Zweifel an der Grösse der Kohlereserven
Von Martin Läubli. Aktualisiert am 18.11.2010 2 Kommentare
«Selbst wenn Erdöl und Erdgas ausgehen, es gibt eine riesige Menge Kohle im Untergrund, die man ausbeuten könnte.» Das sagt der angesehene Energieökonom Nebojsa Nakicenovic vom IIasa-Institut bei Wien. Und die World Coal Association wirbt auf ihrer Website in grossen Lettern: «Kohle reicht für mindestens die nächsten 113 Jahre.» Und auch Vertreter der Erdölindustrie verweisen auf die Kohlenvorräte, falls das Erdöl allmählich zur Neige geht.
Nun warnen zwei amerikanische Wissenschaftler des Post-Carbon-Instituts in Kalifornien in der heutigen Ausgabe des Fachblatts «Nature», sich nicht täuschen zu lassen. Eine Energiepolitik, die von einem fast grenzenlosen Kohleangebot ausgehe, sei «dringend» zu überdenken. Tatsächlich ziehen verschiedene neue Studien eine pessimistische Bilanz. Manche gehen davon aus, das Fördermaximum sei nicht mehr Jahrzehnte entfernt, sondern nur noch Jahre. Ist dieser Peak einmal erreicht, dann ist der Anfang vom Ende absehbar.
Vorräte schwinden schneller als erwartet
In der Nachfrage nach Kohleenergie sind solche Einschätzungen jedenfalls nicht spürbar. Länder wie China, Indien, Australien, Polen und Südafrika beziehen heute Strom und Wärme zu 70 bis 90 Prozent durch die Verbrennung von Kohle. Allein die Industrie Chinas wird im Jahr 2035 laut der Internationalen Energieagentur (IEA) mehr als 50 Prozent mehr Kohle verbrennen als heute.
Wegen dieses enormen Bedarfs an Kohleenergie glauben Experten, dass die Vorräte schneller aufgebraucht seien, als bisher viele denken. Grundsätzlich gehen die Schätzungen aber weit auseinander, weil die nationalen Daten vielfach unzuverlässig sind. Wenn Experten von Reserven sprechen, meinen sie jene Kohleschichten, die nach Meinung der Geologen technisch und wirtschaftlich lohnenswert abgebaut werden können. Diese Vorräte können auch grösser werden, wenn neue Technologien für den Bergbau entwickelt werden und ein ansteigender Kohlepreis den Abbau rentabel macht.
Daten nach wie vor ungenau
Eine solche Entwicklung sei jedoch – ausgenommen in Indonesien und Indien – nicht erkennbar, sagen Richard Heinberg und David Fridley vom Post-Carbon-Institut. Zum Beispiel haben in Deutschland und in Südafrika die Reserven zwischen 2003 und 2008 um ein Drittel abgenommen. In den USA gingen die Geologen Anfang des 20. Jahrhunderts davon aus, dass das Land genug Kohle für 5000 Jahre habe, heute liegen die Schätzungen bei 240 Jahren.
Die Daten, so die US-Forscher, seien allerdings nach wie vor ungenau. Doch die Statistik der späten 1990er-Jahre zeigt: Das Volumen des Kohleabbaus nahm zwar nach wie vor zu, doch die Qualität und damit der Energiegehalt der Kohle nahm insgesamt ab.
Produktionsabnahme ab 2020?
Der Blick auf vergangene Produktionstrends ist eine oft angewendete Methode, um die künftige Produktion fossiler Energien abzuschätzen. Der Geophysiker King Hubbert tat dies mit Daten zur US-Erdölproduktion in den 1950er-Jahren. Er sagte voraus, dass das Fördermaximum in den Staaten in den frühen 1970er-Jahren eintreffen werde – und hatte recht.
Chinesische Wissenschaftler wandten diese Methode für die Kohleproduktion in China an und sagen den Peak in 15 Jahren voraus. Sie gingen dabei von Reserven aus, welche die Regierung heute offiziell auf 187 Milliarden Tonnen schätzt. Nimmt man die Voraussagen der Energy Watch Group in Berlin, die sich auf Zahlen aus den 1990er-Jahren beziehen, dann würde der Peak bereits in 5 Jahren erreicht – mit einer rapiden Produktionsabnahme ab 2020.
Auch wenn die Schätzungen nur grob sind, sicher ist: Der Kohlekonsum wird weltweit enorm anwachsen, vor allem in China. Laut einem Bericht des chinesischen Energy Research Institute wird die Kohlenachfrage in den nächsten zehn Jahren um weitere 700 Millionen bis 1 Milliarde Tonnen zunehmen; heute beträgt sie etwa 3 Milliarden. Die Kohlevorräte reichen in China also ungefähr 30 Jahre. Wächst die Nachfrage so stark wie das prognostizierte Wirtschaftswachstum, verbleiben noch 19 Jahre.
Das «grüne Paradox»
Treffen die Schätzungen zu, dann hat laut den beiden US-Forschern eine Energiepolitik, die sich auf billige Kohleenergie abstützt, keine Zukunft. Sie rechnen mit steigenden Kohlepreisen, weil unter anderem das Kohleangebot den steigenden globalen Bedarf bald nicht mehr decken kann. Deshalb fordern sie, generell die Preise für fossile Energie zu erhöhen, damit verstärkt in Energieeffizienz und erneuerbare Energien wie Wind und Sonne investiert wird.
Aus der Perspektive des Klimaschutzes müsste es ohnehin eine Abkehr von der Kohleenergie geben. Schwellen- und Entwicklungsländer werden laut IEA in den nächsten 25 Jahren im Durchschnitt zwanzigmal mehr Kohlendioxid ausstossen als die Industriestaaten, unter anderem, weil sie überwiegend Kohle verbrennen. Doch sind manche Ökonomen skeptisch, ob der Ausbau erneuerbarer Energien und Energieeinsparungen in jedem Fall die Kohleverbrennung bremse.
Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn hat seine eigene Theorie: Er geht davon aus, dass die Exportstaaten in jedem Fall anstreben, ihre Energierohstoffe wie Kohle, Erdöl und Erdgas zu verkaufen. Überlässt man die Energiepolitik allein den Regeln des Marktes, dann führt die Förderung sauberer Energien zu sinkenden Preisen für die fossile Energie. Die Konsequenz: Andere Länder kaufen Kohle und Erdöl, weil sie sich Wind- und Sonnenstrom nicht leisten können. Und zwar so lange, bis das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage wieder ausgeglichen ist. Sinn spricht vom «grünen Paradox».
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.11.2010, 20:58 Uhr
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2 Kommentare
Das Problem ist wohl, dass Kohle nicht gleich Kohle ist. Steinkohle ist hochwertige Kohle. Davon gibt es nicht mehr so viel. Aber es gibt auch minderwertige Kohle, sogenannte Braukohle, mit einer Energiedichte von nur etwa einem Drittel derjenigen von Steinkohle. Davon ist noch sehr viel mehr vorhanden, gerade etwa in Deutschland. Sie wird aber derzeit kaum ab gebaut, weil es sich nicht lohnt. Antworten
Anstelle von absurden Hochhäusern sollten die (bald ehemaligen) Ölstaaten ihr Geld in Solarparks in der Wüste investieren und dem Westen den Strom oder Wasserstoff verkaufen. Das wäre jedenfalls schlauer als hier neue Gas-, Kohle-, oder Atomkraftwerke zu bauen. Antworten
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