Wissen

Grosse Eisverluste, zu wenig Daten

Von Martin Läubli. Aktualisiert am 02.12.2010 2 Kommentare

Satelliten liefern neue, zuverlässige Angaben über die Entwicklung in der Arktis und Antarktis. Trotzdem fehlt den Wissenschaftlern noch Wissen, um die Schwankungen des Meeresspiegels glaubwürdig zu schätzen.

Folgen des Klimawandels: Schmelzende Eisberge in Grönland.

Folgen des Klimawandels: Schmelzende Eisberge in Grönland.
Bild: Keystone

An der Klimakonferenz in der mexikanischen Küstenstadt Cancún, die am Montag eröffnet wurde, ist es nicht anders als vor einem Jahr in Kopenhagen: Die Gruppe der kleinen Inselstaaten (Aosis) fordert, die kritische Erwärmungsschwelle für die Erde nicht bei 2 Grad, sondern schon bei 1,5 Grad anzusetzen. Sie fürchtet, der Meeresspiegel steige bereits bei diesem Wert bedrohlich.

Schon an der Konferenz auf der indonesischen Insel Bali vor drei Jahren gehörte die Frage nach den Schwankungen des Meeresspiegels zu den wichtigsten Punkten. Der UNO-Weltklimarat IPCC gibt sich heute wie damals zurückhaltend. «Wir wissen noch zu wenig über die komplizierten Abschmelzprozesse im Eis auf Grönland und in der Antarktis», sagt Thomas Stocker, Klimaforscher an der Universität Bern und Vorsteher der Arbeitsgruppe I des IPCC.

Arktis erwärmt sich stark

Trotzdem sind die Wissenschaftler einen grossen Schritt weiter als noch vor drei Jahren, als der IPCC den 4. Klimazustandsbericht veröffentlichte. «Wir können nun das Verhalten des Eises auf Grönland und der Antarktis realtime verfolgen», sagt Stocker. Der amerikanische Satellit Grace liefert äusserst genaue Gravitationsmessungen, die Rückschlüsse auf Veränderungen der Eismasse erlauben. Diese zeigen eine massive Abnahme des Grönlandeises. Im Vergleich zu 2002/03 hat sich der jährliche Verlust zwischen 2007 und 2009 verdoppelt. In der Antarktis ist der Eisverlust pro Jahr zwischen 2006 und 2009 sogar mehr als 100 Prozent höher als in der Periode 2002 und 2006.

Besonders beunruhigend ist die Beschleunigung. Verschiedene Studien zeigen, dass der grönländische Eisschild in den letzten zehn Jahren von Jahr zu Jahr mehr Eis verloren hat. Diese Entwicklung sei gekoppelt an die Erwärmung des Meerwassers und der Atmosphäre, so Konrad Steffen von der University of Colorado in Boulder. In der Arktis war die Erwärmung laut IPCC in den letzten 100 Jahren doppelt so gross wie der globale Durchschnitt.

Wissen für Vorhersagen fehlt

Den grössten Anteil der veränderten Massenbilanz des Grönlandeises haben die Gletscher, die direkt ins Meer fliessen. Die Wissenschaftler verstehen zwar generell die physikalischen Fliessprozesse der Gletscher, doch für Vorhersagen fehlt das entscheidende Wissen: Die Forscher wissen nur wenig darüber, was an der Küste exakt abläuft, wenn die Gletscher ins Meer kalben. Unsicherheit herrscht auch über die Rolle des Schmelzwassers auf der Gletscheroberfläche.

Eine Studie der University of Colorado in Boulder belegt, dass die Erderwärmung den Eisfluss stärker beschleunigen kann als bisher angenommen. «Ist Schmelzwasser einmal in einen Eisblock eingedrungen, so erwärmt sich dieser schnell», sagt Thomas Phillips. Der grönländische Eisschild ist nicht solid und glatt. Er bewegt sich ständig Richtung Küste und reibt sich dabei am Boden. Dadurch entstehen Spannungen, die zu Spalten und Rissen im Eis führen. Das Schmelzwasser sickert dann durch diese Öffnungen und kreiert nach den Vorstellungen der Forscher Eishöhlen und ein Netz von «Leitungen» mit relativ warmem Wasser. So breitet sich die Wärme im Eis aus.

