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Stroh im Tank
Von Andreas Möckli. Aktualisiert am 10.07.2012 24 Kommentare
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Lange galten Agrotreibstoffe als Wundermittel gegen den Klimawandel. In der Nahrungsmittelkrise ab 2007 gerieten Kraftstoffe wie Ethanol aus Zuckerrohr oder Mais indes stark in die Kritik. Umweltschützer und Wissenschaftler bemängeln bis heute den hohen Bedarf an Ackerland, der für den Anbau von Nahrungsmitteln benötigt wird. Dieser Verdrängungseffekt war einer der Gründe, weshalb die Preise für Lebensmittel damals so stark gestiegen sind.
Diese Nachteile will die Industrie mit der zweiten Generation Kraftstoffe vermeiden. Jetzt sollen Abfälle aus Zuckerrohr und Holz oder Reststoffe wie Stroh in Biosprit umgewandelt werden. Die Verwendung solcher Pflanzenabfälle hat einen grossen Vorteil: die Nahrungs- und Futtermittelindustrie wird nicht konkurrenziert, und es werden keine zusätzlichen Anbauflächen benötigt.
Steigender Ölpreis könnte Durchbruch der Agrotreibstoffe beschleunigen
Mit Clariant (CLN 13.9 -1.35%) arbeitet auch ein Chemiekonzern aus der Schweiz an dieser neuen Technologie. Entwickelt hat das Verfahren die Firma Süd-Chemie aus München, die Clariant 2011 für rund 2,5 Milliarden Franken übernommen hat. Seit Anfang 2009 betreibt Süd-Chemie eine Pilotanlage. Als Abfallprodukt verwendet die Firma Stroh, das sie mit einem aufwendigen Verfahren unter Einsatz von Enzymen in sogenanntes Zellulose-Ethanol umwandelt. Anfang Juli nimmt Süd-Chemie eine Demonstrationsanlage in Betrieb, die jährlich rund 1000 Tonnen Zellulose-Ethanol herstellen soll. Die Produktion im industriellen Massstab will das Unternehmen schliesslich anderen Firmen überlassen und dazu Lizenzen vergeben. Süd-Chemie rechnet 2013 oder 2014 mit dem Baubeginn der ersten Anlagen.
Wie rasch Agrotreibstoffe der zweiten Generation den Durchbruch schaffen werden, ist umstritten. Bis sich die Herstellung rentabel betreiben lasse, werde es noch 10 bis 15 Jahre dauern, sagt etwa Thomas Breuer, Spezialist für nachwachsende Rohstoffe bei der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Etwas optimistischer ist Rainer Zah, Experte für Biokraftstoffe bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Er glaubt, dass es bereits innert fünf Jahren möglich sein wird, grössere Mengen herzustellen. Voraussetzung sei aber ein steigender Ölpreis, der den Umstieg auf Agrotreibstoffe beschleunige.
Logistik als Herausforderung
Sowohl Zah als auch Breuer sehen die hohen Kosten, die für den Bau einer Anlage anfallen, als grosse Hürde. Damit eine solche Treibstofffabrik gewinnbringend arbeiten kann, müsse sie im grossen Massstab gebaut werden, sagt Zah. Auch die Umwandlung von Pflanzenabfällen in Zellulose-Ethanol ist derzeit noch zu kostspielig. Die Preise der für die Umwandlung nötigen Enzyme sinken jedoch, womit sich die Herstellungskosten jenen von Bioethanol und Benzin angleichen dürften.
Eine weitere Herausforderung stellt die Logistik dar. Wenn die Pflanzenabfälle an vielen verschiedenen Orten eingesammelt werden müssen, kann dies schnell teuer werden. Die Verwertung von Stroh etwa sei nur in Gebieten mit grossen Landwirtschaftsbetrieben und Strohüberschüssen wie etwa Ostdeutschland oder Osteuropa möglich, sagt Breuer. Nur dort lassen sich die benötigen Mengen an Stroh beschaffen. Dies ist auch der Grund, weshalb die Herstellung von Zellulose-Ethanol in Nordamerika mit seinen riesigen Monokulturen am weitesten fortgeschritten ist.
Trotz grosser Unterstützung zu wenig Ertrag
Fraglich ist auch, wie sich die Kosten entwickeln. «Wegen der grossen Mengen an Reststoffen gehen viele Firmen von tiefen Preisen aus», sagt Breuer. Sobald aber die Herstellung von Zellulose-Ethanol eine grosse Nachfrage nach Biomasse wie etwa Stroh auslöst, werde der Preis automatisch steigen. Es sei deshalb offen, ob die Industrie langfristig Biomasse günstig einkaufen könne. Zudem können Abfallprodukte auf verschiedene Arten genützt werden, wie gerade das Beispiel Stroh zeigt. Dieses setzen Bauern etwa als organischen Dünger ein oder verkaufen es an Viehhalter.
Insgesamt kommen die neuen Agrotreibstoffe trotz grosser staatlicher Unterstützung weit langsamer voran als erhofft. In den USA erhielten Unternehmen seit 2007 über 1,5 Milliarden Dollar an Subventionen und eine Steuergutschrift von 1.01 Dollar pro produzierte Gallone (3,8 Liter). Dennoch wurden letztes Jahr nur 6,6 statt der geplanten 250 Millionen Fass produziert. Mehrere Firmen mussten Rückschläge hinnehmen oder gar Konkurs anmelden. Weit fortgeschritten ist die US-Firma Poet, die mit dem holländischen Chemiekonzern DSM einen potenten Partner im Rücken hat. Die beiden Firmen investieren 250 Millionen Dollar in eine Grossanlage, die vor allem Maisabfälle in Zellulose-Ethanol verarbeiten soll. DSM will daneben weitere Partnerschaften in Europa, China und Brasilien eingehen.
Massiv subventionierter Sektor
In Europa gibt es keine gesonderten Subventionen für Agrotreibstoffe der zweiten Generation. Doch der ganze Bereich wird durch die ehrgeizigen Ziele der EU gefördert. Bis 2020 soll in jedem Mitgliedland 10 Prozent der Energie, die der Verkehrssektor verbraucht, durch erneuerbare Quellen gedeckt werden.Geld vom Staat erhielt auch Süd-Chemie. Insgesamt kostete die neue Anlage 28 Millionen Euro. Davon gab die Firma 12 Millionen für begleitende Forschungsvorhaben aus. Den Grossteil dieser Kosten übernahmen der deutsche Staat und das Bundesland Bayern. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.07.2012, 13:30 Uhr
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24 Kommentare
Es gibt doch bereits Bio-Gas!?! Was ist das Problem damit? So können doch alle organischen Abfälle verwertet werden? Erprobt und sicher ist die Technologie doch auch? Wäre schön, wenn ein Insider da mal mehr Infos als dieser Artikel bringen könnte. Antworten
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