Der globale Konfliktlotse

In armen Ländern hält der Run auf riesige Landflächen zu Spottpreisen an. Peter Messerli untersucht, welche Folgen dies auf eine nachhaltige Entwicklung hat.

«Südostasien ist quasi das Labor der Globalisierung», sagt Peter Messerli. Foto: Raffael Waldner

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Statt auf Wertpapiere oder Immobilien setzen internationale Investoren vermehrt auf Grund und Boden. Vor allem in Entwicklungsländern kaufen sie riesige Ackerflächen für den Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln, pflanzlichen Rohstoffen, Agrotreibstoffen oder als reines Spekulations­objekt. Kleinbauern und Dorfbewohner können gegen die Giganten wenig ausrichten.

«Es gibt aber auch positive Geschichten», sagt Peter Messerli bei unserem Treffen in seinem Büro an der Universität Bern. So hat sich in Kambodscha vor ein paar Jahren die lokale Bevölkerung mit Unterstützung einer Nichtregierungsorganisation (NGO) gegen einen vietnamesischen Kautschukkonzern ­erfolgreich gewehrt, der das Land enteignete, Wälder rodete und Zwangsumsiedlungen durchsetzte. «Ein Skandal im Hinblick auf Menschenrechte sowie auch auf die Umwelt», betont der 49-jährige Professor für nachhaltige Entwicklung. Das Projekt wurde gestoppt, weil westliche Banken durch komplexe ­Finanzflüsse am Landraub beteiligt waren und zum Rückzug der Gelder bewogen werden konnten.

Seit rund zehn Jahren bedroht das Phänomen «Land-Grabbing» die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen. Um herauszufinden, wo und warum dies stattfindet, aber auch wer alles dahintersteckt, hat der Berner Geograf gemeinsam mit seinem Team, Forschungspartnern aus Deutschland und Frankreich sowie einer internationalen NGO-Koalition das Internetportal «Land Matrix» erstellt. Demnach sind weltweit seit der Jahrtausendwende insgesamt 48 Millionen Hektar Agrarfläche gekauft worden – fast zwölfmal die gesamte Fläche der Schweiz. Unter den wichtigsten Investoren finden sich die OECD-Staaten, vor allem die USA und Grossbritannien, aber auch Schwellenländer, etwa Malaysia und Indien. «China spielt entgegen der weit verbreiteten Meinung eine viel geringere Rolle als bisher immer angenommen», sagt Mes­serli. Die Chinesen würden vor allem in ihren Nachbarländern gross einkaufen.

Auslöser des Landraubs

«Südostasien ist quasi das Labor der Globalisierung», fügt er hinzu. Die Prozesse seien dort besonders stark. Laos und Kambodscha – zwei der ärmsten Länder der Welt – seien eingeklemmt zwischen den aufstrebenden Ländern Thailand und Vietnam in West und Ost und dem mächtigen China im Norden. Die Ursachen für die Landnahmen sind so vielfältig wie die Akteure und Landdeals selbst. Deshalb könne man auch nicht pauschal sagen, dass immer gleich alles schlecht sei, sagt der Berner. Denn zum Teil fördere ein ausländischer Investor auch die Wirtschaft und bringe Wachstum in die Region. Die Krux dabei sei, die ökologische, menschliche und wirtschaftliche Entwicklung in Einklang zu bringen. «Denn man nimmt den Ärmsten den Boden weg, der sie ernährte und ihr Leben sicherte.»

Messerli kennt auch diese Welt. Als Student lebte er ein halbes Jahr unter sehr einfachen Verhältnissen bei einem Bauern in einem kleinen Dorf in Äthiopien, um seine Masterarbeit über die dortigen Umweltveränderungen zu machen. «Drei Tage zu Fuss zur nächsten kleinen Stadt», erinnert er sich. Er habe sich oft einsam gefühlt, da er allein dort gewesen sei und keine Kontakte zu anderen Forschern gehabt habe. Dennoch habe er sich aufgrund der grossen Herzlichkeit der Menschen auch immer wieder wie zu Hause gefühlt. Später ging er für seine Doktorarbeit nach Madagaskar und erstellte eine Studie über den dortigen Konflikt zwischen den letzten Urwäldern, die mehr und mehr der Brandrodung zum Opfer fielen, und dem Anspruch der Bauern, sich das Land zum Überleben zu sichern. «Eine ebenfalls unvergessliche Zeit, da er dort sogar vier Jahre verbrachte», sagt er. Einige Zeit später zog es ihn dann zusammen mit seiner Frau und den damals drei kleinen Töchtern nach Laos, wo sie alle gemeinsam in der Hauptstadt Vientiane wohnten.

