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Noch schlummert Islands gefährlichster Vulkan
Von Cyril Belardinelli. Aktualisiert am 31.05.2011 19 Kommentare
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Starker Lava-Ausstoss
Islands Vulkane liegen alle an einem Grabenbruch, der quer durch die Insel verläuft. Forscher vermuten, dass sich der Inselstaat über einem breiten Kanalsystem befindet, das direkt mit dem inneren Erdmantel verbunden ist. Deswegen stossen die isländischen Vulkane immer ausserordentlich viel Lava aus. Verglichen mit den grossen Vulkanen im Südostpazifik (z.B. Pinatubo oder Tambora) sind sie etwas weniger explosiv. Das wird aber besonders im Fall von Katla durch das explosive Magma-Eis-Gemisch kompensiert. (bel)
Tief unter Schnee und Eis verborgen ruht Katla – ein Vulkan, der die Welt verändern könnte, wenn er ausbräche. (Bild: Keystone )
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Der Ausbruch des Eyjafjallajökull hat vor einem Jahr den reibungslosen Ablauf der Weltwirtschaft wochenlang erheblich gestört. Verständlich ist daher die fast panikartige Reaktion auf den Ausbruch des Grimsvötn letzte Woche. Inzwischen hat dieser sich beruhigt, doch die Vulkanologen wissen: Auf Island stehen mit Katla und Hekla (siehe Karte) zwei weitere Vulkane vor dem Ausbruch – und mindestens einer davon besitzt ein Gefahrenpotenzial, das über wirtschaftliche Aspekte hinausgeht.
«Wenn Katla ausbricht, wird das auf Island zu gewaltigen Überschwemmungen und Flutwellen durch das Gletscherschmelzwasser führen», sagt der isländische Ingenieurgeologe Dr. Björn Oddsson, Dozent an der ETH Zürich. Laut dem isländischen Institut für Vulkanologie können solche sogenannten subglazialen Eruptionen zwischen 5 und 12 Meter hohe Flutwellen erzeugen.
Ein explosives Gemisch
«Der Ausbruch des Vulkans Katla ist eigentlich überfällig», sagt Oddson. Der letzte grosse Ausbruch des Katla war 1918 – und im Durchschnitt bricht dieser Vulkan alle 70 Jahre aus. Warum er bis jetzt ruhig geblieben ist, verstehen die Forscher nicht so recht, was zu ihrer Beunruhigung beiträgt. Die Geschichte habe gezeigt, so Oddson, dass die Ausbrüche besonders heftig seien, wenn sie auf überdurchschnittlich lange Ruhephasen folgten. Aber ob der nächste Ausbruch des Katla überdurchnittlich heftig sein werde, vermöge niemand vorauszusagen.
Der Katla liegt unter einem 400 Meter dicken Eispanzer. Das macht ihn den Fachleuten zufolge besonders gefährlich, da das Gemisch von Magma, Eis und Schmelzwasser heftige Explosionen auslösen kann: Durch das über 1000 Grad Celsius heisse Magma würden riesige Eismengen augenblicklich in extrem heissen Wasserdampf überführt. Dadurch baue sich – wie in einem Dampfkochtopf – unter der Eisdecke ein enormer Druck auf, der sogar die dicke Eisdecke hochheben und die Vulkanasche sehr weit in die Atmosphäre hinauftreiben könne.
«Katla ist unberechenbar; seit 1918 hat man keine Gelegenheit gehabt, einen Ausbruch wissenschaftlich zu untersuchen», sagt auch Helgi Björnsson, Professor am Nordischen Institut für Vulkanologie in Reykjavik.Ganz anders beim anderen isländischen Vulkanriesen Hekla, der auch vor einem Ausbruch stehen soll. Hekla bricht im Durchschnitt alle zehn Jahre aus, das letzte Mal geschah dies im Jahre 2000. Zudem liegt dieser Vulkan nicht unter einem Gletscher, was die Explosivität und die Gefahr hoher Flutwellen bedeutend verringert. «Hekla ist der bestuntersuchte Vulkan auf Island; wir erwarten zwar schon bald einen Ausbruch, aber wir kennen den Vulkan, sodass er uns weniger Sorgen bereitet als Katla», sagt Björnsson.
