Drohen Italien weitere Erdbeben?

Die Serie von starken Beben hat in Mittelitalien ganze Dörfer zerstört. Dabei dürfte es aber nicht bleiben, sagt Seismologe Florian Haslinger.

«Starke Erdbeben wird es auch weiterhin geben – und das wissen die italienischen Behörden»: Die zerstörte Basilika von San Benedetto in Norcia. (31. Oktober 2016)

«Starke Erdbeben wird es auch weiterhin geben – und das wissen die italienischen Behörden»: Die zerstörte Basilika von San Benedetto in Norcia. (31. Oktober 2016) Bild: Remo Casilli/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Waren Sie am Sonntag überrascht, zu hören, wie heftig in Italien die Erde zum dritten Mal in kurzer Zeit gebebt hat?
Nicht wirklich. Das Potenzial, dass so etwas passiert, war bekannt. Auch die italienischen Behörden wussten, dass die erneuten Beben noch stärker als die vorherigen sein könnten.

Weshalb bebt in Italien die Erde so häufig und heftig?
In Mittelitalien gibt es ein komplexes Set von geologischen Störungen, die zum Teil noch aus der Zeit stammen, in der sich der Apennin (Gebirgszug, der sich von Italiens Nordwesten nach Südosten zieht, Anm. d. Red.) gebildet hat. Das Gebirge entstand in einer Zeit, als sich die Erdplatten aufeinander zubewegten. Heute ist es umgekehrt: Der Apennin ist unter Dehnung, die Erdplatten ziehen sich in Ost-West-Richtung auseinander. Dadurch schiebt sich allmählich alles wie ein Kartenstapel nach unten. Abhängig von der Beschaffenheit der Krustengesteine und der Störungszone kann sich die Spannung in vielen kleinen Beben entladen – oder bevorzugt in grösseren Beben, die dann weniger häufig vorkommen. Im Apennin ereignen sich in einer Region von rund 500 Kilometern alle paar Jahrzehnte Erdbeben der Stärke 6 bis 7. Die wird es auch weiterhin geben – und das wissen die italienischen Behörden.

Das Erdbeben vom Sonntag folgte auf mehrere Erschütterungen in derselben Woche, war mit einer Magnitude von 6,5 aber stärker als alle zuvor. Können Nachbeben stärker als ihre Hauptbeben sein?
Es kommt vor, dass auf ein vermeintliches Hauptbeben ein noch stärkeres Erdbeben folgt. In diesem Fall würde man aber umdefinieren und das stärkere zum Hauptbeben erklären und das weniger starke zu einem Vorbeben. Im Fall von Italien würde ich aber – beginnend mit dem Beben in Amatrice vom August – vielmehr von einer Sequenz von Erdbeben sprechen. Die kleineren Erschütterungen der Stärke bis 4 oder 5, die wir jetzt gerade in Italien beobachten, sind schon eher klassische Nachbeben.

Wie lässt sich diese Serie von starken Erdbeben erklären?
Im Apennin ist dies nicht aussergewöhnlich. Es kam dort bereits früher auf kleinem Raum zu Serien von relativ starken Beben. Eine Störung löst in diesem Fall eine nächste Störung aus und so weiter. Dabei können sich die Beben auf eine einzige Bruchfläche von vielleicht 10 mal 10 Kilometer bei Magnitude 6 beschränken – oder sich auf ein benachbartes Störungsgebiet übertragen.

Wann ereignete sich in Italien letztmals eine grössere Erdbebenserie?
In jüngster Vergangenheit gab es beispielsweise die Sequenz von Umbrien und Marken im Jahr 1997, wo ähnlich starke Beben in rascher Folge eine Region betrafen, die nordwestlich vom jetzigen Schadensgebiet liegt. Daneben wurden in historischen Aufzeichnungen immer wieder Häufungen von starken Beben auf engem Raum festgestellt.

