwendung von Kehrichtschlacke als Baumaterial für Strassenuntergründe oder gar für Waldwege wurde deshalb 1997 abrupt beendet. Seither wird die Schlacke deponiert, mitsamt den schädlichen und den nützlichen Bestandteilen.
Jetzt wird versucht, durch eine Nachbehandlung der Schlacke, die aus dem Ofen kommt, die Qualität des Endproduktes zu verbessern. Ideen für neue Verfahren gibt es viele, die Fortschritte in den Betrieben sind bisher eher bescheiden. «In den Achtzigerjahren herrschte ein hoher Druck auf die Behörden nach den Vorfällen von Kölliken, Seveso und Schweizerhalle», sagte Jürg Suter an der Tagung. Suter, der die Schweizerische Konferenz der Vorsteher der Umweltschutzämter präsidiert, beklagt, dass die Abfallwirtschaft plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehe. Kosten- und Energieargumente würden mittlerweile höher gewichtet als die stofflichen Aspekte, technische Innovationen seien gegenwärtig kaum gefragt.
«Schadstoffe sind wichtiger als Energie», meinte Paul H. Brunner, Professor für Abfallwirtschaft an der Technischen Universität Wien. Er wies auch darauf hin, dass der Stoffmix im Abfall sich laufend verändert. In den Achtzigerjahren enthielten die Produkte der Informationstechnik etwa 11 Elemente aus dem Periodensystem, in den Neunzigern waren es 15, heute sind rund 60 chemische Elemente vertreten, die alle irgendwann im Kehricht auftauchen. Der Bestand an elektrischen und elektronischen Geräten in den Haushaltungen wächst ständig, man kann die Kehrichtlawine der kommenden Jahre geradezu kommen sehen.
Rohstoffbilanz unvollständig
Für Gérard Poffet, Vizedirektor des Bundesamtes für Umwelt, wäre es dringend nötig, nicht mehr nur Abfallpolitik zu betreiben, sondern die ganzen Stoffflüsse mit einer Rohstoffpolitik zu erfassen. Jeder Einwohner der Schweiz verbraucht im Durchschnitt pro Jahr 6600 Kilogramm Kies und Sand, 1700 Kilogramm Brenn- und Treibstoffe (Heizöl, Benzin, Diesel), 590 Kilogramm Zement, 228 Kilogramm Papier und Karton, 41 Kilogramm Autos (Stahl, Glas, Kunststoffe usw.) und 16 Kilogramm elektrische und elektronische Geräte. Zwar gibt es heute keine Hausmüllhalden mehr in Kiesgruben, keine Autowracks hinter Scheunen oder wilde Deponien. Was aber noch fehlt, sind umfassende Daten zu den Stoff- und Abfallströmen, das Erkennen der Ursachen von Rohstoffverlusten und die Durchsetzung von Massnahmen. Unter anderem geht es darum, exotische Metalle und Seltene Erden – die immer häufiger, allerdings in winzigen Mengen industriell verarbeitet werden – nicht zu verlieren. Es gibt Elemente, die schon bald auf dem Weltmarkt knapp werden dürften.
Suche nach neuen Verfahren
Seit diesem Jahr bemüht sich das Zentrum für nachhaltige Abfall- und Ressourcennutzung (ZAR) in Hinwil darum, neue Verfahren der Schlackenbehandlung zu untersuchen und zu fördern. Ziel ist es, die Rückgewinnungsquote für nutzbare Rohstoffe zu erhöhen und Deponierückstände zu erzeugen, die keine Nachsorge erfordern. Für die Produkte, die mit neuen Methoden aus der Schlacke gewonnen werden könnten, sollen Anwendungen und Anwender gesucht werden.
Grosse Hoffnungen setzen viele Kehrichtfachleute heute in den sogenannten Trockenaustrag der Schlacke. Eine erste Anlage mit dieser Technik wird in Monthey (Wallis) dieses Jahr den Betrieb aufnehmen. Im Gegensatz zum bisherigen Nassverfahren wird die heisse Schlacke aus dem Ofen nicht mehr mit Wasser abgekühlt, sondern durchläuft eine Nachverbrennungsstufe. Dort werden Metalle auch in kleinsten Teilchen aussortiert. Mineralische Bestandteile könnten anschliessend in der Zementherstellung eingesetzt werden. Deponiert würden am Ende nur noch Rückstände, für die es keine Verwendung mehr gibt, am solidesten in verglaster Form.
Statt Plastik Scherben sammeln
Die Verbrennung kann den ersten Schritt für die Materialrückgewinnung darstellen, indem beispielsweise Materialverbunde zwischen Kunststoff und Metall, heute ein sehr häufiger Fall, getrennt werden. Oder auch für verschmutzte Lebensmittelverpackungen, deren Recycling aus hygienischen Gründen mit einem grossen Reinigungsaufwand verbunden wäre.
Für Edi Blatter, Direktor des Kehrichtwerks von Monthey, müsste das System der Separatsammlungen überdacht werden. Kunststoffe separat zu sammeln und aufwendig aufzubereiten, sei in der Schweiz «absolut sinnlos», sie seien im Kehrichtofen ein vollwertiger Ersatz für fossile Brennstoffe. Auch Papiersammlungen seien fragwürdig, sinnvoll sei nur das Recycling qualitativ guter Sorten, der Rest gelange einfach über den Umweg einer Nachsortierung in die Verbrennung. Klar ist für Blatter, dass reine Metalle, Glas, Keramik und Elektronikbauteile nicht in den Ofen gehören, auch wenn die Schlackenaufbereitung perfektioniert wird. Vor allem für unbrennbare Abfälle wie Geschirr, Fensterglas, Keramik oder Baumaterial sei der Abfallsack nicht das richtige. Hier wäre eine Separatsammlung angezeigt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.07.2010, 20:39 Uhr
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6 Kommentare
Zentrum für nachhaltige Abfall- und Ressourcennutzung (ZAR) Find ich echt cooles Neusprech. Abfall und nachhaltig, WOW! Der Fehler liegt beim Allgemein-fehl-verständnis, das Produktzyklen von der "Wiege zur Bahre" verlaufen müssen. Für PET haben wir es schon beinahe zum technischen Stoffkreislauf geschafft. PET war/ist bisher Sondermüll. http://bit.ly/9EhikH Von der Wiege zur Wiege! Antworten
Viele Produkte gehen schneller kaputt, als sie müssten, weil der ganze Wachstumszirkus äh -zyklus mit Produktion-Konsum-Vernichtung aufrechterhalten werden muss. Das vermehrt den Abfall exponentiell und zeigt, zu welch absurden Ergebnissen die Wachstumsorientierung führt. Wohlstand wäre anders. Antworten









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