«Es ist keine gute Idee, gegen Einstein zu wetten»

In Filmen wie «Interstellar» war schon oft eines zu sehen, aber in der Wirklichkeit warten Wissenschaftler sehnlichst auf ein Bild von einem Schwarzen Loch.

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Einmal im Jahr wird das Teleskop-Netzwerk Event Horizon in Richtung der Schwarzen Löcher gerichtet – das nächste Mal an fünf Nächten zwischen dem 5. und 14. April. Dann stehen die Chancen auf passendes Wetter bei den beteiligten Teleskopen gut, womit es gelingen könnte, ein solches Objekt abzulichten.

1915 stellte Albert Einstein erstmals die Theorie auf, dass es solche Orte der Extreme geben könnte, die alles anziehen – sogar Licht. Und ein halbes Jahrhundert ist es her, dass der Begriff «Schwarzes Loch» allgemein etabliert wurde. Wirklich gesehen allerdings hat noch niemand eins.

Im Film «Interstellar» reist eine Raumschiffbesatzung durch ein Wurmloch zu einem Planeten, der ein Schwarzes Loch umkreist. Die Macher haben eine klare Vorstellung davon, wie ein solches kosmisches Monster aussieht. Für die Wissenschaftler existiert sie nur in der Theorie. Seit einem halben Jahrhundert sprechen sie von Schwarzen Löchern, fotografiert haben sie aber noch nie eins.

Das will eine Gruppe von Forschern nun ändern. Mit einem weltumspannenden Netzwerk von Teleskopen – unter anderem am Südpol, in Europa und Nord- und Südamerika – wollen sie im April versuchen, erstmals ein Bild von einem Schwarzen Loch zu machen.

Chance auf Aufnahmen im April

Das Event-Horizon-Teleskop ist ein Projekt für ein globales Netzwerk von Radioteleskopen. Ereignishorizont bezeichnet den Übergang vom «normalen» Raum zum Inneren eines Schwarzen Lochs. Weil dort die physikalischen Gesetze nicht gelten, kann die Wissenschaft keine Aussagen darüber machen, was sich darin abspielt.

Es gibt grosse Aufregung», sagte Projektleiter Shepherd Doeleman vom Harvard-Smithsonian Center für Astrophysik in Cambridge im US-Staat Massachusetts dem Sender BBC. «Wir stellen unser virtuelles Teleskop seit inzwischen fast zwei Jahrzehnten zusammen und im April werden wir die Beobachtungen machen, die erstmals die Chance haben, den Ereignishorizont eines Schwarzen Loches in den Fokus zu bringen.»

Im vergangenen Jahr hatte das Teleskop-Array schon einmal versucht, das Schwarze Loch Sagittarius A* und ein weiteres abzulichten – ohne Erfolg. «Nichtssagende Kleckse» seien zu sehen gewesen, schrieb das «Science»-Magazin. Aber in diesem Jahr sind weitere leistungsstarke Teleskope zu dem Netzwerk dazugekommen.

Der Todesschrei der Materie

Die Forscher stellen sich ein Bild eines Schwarzen Lochs vor als einen hellen Ring rund um einen schwarzen Kreis. Der helle Ring stellt Gas dar, das vom Loch extrem beschleunigt und schliesslich verschlungen wird. Wegen der extrem starken Schwerebeschleunigung heizt sich Materie, die in ein Schwarzes Loch fällt, auf Millionen Grad Celsius auf und gibt dann Energie als Röntgenstrahlung ab. Die Astrophysiker nennen dies den Todesschrei der Materie.

«Es könnte aber auch sein, dass wir etwas ganz anderes sehen», sagt Projektleiter Doeleman. «Es ist zwar nie eine gute Idee, gegen Einstein zu wetten, aber wenn wir etwas sehen würden, das sehr anders ist als das, was wir erwarten, dann müssten wir die gesamte Theorie der Schwerkraft überdenken. Ich erwarte nicht, dass das passiert, aber alles könnte passieren, und das ist das Schöne daran.»

«Wenn man es gesehen hat, glaubt man es»

Das Ganze sei ein «kühnes und mutiges Experiment», sagte der selbst nicht beteiligte Astrophysiker Roger Blandford von der Stanford Universität in Kalifornien dem «Science»-Magazin. «Es wird diese bemerkenswerte Theorie für gültig erklären: Dass Schwarze Löcher im Universum üblich sind. Wenn man es gesehen hat, glaubt man es.»

Bis ein Bild veröffentlicht werden kann, würde es noch Monate dauern. Ende des Jahres oder Anfang 2018 halten das die Forscher für machbar. Zunächst müssen die von allen teilnehmenden Teleskopen gesammelten Daten zusammengebracht und ausgewertet werden – nach Angaben der Forscher entspricht die Menge der von rund 10'000 vollgepackten Laptops. «Das ist eine Geduldsaufgabe», sagt Projektleiter Doeleman. «Eine Geduldsaufgabe im Quadrat.» (oli/sda)

Erstellt: 20.03.2017, 13:02 Uhr

Keine gewöhnliche Sternleiche

Sagittarius A* ist keine gewöhnliche Sternleiche – also das Überbleibsel, das beim Kollaps eines sterbenden Sterns entstanden ist. Es ist ein supermassereiches Schwarzes Loch von etwa vier Millionen Sonnenmassen und markiert das Zentrum unserer Galaxie, der Milchstrasse.

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