Glaziales Heizsystem

In den herkömmlichen Modellen fliessen diese Prozesse nicht mit ein. Berücksichtigt ist nur die Lufttemperatur. Selbst bei einer starken Erderwärmung würde das Eis in diesen Berechnungen erst nach Jahrhunderten «warm». Die amerikanischen Forscher haben deshalb ein Modell entwickelt, das sommerliches Schmelzwasser während acht Wochen, also während der Dauer einer Schmelzsaison, ins Eis versickern lässt. Das Resultat: Das Gletschereis erwärmt sich innert Jahren bis Dekaden. Dieses Phänomen ist allerdings nicht der einzige Faktor, der den Eisfluss beschleunigt. In einer wärmeren Umgebung ist es möglich, dass das einfliessende Schmelzwasser selbst im Winter flüssig bleibt, was die winterliche Abkühlung verlangsamt. Anderseits kann eindringendes Wasser wieder gefrieren. Die Konsequenz: Es entstehen zusätzliche Risse, die das «Heizsystem» erweitern.

Ähnliche Unsicherheiten ergeben sich auch in der Antarktis. Der Pine-Island-Gletscher und der Thwaites-Gletscher sind die beiden grössten Gletscher in der Westantarktis und fliessen am schnellsten. Der Fluss des Pine-Island-Gletschers beschleunigt sich derzeit besonders stark. Ein Viertel des Gletschers erstreckt sich ins Meer. Das Eis schmilzt weitgehend durch relativ warmes Wasser, weil die antarktischen Lufttemperaturen weit unter null liegen.

Die Erwärmung des Meerwassers und die Tiefenströmung rund um die Antarktis werden künftig für die Stabilität des Gletschers eine grosse Rolle spielen. Ob es sich um ein natürliches Phänomen oder den Beginn eines immer stärkeren Eisabflusses handelt, ist unsicher.

Jährlich 3,4 Millimeter Anstieg

Die gegenwärtige Datenlage macht die Klimaforscher weiterhin vorsichtig in ihren Aussagen. Die Entwicklung könne «überschätzt» oder «unterschätzt» werden, heisst es in einem IPCC-Bericht von einem Treffen im Juni. Die beobachtete Geschwindigkeit der Eisbewegungen hat die Forscher überrascht. Sie machen deutlich, dass der Meeresspiegelanstieg schneller vor sich gehen könnte als bisher vermutet. Sicher ist: Der durchschnittliche Anstieg des Meeresspiegels betrug in den letzten 17 Jahren jährlich 3,4 Millimeter.

Das zeigen Daten diverser Satelliten. Dies ist mit Gewissheit auf die Eisschmelze in Grönland und der Antarktis zurückzuführen sowie auf die Ausdehnung des Meerwassers durch die Erwärmung. Der renommierte australische Forscher John Church rät den Regierungen von Küstenstädten, sich Gedanken über Schutzmassnahmen zu machen. Auf den pazifischen Inselstaaten wohnen 20 Prozent der städtischen Bevölkerung am Meer. 2 Millionen Menschen an der Küste im ägyptischen Alexandria, so eine Studie, müssten ihre Häuser verlassen, wenn der Meeresspiegel um 50 Zentimeter ansteigen würde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2010, 21:13 Uhr

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2 Kommentare

Ruedi Schmid

02.12.2010, 05:41 Uhr
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Archimedes lässt grüssen. Das Gewicht des Nordpoleises verdrängt die gleiche Wassermenge wie wenn es schmilzt. Nur geschmolzenes Eis über Land bewirkt den Anstieg der Meere. Wärmere Luft enthält zudem bei gleicher Sättigung wesentlich mehr Wasser. Solange diese reduzierenden Einflüsse nicht erwähnt werden geht die Glaubwürdigkeit verloren. Antworten


Stefan Ulmer

05.12.2010, 10:17 Uhr
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Ich weiss nicht obs Archimedes rausgefunden hat, aber schon mal überlegt, das wenns sich eine Flüssigkeit erwärmt, sie sich dann auch ausdehnt! Der Raumausdehnungskoeffizient von Wasser ist 0.00021 Kubikmilimeter pro Kelvin Ansich eine relativ kleine Zahl, nur in betracht der imensen Menge an Wasser in den Ozeanen... Antworten



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