Müssen wir damit rechnen, dass es in Italien in Kürze nochmals so heftig bebt?
Die kleinen Beben der Stärke von bis zu 5 werden noch über Wochen und Monate anhalten. Das ist typisch nach einem derart starken Beben. In einer so komplexen Störungszone wie Italien ist es zudem nicht auszuschliessen, dass es in naher Zukunft erneut zu gleich starken Beben wie letzte Woche kommt – ob in drei Monaten oder eineinhalb Jahren, ist unmöglich vorauszusehen. Man muss sich bewusst sein, dass noch einiges im Boden steckt.

Die Menschen in Mittelitalien werden in den nächsten Wochen immer wieder Erschütterungen erleben. Wie fühlt sich ein Beben der Stärke 4 bis 5 an?
Bei Magnitude 5 können Schäden an Häusern auftreten und im Innern Gegenstände umfallen. Im betroffenen Gebiet in Italien sind jetzt besonders jene Häuser bedroht, die schlecht gebaut oder bereits beschädigt wurden, aber noch nicht zusammengebrochen sind. Magnitude 4 entspricht jenen Beben, die wir fast jedes Jahr auch in der Schweiz haben. Hier sind keine grösseren Gebäudeschäden zu befürchten, man nimmt die Beben als starke Erschütterungen aber trotzdem deutlich wahr.

Wie fortschrittlich ist Italien bezüglich Frühwarnung?
Wir können Erdbeben nicht vorhersagen. Doch wir versuchen zunehmend, Erdbeben so schnell aufzuzeichnen, dass wir weiter entfernte Gegenden informieren können, bevor das Beben eintrifft. In Italien gibt dazu es erst experimentelle Systeme. Bei den jüngsten Beben hätten sie ohnehin keine Wirkung gehabt, denn die betroffenen Regionen waren so nah am Epizentrum, dass die Systeme nicht schnell genug gewesen wären, um eine Warnung abzugeben, bevor die Erdbebenwellen eintrafen.

Es heisst, Erdbeben würden nur auftreten, solange es Energie gibt, sie zu aktivieren. Stimmt diese Aussage?
Grundsätzlich ja. Die Erde hat eine sehr dünne Kruste, die in verschiedene grosse und kleine Platten aufgeteilt ist, die sich gegeneinander bewegen. Das funktioniert nur, wenn es darunter einen zähflüssigen, verformbaren Bereich gibt, auf dem sie «treiben» können. Diesen duktilen Bereich gibt es nur, wenn wir im Erdinnern Energie, also Wärme haben. In vielen Millionen Jahren wird die Erde auskühlen und damit die tektonische Aktivität zum Stillstand kommen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2016, 17:16 Uhr

Florian Haslinger ist Seismologe und stellvertretender Direktor beim Schweizerischen Erdbebendienst.

Artikel zum Thema

Die grosse Angst vor weiteren Beben

Erneut hat ein schweres Erdbeben Italien erschüttert. Zahlreiche Gebäude sind eingestürzt. Zehntausende sind obdachlos. Mehr...

Das Monster

Seit zwei Monaten bebt in Mittelitalien die Erde. Während die Geologen von «seismischer Ansteckung» sprechen, kommt es den Bewohnern vor, als wüte ein Ungeheuer. Mehr...

Chronik der Erdbeben in Italien

Das an der Schnittstelle tektonischer Platten gelegene Land wird immer wieder von schweren Erdbeben erschüttert. Im folgenden eine Chronik der verheerendsten Erdstösse. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Sponsored

Ein Hauch Kalifornien in der Westschweiz

Lausanne wird immer wieder mit San Francisco verglichen. Was daran stimmt, sagt Yves Béhar, Designer des 100-Dollar-Laptops.

Blogs

Von Kopf bis Fuss So sehen Sie nicht alt aus!

Blog Mag Wir müssen reden

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Süsse Handarbeit: In der Schokoladenfabrik 'La muchacha de los chocolates' platziert ein Arbeiter eine Kirsche in eine mit Schokolade ausgekleidete Form. (21. Juli 2017)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...