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Ein aussergewöhnlich normales Wetterjahr

Von Martin Läubli. Aktualisiert am 29.12.2010 18 Kommentare

Der diesjährige Dezember war zu kalt. Insgesamt fügt sich das Jahr 2010 jedoch nahtlos in die langfristigen Klimatrends ein.

Nicht aussergewöhnlich: Wärmegewitter über dem Uetliberg am 12. August.

Nicht aussergewöhnlich: Wärmegewitter über dem Uetliberg am 12. August.
Bild: Keystone

Es sind die extremen Wetterereignisse, die im Gedächtnis bleiben: die bitterkalten Weihnachtstage. Der Schnee, der im Dezember bereits zweimal die ganze Schweiz geschlossen deckte und kilometerlange Staus, Unfälle und Verspätungen verursachte. Der Dezember war laut Meteo Schweiz auf der Alpennordseite vom Flachland bis in die mittleren Höhen 1 bis 2 Grad zu kalt. Auch im Süden lagen die Temperaturen tiefer als gewöhnlich. Mancherorts schneite es wie schon lange nicht mehr.

Es war ein ungewöhnlicher Dezember in einem vermeintlich «normalen» Jahr 2010. Es ist jedoch die Normalität, die für Klimatologen wiederum ungewöhnlich ist. «Erstaunlich ist der geringe Wärmeüberschuss in der Schweiz», sagt Stephan Bader von Meteo Schweiz. Seit bald 20 Jahren sind die Wissenschaftler gewohnt, dass die jährliche Wärmebilanz im Vergleich zum langjährigen Mittel von 1961 bis 1990 deutlich positiv ist.

Der Einfluss der Arktis

Zum «normalen» Jahresergebnis hat sicher der anormale Winter 2010 in der Schweiz beigetragen. Der Januar gehörte zu den kältesten seit über 20 Jahren. Die Temperaturen erreichten zwar keine extremen Tiefstwerte, sie waren jedoch grösstenteils unter dem Durchschnitt. Auch der Februar war mehr als 1 Grad kälter als das langjährige Mittel. In La Brévine wurden minus 35,6 Grad gemessen – im Engadin minus 25 bis minus 30 Grad. «Das war bereits der vierte Winter in den letzten 20 Jahren, der ungewöhnlich kälter war», sagt Bader.

Solche Ereignisse lassen sich gegenwärtig nicht in einen Kontext mit dem Klimawandel bringen. Es fehlen langjährige Daten über globale Luftströmungen. Bader verweist auf die Aufzeichnungen der Dänen, die dank ihren Fahrten weit in den Norden bereits vor mehreren Jahrhunderten Wetterbeobachtungen dokumentierten. Daraus ist abzulesen: Ist es in Grönland im Winter warm, dann wird es in Europa kalt.

Grönland schmilzt

Die Arktis hat sich in den letzten 100 Jahren doppelt so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt. 2010 war es in Nordkanada laut amerikanischen Wissenschaftlern des Nationalen Instituts für Meeres- und Atmosphärenforschung (NOAA) über 4 Grad wärmer als im langjährigen Mittel. Verschiedene Studien zeigen, dass der grönländische Eisschild in den letzten zehn Jahren von Jahr zu Jahr mehr Eis verloren hat.

Es gebe Anzeichen, so die NOAA-Forscher, dass die Erwärmung in der Arktis mitverantwortlich sei für die Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation in der Arktis und in den mittleren Breiten. Im Februar war das sonst stabile arktische Tiefdruckgebiet in zwei Zellen getrennt, sodass die Westwindströmung stark zu mäandrieren begann und kalte Luft nach Europa, nach Ostchina und in den Osten der USA brachte, während Sibirien verhältnismässig warm hatte. Die Forscher glauben, dass sich solche Konstellationen im Winter häufen könnten, falls das arktische Eis weiter abschmilzt und sich die unteren Luftschichten aufwärmen. Neue Klimamodelle des Potsdam-Instituts für Klimaforschung bestätigen dies.

Omega-Lage im August

Ein aussergewöhnliches Wettermuster war in der Schweiz auch im Sommer und Herbst auszumachen. Ab August stellten die Meteorologen ein ausgeprägtes Wechselspiel zwischen Nord- und Südlagen fest: Nordwestströmungen brachten im letzten Juli-Drittel kühl-feuchte Nordatlantikluft – Ende Juli sank die Schneefallgrenze unter 2500 Meter. Ende August waren warme Luftmassen aus Spanien vom 26. auf den 27. August für die wärmste Nacht des Jahres verantwortlich. In Basel war es um Mitternacht über 29 Grad heiss. Tage später fiel in den Ostalpen bereits wieder Schnee bis auf 1400 Meter. «Es fehlten in der zweiten Jahreshälfte eigentliche Bise-Perioden», sagt Stephan Bader.

Für die Klimastatistik sind solche aussergewöhnlichen Muster ein Farbtupfer. Bezogen auf die Klimaveränderung, gehören sie unter den Begriff «natürliche Schwankungen», die nichts über den Klimatrend aussagen. So auch die viel zitierte Omega-Lage Anfang August nicht. Während es bei uns ausgiebig regnete, erlebte Russland eine der schlimmsten Hitzeperioden und Pakistan eine verheerende Überschwemmung. Ein zähes Tiefdruckgebiet lag über Europa und Asien – dazwischen ein ausgedehntes Hoch über Russland. Die Strömungsbahn der Höhenwinde führte in Form des griechischen Buchstabens Omega nördlich um das Hoch herum. So konnte aus dem Westen keine feuchte Luft in die hitzegeplagten Regionen gelangen. Gleichzeitig begünstigte das starke Tief über Asien den Transport feuchter Luft aus dem Indischen Ozean zum asiatischen Festland.

Auch wenn die Schweiz ein «normales Jahr» erlebte – weltweit gehört 2010 gemäss Weltmeteorologie-Organisation (WMO) zu den drei wärmsten Jahren, seit 1850 mit den ersten Temperaturmessungen begonnen wurde. Überdurchschnittlich warm war es neben der Arktis auch in einem Streifen von der Sahara über die Arabische Halbinsel bis nach Asien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2010, 20:54 Uhr

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18 Kommentare

Gaudenz Mischol

29.12.2010, 08:24 Uhr
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Ja, ja, die lieben Computermodelle. Bisher hat es immer geheissen, wegen der Klimaerwärmung würde der Schnee bald Vergangenheit sein, nun sagen die gleichen Klimamodelle, es wird kältere Winter geben. Wie sagte doch Popper so schön, eine Theorie, die alles erklären kann und nicht falsifiziert werden kann, ist keine Wissenschaft mehr, so sehe ich das auch. Die Zukunft wird weisen ob es kälter wird. Antworten


Heinz Köhli

29.12.2010, 09:02 Uhr
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Die Dynamik des Golfstroms lässt drastisch nach. Nordwesteuropa wird bereits in den nächsten 10 Jahren durchschnittlich markant kältere Winter haben (und der nächsten Eiszeit entgegen gehen). Diese "warme Strömung" ist für die Landwirtschaft, die Immobilienpreise etc. in diesen Graden von grosser Wichtigkeit. Auf gleicher Höhe in Nordamerika kämpfen die Bisons ums Ueberleben. CO2-Hin oder Her. Antworten



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