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«Eine schrumpfende Bevölkerung hat einen Wettbewerbsvorteil»
Von Matthias Meili. Aktualisiert am 10.05.2012 33 Kommentare
Mathis Wackernagel: Der 50-jährige ETH-Ingenieur, einer der Väter des Konzepts Footprint, ist Gastprofessor an der Universität Cornell, New York. Link (Bild: ZV)
Artikel zum Thema
- Studie zeichnet düsteres Bild für das Jahr 2052
- Gefahr durch Bevölkerungswachstum und Klimawandel
- Der globale Fussabdruck der Schweiz ist riesig
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Der Club of Rome macht im soeben veröffentlichten Bericht 2052 eine düstere Prognose: weltweiter Kampf um die Ressourcen, drastische Klimaveränderungen und soziale Unrast. Ist die Lage so ernst?
Dass die Situation ernst ist, ist nicht erstaunlich. Erstaunlich ist, dass wir so viel wissen über den Raubbau an unseren Ressourcen und so wenig dagegen tun. Es ist erstaunlich, denn es trifft jedes Land, auch die Schweiz.
Wer tut zu wenig?
Die Wissenschaft zeigt, dass wir eigentlich rasant aus den fossilen Energien aussteigen müssten, aber ich sehe diesbezüglich keine adäquaten Anstrengungen, im Gegenteil.
Ist unser Fussabdruck zu gross?
Insgesamt braucht die Erde heute etwa 1,5 Jahre, um das zu regenerieren, was wir Menschen in einem Jahr verbrauchen. In der Schweiz verbrauchen wir Ressourcen, die ungefähr der vierfachen Grösse unseres Landes entsprechen, um unseren Lebensstandard zu halten. Aber wir haben nur eine Schweiz.
Hat die Schweizer Regierung das Problem nicht erkannt?
Der Schweizer Bundesrat hat vor zwei Jahren eine Studie verfasst als Antwort auf eine parlamentarische Anfrage, wie sich die Schweiz auf die Ressourcenverknappung vorbereiten kann. In diesem 176 Seiten starken Bericht wird die ganze dramatische Situation schon dargestellt. Der Bericht vermerkt auch, dass die Schweiz kein Erdöl, keine Kohle und kein Erdgas hat. Doch erleichtert hält er schliesslich fest, dass wir ein Pflichtlager haben, das viereinhalb Monate reicht. Rechnen Sie selber: Wie viele Monate hat das 21. Jahrhundert?
Ziemlich kurzsichtig ...
Genau. Wir tun so, als ob nachhaltiges Handeln aus Kompostieren und Nettsein bestehe. Und in der Schweiz tun wir so, als ginge es um die Rettung der Welt, dabei geht es um die Schweiz. Wir verbrauchen viel mehr Ressourcen, als es in der Schweiz gibt. Und auch die meisten anderen Länder konsumieren immer mehr Ressourcen. China zum Beispiel hat zwischen 2000 und 2009 seinen Energieverbrauch verdoppelt.
Der Verbrauch der Ressourcen und der Klimawandel sind globale Probleme. Was kann die Schweiz da ausrichten?
Wir stehen vor einem globalen Sturm, aber wir haben viele lokale Probleme – eines davon haben wir in der Schweiz. Wir sind vielleicht noch ein bisschen stabiler als zum Beispiel Ägypten, weil wir noch mehr Geld haben. Aber das heisst nicht, dass wir nicht einbrechen, sondern nur, dass wir später einbrechen.
Muss man eine solch düstere Prognose stellen?
Das ist nicht düster. Ich bin Ingenieur. Ich sage nur: Wir sollten doch etwas rationaler sein und unser Eigeninteresse besser wahrnehmen. Ohne Ressourcen läuft nichts. Wenn man die ganze Energiebilanz betrachtet und nicht nur die Stromproduktion, ist unsere Abhängigkeit von den fossilen Energien enorm.
Jorgen Randers, der Autor des Berichts, hat 30 Wissenschafter beigezogen – auch Sie. Die neu entdeckten Gasvorkommen, die den Energiebedarf auf Jahrzehnte sichern, werden zwar erwähnt. Aber ist der Bericht insgesamt nicht zu pessimistisch?
Natürlich gibt es noch viele fossile Energien. Wenn man aber alle fossilen Energien verbrennen würde, die man bis heute gefunden hat, würde die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf mindestens das vierfache Niveau von heute ansteigen. Auch wenn der Effekt auf das Klima nicht proportional ansteigt, wäre das Gleichgewicht schwer gestört.
Was können wir daraus schliessen?
Die fossilen Ressourcen sind knapp, doch die biologischen Ressourcen der Erde, die es auch für die Regeneration der Atmosphäre braucht, sind noch knapper. Limitierende Kraft ist die Regenerationsfähigkeit der Erde. Wir haben schon zu viel fossile Energien gefunden. Aber leider haben wir die Weisheit nicht, uns davon zu verabschieden. Im Gegenteil.
Bis jetzt sind wir gut gefahren ...
Wir merken gar nicht, wie fragil diese Abhängigkeit ist. Als 2008 die damalige Aussenministerin Micheline Calmy-Rey in den Iran reiste und mit Schleier fotografiert wurde, haben alle sie kritisiert, statt ihr zu danken, dass sie für die Schweiz Ressourcen absichern wollte. Der Grossteil unseres Öls hängt vom Willen unstabiler Regionen und Regierungen ab. Was wir mit der Familie Ghadhafi erlebten, war nur ein Vorgeschmack. Wir stehen vor einer Zeitenwende: Die Welt wird sich schon bald ganz anders präsentieren, als wir sie kennen.
Was kommt da konkret auf die Schweiz zu?
