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Gifte in Schrebergärten und auf Feldern bedrohen Bienenvölker

Von Atlant Bieri. Aktualisiert am 22.04.2012 15 Kommentare

Das Insektengift Neonicotinoide gelangt in der Schweiz tonnenweise auf Mais, Raps, Obst und Zierpflanzen und dringt in Pollen und Nektar ein.

Im Privatbereich gibt es viele Möglichkeiten, die Pestizide unnötig machen: Ein Schrebergarten in Zürich. (Archivbild)

Im Privatbereich gibt es viele Möglichkeiten, die Pestizide unnötig machen: Ein Schrebergarten in Zürich. (Archivbild)
Bild: Keystone

Gärtnern ohne Gift

Basilikum zwischen Tomaten, Gurken und Kohl pflanzen. Hilft gegen Mehltau und die Weisse Fliege.

Lavendel als Beeteinfassung hält viele Schädlinge fern und zieht bestäubende Insekten an.

Eine Lösung aus Wasser und Schmierseife, die auf die Pflanzen gesprüht wird, hilft ausgezeichnet gegen starken Blattlausbefall.

Gegen Schnecken helfen Schneckenzäune und Schneckenkragen am besten.

Nur Rosensorten pflanzen, die resistent gegen Schorf und Mehltau sind.

Pflanzen, die anfällig auf Rost- und Mehltaupilze sind, alle zwei Wochen mit Fenchelöl abspritzen.

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Wer sich in der heutigen Zeit Bienen zulegt, der hat oft nicht lange Freude an ihnen. Denn an diesen Insekten haftet der Tod. Jedes Jahr sterben den Imkern weltweit Zehntausende Völker weg. In der Schweiz gibt es heute rund hunderttausend Bienenvölker. 1990 waren es noch doppelt so viele. Zu den vermuteten Ursachen des Bienensterbens zählen Krankheitserreger wie Pilze, Bakterien und Viren, eingeschleppte Parasiten wie die Varroamilbe und der weitverbreitete Gebrauch von Pestiziden.

Letztere stehen vor allem im Zentrum der Forscher. Zwei neue Studien zeigen, dass bereits Kleinstmengen Pestizide, die nicht direkt zum Tod führen, ein Bienenvolk langfristig zerstören können («Sience», Bd. 335). Untersucht haben die Forscher die sogenannten Neonicotinoide, die in der Landwirtschaft weit- verbreitet sind und auch in Privatgärten nach freiem Ermessen eingesetzt werden dürfen.

Kleine Menge, grosse Wirkung

Demnach wirken sich bereits geringste Mengen dieses Giftes verheerend auf das Gehirn der Bienen aus. Ihr Orientierungssinn wird gestört, und sie finden in der Folge nicht mehr zu ihrem Nest zurück, wie die Forschungsergebnisse belegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Biene die Orientierung verlor, war unter Pestizideinfluss zwei- bis dreimal grösser. Auf diese Weise verliert ein Bienenvolk eine Arbeiterin nach der anderen. «Dieser Prozess tötet im schlimmsten Fall den Stock auf indirekte Art», sagt Mickaël Henry vom Nationalen Institut für Agronomieforschung (Inra) in Frankreich.

In der zweiten Studie liessen die Forscher mehrere Hummelvölker von verseuchten Pollen fressen. Dabei betrug die Konzentration von Neonicotinoiden nur gerade 0,7 Mikrogramm pro Kilogramm Pollen. Das Fazit: Die unterschwellig vergifteten Völker waren bis zu 12 Prozent kleiner, und sie brachten bis Ende Jahr 85 Prozent weniger Königinnen hervor als die unvergiftete Kontrollgruppe. Die Folge: Die Zahl neuer Kolonien nimmt deutlich ab. «Der weitverbreitete Gebrauch der Neonicotinoide deutet darauf hin, dass sie in den Industrieländern einen erheblichen negativen Einfluss auf wilde Hummelpopulationen haben», schreibt Dave Goulson von der Universität Stirling in Schottland in der Studie.

Langzeitwirkung von niedrigen Pestizidkonzentrationen auf Bienen wird untersucht

Neonicotinoide sind darum so gefährlich für Bienen und Hummeln, weil diese Chemikalien systemisch wirken. Das heisst: Nachdem sie der Landwirt auf das Feld gesprüht hat, dringen sie in die Pflanzen ein und verteilen sich über deren Röhrensystem bis in die entferntesten Winkel. Der Vorteil ist dabei, dass jedes einzelne Blättchen vor Insektenfrass geschützt ist. Der Nachteil: Das Gift dringt auch in Nektar und Pollen ein und kommt so mit den Bienen in Berührung. In der Schweiz werden gemäss Angaben des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) jährlich rund vier Tonnen Neonicotinoide auf Mais, Raps, Zuckerrüben, Gemüse, Kartoffeln, Obst und Zierpflanzen ausgebracht.

