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Das Jahr der Wetterrekorde

Von Martin Läubli. Aktualisiert am 23.12.2011 10 Kommentare

Zwei ausgedehnte Trockenperioden, wenig Schmelzwasser und viele dürstende Flüsse: 2011 erlebte die Schweiz aussergewöhnliche Wetterlagen mit Spitzenwerten in allen Regionen.

1/4 2011 war ungewöhnlich warm.
Bild: TA-Grafik mt, kmh / Quelle: MeteoSchweiz, BAFU

   

Alle Rekorde auf einen Blick


  • Wärmstes Jahr mit einem Wärmeüberschuss von 2 Grad und wärmster Frühling seit Messbeginn 1864.


  • Höchste Tages-Temperaturwerte im April seit Messbeginn dank subtropischer Luft: 26 Grad in Basel, 19 Grad in Davos (Messbeginn 1876), 31,6 Grad in Lugano, 31,8 Grad in Locarno-Monti, 20,8 Grad bei der Tessiner Bergstation Cimetta.


  • Hitzerekord für die zweite Augusthälfte in Sitten: 36, 8 Grad.


  • Rekordwärme für den Monat September in Lugano: Die Temperatur lag 3,1 Grad über dem langjährigen Durchschnitt.


  • November-Rekord in Altdorf: MaximumTemperatur am 4. November bei 23,1 Grad.


  • November-Rekord auf dem Säntis: Monatstemperatur lag 6 Grad über dem langjährigen Mittel.


  • Rekord-Sonnenscheindauer für den November dank anhaltender Hochdruckbedingungen in Chur und Sitten.


  • Trockenheitsrekord im November seit den Aufzeichnungen im Jahr 1864: In Zürich und Sitten fiel 0,1 Millimeter Niederschlag. Engelberg, Davos, Säntis blieben ohne Niederschlag.

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Das Jahr 2011 hat die Klimatologen immer wieder überrascht. Nicht einmal wegen des einen Rekords: wärmstes Jahr seit Messbeginn 1864. Der Überschuss an Wärme gehört bald zur Normalität im Zuge der globalen Erderwärmung. Seit Anfang der 1980er-Jahre ist es in der Schweiz im Vergleich zum langjährigen Mittel fast nahtlos deutlich zu warm.

Ungewohnt war hingegen das Klimamuster. «Zwei Trockenperioden innerhalb eines Jahres sind sehr aussergewöhnlich», sagt Thomas Schlegel, Klimatologe bei Meteo Schweiz. Die erste Überraschung war der Jahrhundertfrühling. Noch nie war es so früh so warm, und zwar sowohl im Flachland als auch in höheren Regionen. In Basel wurde ein neuer Wärmerekord für diese Jahreszeit gemessen. Am 7. April stieg die Temperatur auf sommerliche 26 Grad Celsius. Höchstwerte gab es in Davos, Hitzetage gar in Locarno-Monti, mit 31,8 Grad am 9. April (siehe Box).

Nur im April 2007 noch wärmer

Es war der zweitwärmste Frühling seit 150 Jahren, durchschnittlich zeigten die Thermometer in der Schweiz Werte, die um 4,6 Grad «zu warm» waren im Vergleich zum Monatsdurchschnitt der langjährigen Messperiode von 1961 bis 1990. Nur im Rekord-April 2007 hatten die Meteorologen mit 5,7 Grad einen noch grösseren Wärmeüberschuss gemessen.

Hinzu kam eine ausgeprägte Trockenheit. In der Nordschweiz lag der Frühlingsniederschlag mehr als die Hälfte unter dem Normalwert. Damit rangiert er in der 150-jährigen Rekordliste auf Platz drei. Ähnlich trocken war es 1976. Den trockensten Frühling verzeichnete man aber im Jahre 1893.

Im Tessin und im Wallis fiel zwar ebenso wenig Niederschlag. Das ist allerdings nicht ungewöhnlich für diese Regionen. Im Wallis waren die Speicherseen im April mit einem Inhalt von knapp 5 Prozent praktisch leer. In der gesamten Schweiz erreichte der Füllgrad der Stauseen über das ganze Jahr hinweg nie mehr das Niveau früherer Jahre.

Der Rhein erholte sich nicht

Die Abflussmenge in den grösseren Flüssen war sehr tief für diese Jahreszeit und mit den Verhältnissen im Jahrhundertsommer 2003 vergleichbar. Provisorische Daten der Abteilung Hydrologie des Bundesamts für Umwelt zeigen: Der Abfluss im Rhein zum Beispiel bei Rheinfelden lag von Februar bis Ende Mai vielfach um die Hälfte unter den Normalwerten. Hydrologen der Universität Bern prognostizierten im Juni anhand historischer Daten, dass sich der Rheinpegel nach einem solchen Frühling nicht mehr normalisieren würde. Sie sollten recht erhalten. «Die Abflussmenge blieb abgesehen von Spitzen nach starken Regenereignissen praktisch durchgehend über das ganze Jahr hinweg unter den Normalwerten», sagt David Volken, Hydrologe beim Bundesamt für Umwelt. Der Umschlaghafen in Basel konnte laut der Hafenorganisation Schweizerische Rheinhäfen die meiste Zeit nicht optimal organisiert werden, weil zusätzliche Schiffe im Hafen lagen, damit die Lasten zum Beispiel von Containerschiffen verteilt werden konnten.

