Wissen

Der Exot unter den Tierärzten

Von Beate Kittl. Aktualisiert am 08.01.2010

Jean-Michel Hatt hat einen tierisch interessanten Job. Der leitende Veterinär am Zoo Zürich behandelt Affen, Zebras und Schlangen.

Jean-Michel Hatt legt dem narkotisierten Hector eine Infusion: Das Affenmännchen hat sich selbst tiefe Wunden zugefügt.

Jean-Michel Hatt legt dem narkotisierten Hector eine Infusion: Das Affenmännchen hat sich selbst tiefe Wunden zugefügt. (Bild: Beate Kittl)

Stichworte

Es ist 7.30 Uhr, Morgenappell am Tierspital Zürich. Eine Gruppe von Veterinären geht durch die kargen, engen Betongebäude der Kleintierklinik und begutachtet die Notfälle der letzten Nacht. Die Blaustirnamazone, ein Papagei, hat Atemprobleme, das Kaninchen neurologische Ausfälle – es war plötzlich wie irr im Kreis gerannt. Die ausgewachsene Blutpython hat einen Tumor im Bauch und muss operiert werden.

Hier sind auch zwei Findelkinder, in Zürich ausgesetzte Sumpfschildkröten. «Gebt ihnen Vitamin A», sagt Jean-Michel Hatt, der Mann mit dem wohl exotischsten Job in Zürich: Er ist Cheftierarzt am Zoo und in einer europaweit einmaligen Doppelrolle auch Leiter der Kleintierklinik und Professor für Zoo-, Heim- und Wildtiermedizin an der Vetsuisse Fakultät Zürich. «Ich begegne buchstäblich Tausenden von Arten», sagt er. Vögel, Amphibien, Vogelspinnen, einmal reiste sogar ein Elefant aus Frankreich an. «Das ist das Spannende an diesem Beruf.»

Kurz darauf fährt Hatt zu seinem anderen Arbeitsort, dem Zoo. Auch hier ist Morgenvisite, die Tierpfleger berichten: Zwei kämpferische Oryxantilopen mussten getrennt werden; ein Nasenbär wollte nicht ins Bärenhaus und verbrachte eine eisige Nacht im Freien; ein Pantherchamäleon hat eine abnormale Färbung. Auch Hatt gibt seine Pläne für den Tag bekannt: Ein Dschelada-Pavian muss operiert, ein kleines Zebra kontrolliert, eine Anakonda mit Häutungsproblemen untersucht werden.

Schnarchender Affe

Im Elektrofahrzeug fährt Hatt zum Haus der Dscheladas, die Affenmeute kreischt aufgeregt. «Sie kennen den Tierarzt», sagt Tierpfleger Jürg Rohner. Hector, das grosse Männchen mit stolzer Mähne, hat tiefe Fleischwunden an der Schulter und am Bein – die er sich selber zugefügt hat. «Seit Monaten reisst er sich die Haut auf. Wir vermuten ein neurologisches Problem», sagt Hatt. Er zückt ein schwarzes Plastikblasrohr, legt einen Narkosepfeil ein, zielt zwischen dem Gitter durch. Der zweite Schuss trifft, bald schlummert Hector.

Auf dem Chromstahltisch im geräumigen Behandlungsraum liegen Narkosegasflasche, Infusionsnadeln, Desinfektionsmittel und Salbe parat. Bald hängt der Affe am Tropf; er schnarcht. Hatt nimmt Blut, einen Hautfetzen für die Analyse. Ein Kollege vom Tierspital ist gekommen um Rückenmarkflüssigkeit zu entnehmen. «Ich punktiere sonst Hunde und Katzen», sagt der Neurologe Frank Steffen. «Ein Affe ist für mich eine interessante Erfahrung.»

Die enge Zusammenarbeit von Zoo und Tierspital ist eine grosse Chance für beide Institutionen. «Es ist einmalig in Europa, dass ein Zoo von einer Uni-Klinik betreut wird», sagt Hatt. Man kennt sich und kann auf enormes Fachwissen zurückgreifen. «Vor ein paar Jahren hatten wir ein Nashorn mit Hirnhautentzündung. Noch nie zuvor hatte jemand eine Liquorpunktion bei einem erwachsenen Nashorn gemacht.» Doch dank des erfahrenen Pferdespezialisten vom Tierspital klappte es auf Anhieb.