Vor kurzem ist er Co-Vorsitzender für das wissenschaftliche Expertengremium geworden, das den UNO-Weltnachhaltigkeitsbericht verfasst und sich dabei an der kürzlich verabschiedeten Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung orientiert, die auch Wirtschafts-, Sozial- und Umweltaspekte berücksichtigt. «Die Agenda 2030 ist aber keine Gebrauchsanweisung zur Entwicklung der Welt», sagt Messerli. «In vielen Bereichen wissen wir immer noch nicht, wie wir ans Ziel kommen.» So sei zum Beispiel noch keine Landwirtschaft erfunden worden, die doppelt so viel produziere, kein Erdöl mehr benutze, die Biodiversität erhöhe, die Landrechte von Kleinbauern schütze und zudem global gerechter sei. «Man muss aufhören, zu glauben, dass es eine Zauberformel gibt, die Welt zu verbessern, sondern vielmehr geht es darum, all die Vor- und Nachteile sorgfältig abzuwägen und dann faire Entscheidungen zu treffen.» Die Wissenschaft müsse dazu ihren Beitrag leisten und fundierte Grundlagen liefern. Es sei wichtig, zu akzeptieren, dass auch eine nachhaltige Entwicklung Gewinner und Verlierer schaffe.

Global statt lokal denken

Von seinem Arbeitszimmer im vierten Stock des Interdisziplinären Zentrums für nachhaltige Entwicklung und Umwelt (CDE), mitten im beliebten Berner Universitätsquartier Länggasse, blickt Messerli in die Alpen. «Wir haben in der Schweiz einen hohen Wohlstand, eingebettet in eine wunderschöne Landschaft», sagt der Direktor des CDE. «Doch dies ist auch nur möglich, weil nicht jeder Flecken landwirtschaftlich oder industriell irgendwie genutzt werden muss.» Denn vom Land, das gebraucht wird, um die in der Schweiz konsumierten Güter herzustellen, liegen insgesamt 86 Prozent im Ausland, wie er aufgrund einer bestehenden Studie berechnete. «Deshalb müssen wir auch in anderen Ländern Verantwortung übernehmen – und nicht nur bis zu unserer Landesgrenze.»

Ist die Schweiz ein Vorbild für andere Länder? «Nicht immer», sagt Messerli. «Es gibt einige Ziele in der Agenda 2030, da ist sie sogar ein Entwicklungsland.» Zum Beispiel sei unser Lebensstil von umgerechnet 6,4Tonnen CO2 pro Kopf im Jahr auf 1Tonne zu reduzieren, um einen klimaverträglichen Ausstoss zu garantieren. Aber auch in Sachen nachhaltiger Produktion und Konsum liesse sich in der Schweiz noch viel verbessern, gerade was den ökologischen und sozialen Fussabdruck angehe.

Was wäre, wenn rund um den Globus nicht nur vier von fünf Menschen Zugang zu Elektrizität hätten, sondern alle? «Es zeigt sich, dass dies insgesamt nur ein Prozent mehr CO2 benötigt», antwortet Messerli. «Wenn wir uns in den Indus­trieländern nur ein kleines bisschen bewegen würden, gäbe es dafür viel Handlungsspielraum.» Denn die Menschen etwa auf dem Land in Laos hätten auch Träume, die über die Ernährungssicherheit hinausgehen würden. Auch sie wollten fernsehen oder ein Smartphone besitzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2017, 16:24 Uhr

Zuckerrohrplantage: Sprit vom Acker. Foto: iStock

Artikel zum Thema

«Die dunkelsten Jahre meines Lebens»

#12 Aids-Forscher Anthony Fauci hat die schrecklichen Anfänge der HIV-Epidemie miterlebt. Nun will er die Seuche endlich weltweit ausrotten. Mehr...

Fisch-Biss lähmt Angreifer mit heroinartigem Gift

Forscher haben eine Fischart entdeckt, die ihre Gegner mit einem Gift zudröhnt. Daraus könnte ein neues Schmerzmittel entwickelt werden. Mehr...

Alternative Antibiotika

#12 Bakterien, die nicht mit Antibiotika zu bodigen sind, breiten sich aus. Hilfe gegen die resistenten Keime finden Forscher in der Natur. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

«Ich brauche dringend einen Drink»

Zum Runden Leder Karma Police

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Die Welt in Bildern

Mystischer Rauch: Eine Gläubige betet zum Gedenken an ihre verstorbene Mutter während des Muttertags in Kathmandu, Nepal (26. April 2017).
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...