Schuld an der ungewöhnlichen Trockenheit war allerdings nicht nur der fehlende Niederschlag, sondern auch die relativ dünne Schneedecke im Winter, die zu wenig Schmelzwasser brachte. Das letzte Mal lag vor 60 Jahren so wenig Schnee in den Alpen.

36,8 Grad im Wallis

Eine Entspannung folgte erst in den ersten beiden Sommermonaten. Es regnete viel, und der Monat Juli war der kühlste seit dem Jahr 2000. Hochsommer wurde es jedoch erst Mitte August – mit dem heissesten Tag des Jahres, am 22. des Monats: Die Werte lagen um die 33 Grad. Einen neuen Hitzerekord für die 2. Augusthälfte mit 36,8 Grad konnten die Meteorologen in Sion verbuchen.

Mit dem September begann dann die zweite Wärmeperiode. Zwar brachte ein kurzer Kälteeinbruch am 19. September Arosa eine Neuschneedecke von 40 Zentimeter, in Samedan waren es knapp 30 Zentimeter. Ein vergleichbarer Schneefall im September geht auf das Jahr 1984 zurück. Doch nach der kurzen Episode begann der extrem milde und sonnenreiche Herbst. In Lugano lag die Durchschnittstemperatur 3,1 Grad über dem langjährigen Mittel, ein Wärmerekord. Ab Mitte Oktober wurde es dann richtig trocken. Der Föhn brachte auf der Alpennordseite bis ins Mittelland Rekordtemperaturen. Am 4. November war es in Altdorf 23,1 Grad warm, auf dem Säntis war der November 6 Grad wärmer als normal – das bisherige Extrem waren 4 Grad. Es war der sonnigste Herbst seit 50 Jahren. Sonnenscheinrekorde wurden zum Beispiel in Basel, im Jura und in der Region Bern gemessen. Auf der Alpennordseite schien die Sonne 20 bis 35 Prozent länger als im langjährigen Durchschnitt. Es war eines der sonnigsten Jahre in der Nordschweiz, seit es ab 1961 aufgearbeitete Daten zur Sonnenscheindauer gibt. Die Folgen sind heute noch spürbar. «Nach wie vor ist der Grundwasserspiegel auf der Alpennordseite unterhalb des langjährigen Mittelwertes», sagt Hydrologe David Volken.

Weniger Wasserkraft

Die Folgen der Trockenheit werden auch in den Bilanzen mancher Wasserkraftwerke negativ zu Buche schlagen. Zum Beispiel bei der Alpiq Hydro Aare AG, die für ihre zwei Flusskraftwerke und das Kanalkraftwerk Wasser der Aare nutzt. Der Abfluss sei fast das ganze Jahr hindurch unterdurchschnittlich gewesen, sagt Andreas Meier von Alpiq Hydro. Die Aktiengesellschaft rechnet mit einem deutlichen Rückgang der Stromproduktion von 25 Prozent. Der Verlust wird das Unternehmen mehrere Millionen kosten. «Solche Jahre sollten sich nicht allzu oft wiederholen», sagt Meier.

Die geringe Wasserführung wirkte sich jedoch nicht überall gleich stark aus. Die Städtischen Werke Schaffhausen rechnen mit einer ausgeglichenen Bilanz. Das Laufkraftwerk am Rhein litt zwar im April unter fehlendem Tauwasser, dafür profitierte es von den feuchten Sommermonaten. Was im Frühling weniger an Strom verkauft wurde, konnte im Sommer kompensiert werden. Schaffhausen habe den Vorteil, das erste Kraftwerk nach dem Bodensee zu sein, war von den Städtischen Werken zu erfahren. Der See dämpft die Abflussschwankungen. Das Kraftwerk in Rheinsfelden jedoch, das zusätzlich auf Wasser der Thur und Töss angewiesen ist, hatte es schon schwieriger. Die beiden Flüsse führten zeitweise wenig Wasser.

«So viele Rekorde konnten wir wohl noch nie innerhalb eines Jahres beschreiben», sagt Thomas Schlegel von Meteo Schweiz. Das warme Jahr 2011 passt gut zur allgemeinen Klimaerwärmung – anders die Niederschlagsverteilung: Die Klimaforscher gehen für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts von trockeneren und heisseren Sommern aus, während sich für die übrigen Jahreszeiten aufgrund der heutigen Klimamodelle keine signifikanten Niederschlagsänderungen ergeben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2011, 10:29 Uhr

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10 Kommentare

Olbrecht Walter

23.12.2011, 12:04 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Pro Memoria: Es war im vorletzten Winter, als NR Ulrich Giezendanner (SVP) in einem Ziischtigs-Club zum Thema Klimaerwärmung höhnte: Was Klimaerwärmung? Schauen Sie zum Fenster hinaus - überall Schnee und seit langem kalt (sinngemäss). Soviel zum Urteilsvermögen eines Politikers, der für alle möglichen hohen Aemter unseres politischen Systems kandidiert. Antworten


Olbrecht Walter

23.12.2011, 12:27 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Pro Memoria II: 1997 hat Ch.Blocher, SVP, noch als Bundesrat in einer Rede vor einem Verband die Klimadebatte als "Hysterie" verhöhnt. Ausschnitt im O-Ton: «Nun ist wiedermal eine Klimakatastrophe angesagt» Er wolle nicht verharmlosen: «Denn verharmlosen kann ich nur, wenn auch wirklich etwas gefährlich ist.» (TA vom 22.6.97). Soviel zu seinem Urteilsvermögen in Fragen der Ökologie Antworten



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