Der Weltklimarat lässt sich überprüfen
Von Martin Läubli. Aktualisiert am 11.03.2010
Klimagipfel Kopenhagen
- Aufmarsch gegen die Politiker
- USA torpedierten Klima-Abkommen
- Die gescheiterten Angriffe auf die Klimaforscher
Stichworte
Chronik der Anfechtungen
2002: Der britische IPCC-Vorsteher Robert Watson wird abgewählt und durch Rajendra Pachauri ersetzt. Der Inder Pachauri ist Direktor des Energieforschungsinstituts Teri und Verwaltungsrat der Indian Oil Corporation.
2005: Das Komitee für Energie und Handel des US-Repräsentantenhauses stellt Seriosität und Unabhängigkeit des IPCC infrage. Anlass geben neue Studien über natürliche Klimaschwankungen. Diese waren in den letzten Jahrhunderten grösser als angenommen. Die Studienautoren bezweifeln jedoch nicht, dass der Mensch die Hauptverantwortung für den Klimawandel trägt.
2007: Der IPCC stellt den 4. Klimabericht vor. Fazit: Der Mensch trägt die Hauptschuld an der Erderwärmung. IPCC-Forscher kritisieren, dass verschiedene IPCC-Leitautoren auch Mitglied in Regierungsdelegationen sind.
2009: Mails von IPCC-Forschern eines britischen Klima-Instituts werden gehackt. Klimawandel-Skeptiker sprechen von manipulierten Daten.
2010: Der IPCC gibt zu, dass sich in einem Kapitel über die Gletscher im Himalaja ein Fehler eingeschlichen hat. Die Abschmelzrate ist zu hoch dargestellt. Weitere Ungereimtheiten tauchen auf. Die Fehler beeinträchtigen laut IPCC die grundlegende Botschaft nicht und sind in dem für die Politik bestimmten Bericht nicht enthalten. (ml)
Es war ein kurzer Auftritt im Uno-Hauptgebäude in New York. Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon und der Vorsteher des Weltklimarats (IPCC), Rajendra Pachauri, erklärten gestern Mittag, dass der IPCC eine unabhängige Qualitätskontrolle einführen wird.
Neues Expertengremium
Die Erklärung, was das konkret heisst, überliessen sie Robbert Dijkgraaf vom Inter Academy Council (IAC) an der Medienkonferenz. Diese Institution – sie vereint die Wissenschaftsakademien weltweit – ist damit beauftragt, ein unabhängiges Expertengremium zusammenzustellen, das prüfen soll, wie der IPCC unter anderem mit den Ergebnissen der Klimaforschung umgeht. Es geht laut Dijkgraaf nicht um eine inhaltliche Beurteilung, sondern um die Qualität des Prüfverfahrens von Studien.
So ist zum Beispiel auch ein Leitfaden geplant, der vorgibt, wie die IPCC-Forscher mit sogenannter grauer Literatur umgehen sollen. Das sind Berichte, die nicht von Experten geprüft wurden. Dies war dann auch ein Punkt der Kritik, die der IPCC in den letzten Wochen ertragen musste. In einem Kapitel über die Abschmelzung der Himalaja-Gletscher im 4. Klimabericht nahmen Autoren der Arbeitsgruppe II Bezug auf einen Report der Umweltorganisation WWF. Nun stellte sich heraus, dass die Abschmelzungsrate völlig übertrieben dargestellt wurde. «In diesem Fall wurden auch nicht genügend Expertisen von aussen eingeholt, zum Beispiel von der Arbeitsgruppe I», sagt der Vorsteher dieser Gruppe, der Berner Klimawissenschaftler Thomas Stocker. Die Arbeitsgruppe I beschäftigt sich mit den physikalischen Grundlagen des Klimas. In dieser Gruppe sei es Standard, dass sich die Autoren einzelner Kapitel austauschen, sagt Stocker weiter. Das sei in den anderen Arbeitsgruppen zu wenig gemacht worden. Die Organisation des Weltklimarats ist eine weitere Aufgabe, die das neue Gremium prüfen soll. «Es geht darum, wie mit neuen Ideen umgegangen wird», sagt Robbert Dijkgraaf vom IAC.
Auf Fehler nicht vorbereitet
Diskutiert wird zudem, wie der Klimarat künftig mit Fehlern in den Reports umgehen soll. «Wichtig ist, dass in den IPCC-Prozeduren die Behandlung von Fehlern klar geregelt ist», sagt Stocker. Es könne nicht sein, dass unter dem Deckmantel «Fehler» plötzlich akzeptierte Formulierungen wieder zur Diskussion gestellt und allenfalls noch nachträglich geändert würden. «Der Fortschritt der Forschung kann nur im nachfolgenden Zustandsbericht abgebildet werden», sagt Stocker. Der 5. IPCC-Bericht wird 2013 veröffentlicht werden. Das Kontrollgremium wird diesen Report bereits begleiten.
«Der IPCC war bisher nicht darauf vorbereitet, mit Fehlern und Vorwürfen bei Interessenkonflikten umzugehen», sagt Hans von Storch. Der deutsche Klimaforscher anerkennt den Weltklimarat als nützliche Institution, die das vorhandene Wissen des «vom Mensch gemachten Klimawandels» gut zusammenstelle. Trotzdem kritisierte er in den letzten Jahren wiederholt, der IPCC sei ein Instrument der Politik. «Der IPCC muss das Vertrauen wiederherstellen», sagt von Storch.
Strategie wird benötigt
Zu den Aufgaben des neuen Gremiums gehört es deshalb, eine Strategie zu entwickeln, wie der IPCC künftig in der Öffentlichkeit und den Medien kommunizieren soll. Wie dringlich das ist, hatte sich in den letzten Wochen gezeigt. «Die Kommunikation war schlecht und unkoordiniert. Angefangen bei der vorschnellen Rückweisung der Vorwürfe», sagt der Berner Klimaforscher Thomas Stocker. Vor allem der IPCC-Chef Rajendra Pachauri hatte harsch auf die Vorwürfe reagiert. Dass er nun an der Medienkonferenz fehlte, überraschte selbst die IPCC-Zentrale in Genf. Das sei wohl ein Entscheid des Uno-Generalsekretärs gewesen. Nach den Vorfällen wurde verschiedentlich der Rücktritt des IPCC-Vorstehers gefordert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.03.2010, 06:18 Uhr
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