Das ist, gemessen an den 2000 Tonnen Pflanzenschutzmitteln, die jedes Jahr auf unseren Feldern landen, zwar relativ wenig, aber bei den Neonicotinoiden kommt es offensichtlich nicht so sehr auf die Menge an. Die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Agroscope untersucht seit einiger Zeit die Langzeitwirkung von niedrigen, nicht tödlichen Pestizidkonzentrationen auf Bienen. Die Resultate sind noch nicht veröffentlicht, aber sie bestätigen grundsätzlich die besorgniserregenden Ergebnisse der Studien von Henry und Goulson, wie Peter Gallmann von Agroscope sagt.

Auch Hummeln bringen langfristig massiv weniger neue Völker hervor

Doch dass Pestizide allein für die Völkerverluste verantwortlich sind, hält Gallmann nach wie vor für unwahrscheinlich. Andere Faktoren wie die Varroamilbe und die von ihr übertragenen Krankheiten seien viel gewichtiger. «Wenn wir die Völkerverluste verhindern wollen, braucht es eine bessere und nachhaltige Bekämpfung der Varroamilbe», sagt Gallmann.

Da aber auch Hummeln, die nicht von Varroa befallen werden, langfristig massiv weniger neue Völker hervorbringen, sollte unser freizügiger Einsatz von Neonicotinoiden unterbunden werden, meint der britische Forscher Dave Goulson. «Ihr Gebrauch ist besonders auf blühenden Nutzpflanzen ein Problem und sollte gestoppt werden.»

Beliebt in Schrebergärten

Doch nicht nur die gängige Landwirtschaftspraxis ist schuld an der unterschwelligen Vergiftung unserer bestäubenden Insekten. Auch Privatpersonen greifen für ihren Schrebergarten oder ihre Balkonoase gerne auf Neonicotinoide zurück. Ihre systemische Wirkung ist äusserst praktisch, denn sie müssen nur in den Blumentopf gegossen werden, und schon sind die Blattläuse, die Weissen Fliegen oder die Spinnmilben Geschichte. Nur sind leider auch hier die Bienen die Leidtragenden. «Da Neonicotinoide die hauptsächlichen Insektizide im Gartengebrauch sind, könnten sie bei den Bienen zu sehr hohen Belastungen führen», so Goulson. Der Einsatz von Pestiziden in Privathaushalten ist der Stiftung Praktischer Umweltschutz Schweiz (Pusch) schon lange ein Dorn im Auge. Darum hat sie letzte Woche die Aktion «Stopp den Giftzwerg» lanciert. «Wir möchten erreichen, dass die Bevölkerung weniger Chemikalien verwendet», sagt Marianne Gehring von Pusch. «Mit Pestiziden sich und die Umwelt zu gefährden, ist unvernünftig und unnötig. Es gibt Alternativen aus der biologischen Gartenpflege.»

Gemäss Erhebungen des BLW gehen in der Schweiz jährlich 100 Tonnen Pestizide für den Privatgebrauch über den Ladentisch. «Wie gross die Dunkelziffer ist, weiss niemand», sagt Gehring. Denn Pestizide lassen sich an der Statistik vorbei bequem über das Internet bestellen und direkt nach Hause liefern. Jeder Freizeitgärtner, der via Mausklick oder per Hand im Gartencenter in das Giftregal greift, ist potenziell mitverantwortlich für den Niedergang vieler Bienenvölker. «Am besten lässt man die Finger von dem Zeug», sagt Gehring. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2012, 08:17 Uhr

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15 Kommentare

Petger Roediger

22.04.2012, 08:58 Uhr
Melden 35 Empfehlung 0

Ok. Soweit so gut (oder auch nicht). Warum werden von den verantwortlichen Behörden nicht umgehen und rigoros ein absolutes Verbot für den Einsatz solcher Mittel ausgesprochen?
Oder wird zuerst beschwichtige, dann eigene Untersuchungen in Aussicht gestellt? Deren Ergebnisse schon heute vorhergesagt werden können.
Antworten


Nicole Meier

22.04.2012, 08:54 Uhr
Melden 28 Empfehlung 0

In Schrebergärten ist der einsatz von Giften jeglicher Art verboten. Jeder " Schädling " hat einen natürlichen " Nützling ". Sprich, z.B. Blattläuse werden von Himmugüegeli gefressen. Man kann ganz gut auf natürliche Weise gegen " Schädlinge " vorgehen. Auch mit selbst angesetzten Brühen, die auch aus Unkraut bestehen. Somit schliesst sich der Kreislauf. Antworten



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