Saurer Regen über Europa
Es wäre nicht das erste Mal, dass ein isländischer Vulkan extreme Folgen für das Klima und das Wirtschaftsleben Europas hat. «Aus der Geschichte wissen wir, dass es auf Island ungefähr alle 200 Jahre einen Ausbruch gibt, der weit über das normale Mass hinausgeht», sagt Björnsson. Die letzte Megaeruption dieser Art betraf den Vulkan Laki, begann am 8. Juni 1783 und hielt ganz Europa über acht Monate lang in Angst und Schrecken.
Wie ein Weltuntergang
Es war das Szenario eines Weltuntergangs. Ganz Europa verdunkelte sich. Die von Island kommende Aschewolke liess den Himmel während mehr als fünf Monaten dunkel-trüb erscheinen. Die Luft war ungewöhnlich kühl. Dazu der seltsame Kontrast der rot glühenden Sonne, «wie wenn sie in Blut getränkt worden wäre», so der damals in Berlin lebende Schweizer Naturforscher Nicolas de Beguelin.
Selbst im 3000 Kilometer entfernten Sankt Petersburg vermerkt der erblindete Schweizer Mathematiker Leonhard Euler in seinem Tagebuch: «Die Luft riecht stechend nach Schwefel.» Die Ursache: Der Vulkan stösst über 15 Kubikkilometer Lava aus. Ungeheure Mengen von Schwefeldioxid reagieren mit den Wassertröpfchen des geschmolzenen Eises. In der Folge ergiesst sich über ganz Europa ein saurer Regen. «Bezüglich der ausgeflossenen Lavamenge gilt Laki weltweit als die grösste je vorgekommene Eruption», so Björnsson. 20 Prozent der isländischen Bevölkerung seien beim Ausbruch des Laki ausgelöscht worden. In vielen Teilen Mitteleuropas fiel aufgrund der verminderten Sonneneinstrahlung die Ernte aus – etliche Hungersnöte waren die Folge. «Der folgende Winter gehörte zu einem der kältesten der letzten 1000 Jahre», sagt Christian Rohr, Professor für Klimageschichte an der Universität Bern. «Die klirrende Kälte liess viele Flüsse Europas zufrieren, in Wien stieg wegen Hunger und Kälte die Sterblichkeitsrate um über 60 Prozent!» Im darauffolgenden Frühjahr habe in Prag und Wien das in den Flüssen auftauende Eis zu riesigen Überschwemmungen geführt; ganze Stadteile seien vom Wasser weggeschwemmt worden.
Gefahrenzone für Flugzeuge
Im Vergleich zur damaligen Katastrophe war der letztjährige Ausbruch des Eyjafjallajökull geradezu vernachlässigbar klein. Der Ausbruch traf aber das wirtschaftliche Europa an seiner verwundbarsten Stelle – seiner Mobilität. «Die heutige moderne Industriegesellschaft ist gegenüber solchen Ereignissen viel verletzlicher als dies zur Zeit des Laki-Ausbruchs der Fall war», so Christian Rohr.
Island liegt in einer wichtigen internationalen Flugschneise, die auch in Zukunft durch seine Vulkane bedroht werden kann: Laut der Europäischen Flugsicherungsorganisation (Eurocontrol) führen rund zwei Drittel aller Transatlantikflüge von Europa an die US-Westküste oder Kanada und umgekehrt über Island. Im Jahr 2010 seien dies insgesamt über 76'000 Flugbewegungen gewesen – also mehr als 200 Flugzeuge täglich. Jeder Vulkanausbruch von der Mindestgrösse eines Eyjafjallajökull unterbricht unweigerlich das ganze Flugroutensystem.Trotz der objektiven Gefahr, die auch zukünftig von den isländischen Vulkanen ausgehe, sei Alarmismus jedoch verfehlt, findet Björn Oddsson. «Die Vulkanüberwachung wird stetig verbessert, aber eine absolute Kontrolle ist unmöglich. Islands Vulkane sind wie Individuen: Sie lassen sich nur schwer bändigen.» Für die Inselbewohner selber seien die Vulkane keineswegs nur todbringende Berge – ohne die Vulkane gäbe es Island nämlich gar nicht: Die Insel besteht vollständig aus Vulkangestein. Und der Boden ist dank der Vulkanasche ausserordentlich fruchtbar.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.05.2011, 21:40 Uhr
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19 Kommentare
und wie bereiten wir uns vor? vom BR ist da sicher nichts zu hören und von den Regierungen anderer Länder auch nix. Was mich so ärgert ist, dass wir so ohne Plan vor uns hinleben, obwohl es alle besser wüssten. Eine funktionierende Gemeinschaft sollte gewappnet sein, dann kann man gemeinsam sowas auch überstehen. Antworten
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