Unter der Hand weggestorben

Klare Flüssigkeit tropft aus Hectors Rücken in ein Plastikfläschchen, sie wird auf Infektionen oder Entzündungen analysiert werden. Dann versorgt Hatt die hässlichen Wunden mit Desinfektionsmittel und Salbe, die gelbe Masse der Gelenkkapsel quillt aus dem Knie. Doch einen Verband bekommt der Pavian nicht, das Wildtier würde ihn abreissen. Für Zootiere ist jede Behandlung ein grosses Risiko, denn stets muss eine Vollnarkose gemacht werden. Ein Orang-Utan starb Hatt bei einer Operation unter der Hand weg. Der Primat hatte einen Herzfehler, von dem man nichts wusste.

Auch darum ist es Hatts oberster Ehrgeiz, Erkrankungen bei seinen Schützlingen vorzubeugen. «Am häufigsten haben Krankheiten bei Zootieren mit der Haltung zu tun, insbesondere der Ernährung», sagt er. Wildtiere in Gefangenschaft sind oft zu fett und zuckerkrank oder haben einen Eisenüberschuss. Die Viscachas im Zoo Zürich, eine südamerikanische Nagerart, erblindeten sogar, weil die für Menschen gezüchteten Rüebli und Äpfel zu viel Zucker enthielten. Eine magere Diät aus Heu und Futterwürfeln löste das Problem.

Artgerechte Haltung und Fütterung von Wildtieren ist das Hauptforschungsgebiet des Professors. Die Fachartikel seiner Arbeitsgruppe handeln von der Mineralienversorgung von Spitzmaulnashörnern, von der Fütterung von Tapiren oder Galapagos-Schildkröten oder vom Nährwert der Futterheuschrecken. Hatt schreibt auch medizinische Berichte, etwa über Leberanalysen bei Lemuren, Knochenkrankheiten beim Weissbüschelaffen oder eine Herzanomalie bei einem Singschwan.

Zebra mit schiefen Beinen

Als Nächstes besucht der Tierarzt ein kleines Zebra, dem er einige Tage zuvor eine Fehlstellung der Beine operiert hat. Es wirkt munter und neugierig. Noch schützen Verbände die frischen Wunden. Das zwei Monate alte Zebrababy hat noch keinen Namen. Wenn es über den Berg ist, wird es getauft. Der letzte Patient des Tages ist eine Anakonda im Reptilienhaus. Der Pfleger hebt das zwei Meter lange, rund 10 Kilogramm schwere Tier aus dem Terrarium. Hatt inspiziert die glänzende, ledrige grün-schwarze Haut. Teile davon sind grau und schuppig. «Wir machen mit desinfizierenden Bädern weiter», empfiehlt er.

Die Mischung aus Exotik und Normalität setzt sich in Hatts Privatleben fort: Der 44-Jährige ist verheiratet, hat zwei Töchter, drei Hunde – und drei Leopardengeckos im Terrarium. «Ich würde gerne einige Zeit im Feld, zum Beispiel in Madagaskar, verbringen», sagt Hatt, «Wildtiermedizin vor Ort praktizieren und mein Wissen weitergeben.» Doch seine letzte Reise führte nach Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma an einen Kongress.

Für den Nachmittag ist eine Sitzung mit Zoodirektor Alex Rübel anberaumt. Bevor er geht, macht Hatt noch rasch die Medikamente für einen Orang-Utan mit Schnupfen parat – eine weitere der insgesamt über 360 Tierarten, die der Zootierarzt betreut. «Es ist immer etwas Neues. Langweilig wird es einem da nicht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2010, 04:00 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen

Fernstudiums-CAS an der FFHS

Holen Sie sich das juristische Fachwissen für einen Job in Compliance & Corporate Governance

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Abopreise vergleichen

Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.

Heizöltank: Tankrevision oder Sanierung

Möchten Sie mehr über die Revision und Sanierung von Heizöltanks erfahren? Dann sollten Sie hier klicken und weiterlesen.

DAS GELD und ich

Börsen auf Höchstständen: Wie weiter?