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Uraltes Virus rafft Austern dahin

Von Walter Jäggi. Aktualisiert am 31.12.2010 1 Kommentar

Ohne Champagner und Austern können sich viele Franzosen den Jahreswechsel kaum vorstellen. Doch seit drei Jahren beunruhigt ein grosses Austernsterben Gourmets, Produzenten und Forscher.

Ein Virus bedroht der Franzosen liebste Delikatesse: Französischer Austernzüchter an der Arbeit.

Ein Virus bedroht der Franzosen liebste Delikatesse: Französischer Austernzüchter an der Arbeit.
Bild: Keystone

Die Händler auf dem Pariser Engrosmarkt in Rungis hatten dieses Jahr nicht viel anzubieten: Rund 40 Prozent weniger Austern wurden angeliefert zu den Festtagen, an denen die schlabbrige Meeresspezialität sonst zu den Verkaufsschlagern gehört. Pessimistisch sind auch die Austernzüchter. Er habe keine einzige Auster mehr, sagte einer von ihnen der Nachrichtenagentur Reuters, und er fürchte um das wirtschaftliche Überleben vieler der Familienbetriebe, welche Austern produzierten.

Die Situation der Branche ist in der Tat sehr heikel geworden. Zum dritten aufeinanderfolgenden Mal sind dieses Frühjahr die jungen Muscheln eingegangen. Austernsterben hat es schon immer gegeben, aber noch nie waren die Ausfälle so massiv wie von 2008 bis 2010.

Totalverlust für die Züchter

In einigen Regionen an den französischen Küsten betrug der Ausfall 80 bis 100 Prozent. Selbst wenn es gelingt, nächstes Jahr ein weiteres Massensterben zu verhindern, wird es Jahre dauern, bis die Bestände wieder einen normalen Handel erlauben. Erst im Alter von drei Jahren sind die Muscheltiere konsumreif.

Während sich die Züchter darum bemühen, mit staatlicher Hilfe über die Runden zu kommen, suchen Wissenschaftler nach Möglichkeiten, die Austern zu retten. Als Hauptursache für das Massensterben der jungen Muscheln wurde ein Befall mit einem Herpesvirus ermittelt. Für den Menschen ist dieses Virus ungefährlich. Dies stellt zur Beruhigung der Konsumentinnen und Konsumenten das Meeresforschungsinstitut Ifremer fest, das in der Region Marennes-Oléron die Muscheln erforscht.

Warmes Wasser begünstigt Verbreitung

Die Herpesviren, so schreiben die Experten, hätten sich im Verlauf der Evolution in drei Gruppen aufgeteilt, je eine für Säugetiere und Vögel, für Fische und Amphibien und für Muscheln. Die Muschelvariante habe sich schon vor einer Milliarde Jahre von den andern getrennt, ein Ansteckungsrisiko für Menschen sei praktisch gleich null.

Die Ausbreitung der Viren wird offenbar durch ungewöhnlich hohe Wassertemperaturen im Küstenbereich gefördert. Zudem stört die Überdüngung der Flüsse durch die Landwirtschaft das normale Wachstum der Muscheln, was diese zusätzlich für Bakterien anfällig macht.

Schwierige Behandlung

Eine Behandlung der Bestände ist schwierig. Impfen ist nicht möglich, da die Muscheln ein Immunsystem ohne Antikörper besitzen, das sich nicht durch eine Impfung anregen lässt. Medikamente auszubringen, ist ebenfalls kaum möglich. Die Wirkstoffe würden im Wasser zu stark verdünnt und könnten sich zudem an unerwünschten Stellen anreichern.

Die Empfehlungen von Ifremer zielen deshalb auf intensive Vorbeugungsmassnahmen. Da angenommen wird, die Viren würden direkt von einer Muschel auf die andere übertragen (die Viren allein sind im Meerwasser nicht lebensfähig), sollten die Tiere nicht zu nahe beieinander gehalten werden. Ein Austausch soll nur noch gestattet werden, wenn die Tiere garantiert gesund sind. Die Züchter pflegen die Austern zeitweise in andere Küstengewässer zu verlegen, weil dieser Klimawechsel die Qualität steigere – eine Praxis, die für die Virologen ein Albtraum ist.

Künstliches Brüten hilft wenig

Empfohlen wird auch eine Änderung der Fangmethode. Die Austern werden von den Züchtern im Frühjahr im Larvenstadium gesammelt. Dazu werden Bretter ausgelegt, auf denen sich die nach dem Schlüpfen frei im Wasser schwimmenden Jungtiere festsetzen. Die Aufzucht geschieht dann in Körben oder Säcken im Meer, ehe die letzte Phase vor dem Verkauf in Becken stattfindet. Ifremer schlägt vor, die Jungtiere früher zu sammeln und sie schon bald dem Wechsel von Ebbe und Flut auszusetzen, nur die gesunden würden dann überleben.

Statt Jungaustern im Meer einzufangen, kann man sie auch in Brutbecken erzeugen. Dabei werden vorzugsweise sogenannt triploide Tiere gezüchtet. Wilde Austern besitzen – wie zum Beispiel auch der Mensch – zwei Chromosomensätze, sie sind diploid. In der Brutanstalt lassen sich auch Tiere mit drei Chromosomensätzen züchten. Dazu braucht es übrigens keine Gentechnik. Die triploiden Muscheln sind nicht fortpflanzungsfähig und investieren ihre Kräfte nicht in Spermien oder Laich, sondern in Fleisch, was für den Verkauf von Vorteil ist. Laut Tests von Ifremer sind die triploiden aber nicht krankheitsresistenter als die diploiden Tiere aus dem Wildfang.

Japanische Austern sind resistenter

Die Forschung läuft jetzt darauf hinaus, Stämme zu finden, die eine natürliche Immunität gegenüber den Herpesviren aufweisen, diese zu markieren und für den Aufbau neuer Bestände den Produzenten gesunde Jungtiere zu liefern.

Eine Möglichkeit wäre etwa die Übernahme einer japanischen Sorte, die resistenter ist als die in Europa verbreitete Pazifische Auster. Die Forscher sind da allerdings sehr vorsichtig. Schon einmal ist es vor Jahrzehnten passiert, dass eine fremde Auster eine vorhandene ungeplant und unkontrolliert verdrängt hat. Nachdem eine Schiffsladung Portugiesischer Austern vor Frankreich ins Meer entsorgt worden war, machten sich diese auf Kosten der zuvor heimischen, aber unterlegenen Austern schnell breit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2010, 20:34 Uhr

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1 Kommentar

Beat Merkli

31.12.2010, 15:02 Uhr
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Schon seltsam,wie aus dem nichts gibt es plötzlich keine französische Austern mehr.Wenn das keine Delikatesse wäre,würde es auch niemand merken!Quizfrage:Wieviele andere Lebensarten verschwinden tagtäglich auf dieser wunderbaren Erde,von denen wir ja noch mehrere auf Reserve haben!? Antworten



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