Wissen

Damit die Leute endlich wissen, was Forscher den ganzen Tag tun

Von Matthias Meili. Aktualisiert am 17.02.2012

Eine Ausstellung über Sex in der Natur oder ein Führer über die Muslime in der Schweiz: Der Nationalfonds finanziert neu 17 Projekte der Wissenschaftsvermittlung. Das wird auch kritisiert.

Forschung produziert keine heisse Luft: Ein Schweizer Forscher misst die Qualität eines Apfels.

Forschung produziert keine heisse Luft: Ein Schweizer Forscher misst die Qualität eines Apfels.
Bild: Keystone

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Das Gesuch beginnt ganz harmlos: «Breit definiert, bedeutet Sex die Modifikation des Erbgutes», schreibt die Lausanner Evolutionsbiologin Hélène Jourdan in ihrem Gesuch an den Nationalfonds. Doch was die Forscherin plant, ist eine umfassende Aufklärung der Leute über Sex in der Tier- und Pflanzenwelt. Ziel des Projektes ist die Veranstaltung «Sexy Lausanne» mit Ausstellungen im Zoologischen Museum von Lausanne, wissenschaftlichen Diskussionen, Schulbesuchen, Führungen und Beobachtungstouren in die Natur, um dem wilden Treiben live zuschauen zu können. Der Anlass ist für 2014 geplant.

Gesponsert wird Jourdans Projekt mit 150'000 Franken vom Schweizerischen Nationalfonds aus dem neuen Topf Agora, der eigens für die Kommunikation von Wissenschaftsthemen geschaffen wurde. Sinnig ist der Name: Agora war im antiken Griechenland der zentrale Stadtplatz, auf dem Wissenschaftler und Öffentlichkeit die Probleme der Zeit diskutierten. Insgesamt schüttet der Nationalfonds in einer ersten Runde 2,2 Millionen Franken für die nunmehr 17 Projekte aus, die zwischen einem und drei Jahren dauern. Eines der Vorhaben war die Informationskampagne für Internet-Gentests des Zürcher Molekularbiologen Ernst Hafen, welches dieser vor zwei Wochen wegen Ungereimheiten im Gesuchsantrag zurückgezogen hatte und das nun eine Untersuchung nach sich zieht.

Zu viel Propaganda?

Ein heikles Tabuthema möchte das Team um den Genfer Politologen und Sozialwissenschaftler Marco Giugni mithilfe der Agora-Gelder unter die Bevölkerung bringen: die Muslime in der Schweiz. 100'000 Franken hat der Nationalfonds für einen Führer über die Situation der grössten kulturellen Minderheit bewilligt, genannt «Snowboarding on Swiss Islam: data, images and cantonal perspectives». Darin sollen die Forschungsresultate vermittelt werden, zu denen Giugni im Schweizer Teil des europäischen Projektes Eurislam gelangt ist. Mittels Befragungen und qualitativen Interviews wurden zum Beispiel die unterschiedlichen Ansichten über so heikle Themen wie religiöse Identität, die Stellung der Frau oder die Einstellung zur Demokratie erhoben. Auch die Probleme, die Muslime in den einzelnen Kantonen bei der Ausübung ihres Glaubens haben, wurden erforscht und sollen in den neuen Führer einfliessen. Das Projekt möchte, so heisst es im Antrag, «die wissenschaftliche Qualität des öffentlichen Diskurses über die Integration der Muslime verbessern».

Braucht der Nationalfonds, dessen Kernaufgabe die Förderung der Grundlagenforschung ist (rund 700 Millionen Franken pro Jahr), einen zusätzlichen Kommunikationskanal? In Bern betreibt der Nationalfonds bereits eine gut dotierte Pressestelle, jedes Schwerpunktprogramm beinhaltet pflichtmässig einen Anteil für die Vermittlung der Forschungsresultate. Universitäten, Hochschulen und selbst untergeordnete Forschungsinstitute haben ihre Pressestellen in den letzten Jahren zu wahren Kommunikationsdepartementen ausgebaut, die nach den neusten Regeln der PR-Kunst «cross-medial» arbeiten.

Stimme zu aktuellen Themen

Das Problem sei, begründet Nationalfonds-Präsident Dieter Imboden die Schaffung des neuen Instruments, dass die Stimmen der Forscher bei umstrittenen Themen wie Gentechnologie bei Pflanzen, Tierversuchen oder auch der Erforschung von psychischen Krankheiten in der Vergangenheit immer noch zu wenig präsent gewesen seien. «Es geht nicht nur um die Verbreitung neuer Forschungsresultate, sondern auch darum, Einblicke in die wissenschaftliche Arbeitsweise zu gewähren und die gesellschaftliche Bedeutung der Forschung zu diskutieren», sagt Imboden. «Die Forscher müssen aus dem Elfenbeinturm herauskommen.»

Die grüne Baselbieter Nationalrätin Maya Graf, die auch Mitglied der nationalrätlichen Wissenschaftskommission WBK ist, überzeugt das Argument nicht. «Ich finde einen weiteren zusätzlichen Kommunikationskanal schlicht unnötig. Das Geld sollte man besser in Forschungsprojekte stecken.» Graf bemängelt den schleichenden Trend, dass die Kommunikation je länger, je wichtiger werde, dies auf Kosten der Inhalte. «Es wurde noch nie so viel über diese Themen gesprochen wie heute», sagt Graf.

Positiver sieht es der Berner FDP-National Christian Wasserfallen, zurzeit Präsident der WBK: «Die Kommunikation im Wissenschaftsbereich ist sehr wertvoll. Diese Stimmen hört man zu selten.» Laut Wasserfallen sei es aber wichtig, dass die kommunizierten Inhalte «immer auf wissenschaftlicher Basis stehen». Zudem dürfe nicht die Politik über die Inhalte dieser Kommunikation bestimmen.

Westschweizer Unis räumen ab

Das ist bei Agora nicht der Fall. Inhaltliche Vorgaben gab es laut Imboden keine, beurteilt wurde einzig und allein die Qualität des Kommunikationskonzeptes. Dabei ist alles möglich, neu erfunden wurde das Rad aber nicht. In einem Leitfaden für die Gesuchsteller werden aufgelistet: offene Labors, Ausstellungen, die Vermittlung von Wissenschaft über die Kunst, Fernsehsendungen und Wissenschaftsbücher, auch Konsensus-Konferenzen oder Science-Slams.

Insgesamt sind 77 Projektvorschläge eingegangen, 18 sind bewilligt worden, das Projekt Hafen wurde zurückgezogen. Hinter den bewilligten Projekten stecken so bekannte Namen wie der Genfer Astronom Didier Queloz, der Lausanner Hirnforscher Pierre Magistretti oder Cern-Forscher Martin Pohl. Auffallend ist, dass 11 der 17 Projekte in der Westschweiz angesiedelt sind, allein 7 davon an der Uni Genf.

«Wir waren selber überrascht, wie viele Projekte aus der Westschweiz kamen», sagt Dieter Imboden. «Offenbar ist man in der Romandie und speziell in Genf sehr innovativ.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2012, 18:40 Uhr

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