Heute leben über 83 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, die mehr Natur verbrauchen, als deren Ökosysteme zu regenerieren vermögen. Als ich vor weniger als 50 Jahren auf die Welt kam, war das Verhältnis fast umgekehrt. Die Folge der Entwicklung ist eine Art globale Versteigerung der Ressourcen. Dabei ist entscheidend, wie viel ein Schweizer im Vergleich zu den anderen verdient, denn jeder Schweizer steht mit der ganzen Welt im Wettbewerb um die limitierten Ressourcen. Laut der Weltbank hat der Schweizer Anteil am weltweiten Einkommenskuchen in den letzten vier Jahrzehnten um 40 Prozent abgenommen. Gleichzeitig will die Schweiz immer mehr von der Welt. Das ist ein Widerspruch. Er besteht in vielen europäischen Ländern – besonders in Spanien, Griechenland, Italien und Portugal –, was auch Konsequenzen für die Schweiz hat.
Bedeutet das nicht, dass wir vor allem das Wachstum der Wirtschaft vorantreiben müssen?
Die Schweiz als Bankennation sollte wissen, dass nicht das Wachstum wichtig ist, sondern der Reichtum. Und wenn Wachstum auf Raubbau basiert, dann verlieren wir Reichtum. Reichtum bedeutet doch nichts anders als die Möglichkeit, in Zukunft Einkommen generieren zu können.
Rohstoffe haben wir nicht viele, Sie meinen also die menschlichen Ressourcen?
Nicht einmal nur das. Ein simples Beispiel: Wenn Sie ein Haus kaufen, das zentral liegt und energetisch gut gebaut ist, ist das ein Aufbau von Reichtum, auch wenn es am Anfang mehr kostet. Ein solches Haus wird in einer rohstoffknappen Zukunft an Wert gewinnen. Ein Haus, das von der Stadt weit entfernt und energetisch schlecht gebaut ist, wird hingegen an Wert verlieren. Und zwar gerade dann, wenn man den Wert brauchen würde. Wir verlieren also genau dann das Kissen unter uns, wenn wir umfallen.
Geht es um die Qualität der Infrastruktur?
Mit Sicherheit. Die Infrastruktur beeinflusst enorm, wie viel wir konsumieren. Das sieht man am Vergleich von amerikanischen Autostädten wie Houston mit einer Stadt wie Siena. In Siena ist der Ressourcenverbrauch etwa drei- bis viermal tiefer pro Einwohner, einfach weil die Stadt anders gebaut ist. Doch die Lebensqualität von Siena ziehe ich der von Houston vor.
Ist die Schweiz nicht auch einfach zu stark bevölkert, um nachhaltig zu sein? In den letzten 20 bis 30 Jahren ist die Bevölkerung von 6 auf 8 Millionen angewachsen.
Das ist eine wichtige Frage. Wenn wir eine wachsende Bevölkerung haben, müssen wir mehr und mehr investieren, mehr und mehr Infrastruktur bauen und verbrauchen so mehr und mehr Ressourcen. Wir müssen uns fragen, ob uns das ökonomisch wirklich hilft – oder ob eine kleinere Bevölkerung nicht besser wäre. Die gute Nachricht ist, dass eine schrumpfende Bevölkerung mit mehr alten als jungen Leuten in einer ressourcenknappen Welt einen signifikanten Wettbewerbsvorteil hat.
Das ist überraschend ...
Alte Leute sind länger selbstständig als junge Leute. Alte Leute sind nur im letzten Lebensjahr wirklich abhängig, bis aber junge Leute voll erwerbstätig sind, geht es 25 Jahre. Also sind die Kosten für eine Gesellschaft, die mehr alte Leute hat, geringer. Viele Demografen meinen fälschlicherweise, eine schrumpfende Bevölkerung sei das Ende der Welt. Ich glaube, das Gegenteil stimmt.
Wer zahlt dann unsere Renten?
Natürlich würde es beim Wechsel Probleme geben, aber strukturell gesehen ist eine Bevölkerung, die altert, besser aufgestellt. Da wir länger leben, muss das Rentenalter angehoben werden. Aber wie wir den Übergang von einer wachsenden zu einer schrumpfenden Bevölkerung gestalten, ist eine sozialpolitische Frage.
Der Bericht des Club of Rome sagt, dass die Bevölkerung 2040 8 Milliarden erreicht und dann zurückgeht. Das tönt positiv.
Ich glaube diese Prognose nicht so recht. Gemäss offiziellen UNO-Prognosen stabilisiert sich die Bevölkerung bei 10 Milliarden, und auch das nur, wenn einige wichtige Voraussetzungen erfüllt sind. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.05.2012, 20:52 Uhr
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33 Kommentare
Wissenschaftler sollte endlich Stellung beziehen! Die meisten verstehen Wissenschaft so, dass sie nur Fakten liefern, völlig wertfrei! Aber das funktioniert nicht! Denn Politiker, welche die Entscheidungen treffen, begreifen die Zusammenhänge nicht oder denken primär an die nächsten Wahlen! Fakten bewerten können nur die Wissenschaftler selbst. Dazu müssen sie aber auch mal auf den Tisch hauen! Antworten
"Die gute Nachricht ist, dass eine schrumpfende Bevölkerung mit mehr alten als jungen Leuten in einer ressourcenknappen Welt einen signifikanten Wettbewerbsvorteil hat." - Endlich mal
ein Wissenschafter, der das Problem erkannt hat! (Und jetzt kommen wieder jene Superschlauen, die sagen, es sei völlig egal, ob die Leute in der Schweiz oder anderswo sind, sie brauchen gleich viele Ressorcen...)
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