Darwin hatte doch recht
Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 14.10.2010 27 Kommentare
Abschreckend: Hinterteil einer Schwärmer-Raupe aus Costa Rica. (Bild: Keystone )
Richard Dawkins: Erfinder des egoistischen Gens und der Meme.
Der Evolutionsbiologe studierte Zoologie in Oxford. Bekannt geworden ist er durch sein erstes Buch «Das egoistische Gen», das 1978 auf Deutsch erschienen ist. Darin postuliert er, dass das Erbgut die treibende Kraft für die Evolution ist. Die Körper dienen lediglich als Transporter der Gene. Dawkins prägte auch den Begriff Mem als Pendant zum Gen. Meme sind kulturelle Einheiten, also Gedanken oder Ideen, die sich von Gehirn zu Gehirn verbreiten. Sein Buch «Der Gotteswahn» löste vor drei Jahren heftige Debatten aus. Der Atheist zweifelte darin mit naturwissenschaftlichen Argumenten die Existenz Gottes an. Dawkins ist am 26. März 1941 in Nairobi, Kenia, geboren. Sein Vater war als Angehöriger der Alliierten Streitkräfte dorthin versetzt worden. Dawkins ist zum dritten Mal verheiratet und hat eine Tochter aus zweiter Ehe. Heute lebt er mit seiner dritten Frau in Oxford. (afo)
Das Buch
Richard Dawkins: Die Schöpfungslüge – Warum Darwin recht hat. Ullstein, Berlin 2010. 528 Seiten, etwa 45 Fr.
«Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären Lehrer für Latein und römische Geschichte», schreibt Richard Dawkins in seinem neuen Buch. «Der Lehrer ist begeistert von der Antike, von Ovids Dichtungen, Ciceros Reden, den strategischen Raffinessen der Punischen Kriege. Doch ganz hinten sitzt eine lautstarke Bande von Ignoranten. Sie lenkt die ganze Klasse ab, stiftet ständig Unruhe und will die anderen Schüler davon überzeugen, dass es nie ein Römisches Reich gegeben hat.»
In dieser Situation seien heute viele Lehrer der naturwissenschaftlichen Fächer, schreibt Dawkins, wenn sie das zentrale Leitprinzip der Biologie erläutern wollen: die Evolution. Mehr als 150 Jahre nach Charles Darwins bahnbrechendem Werk «Die Entstehung der Arten» gibt es noch immer Menschen, die die natürlichen Abläufe der Evolution nicht anerkennen. Deshalb hat der kürzlich emeritierte Oxford-Professor, Evolutionsbiologe und Autor zahlreicher Bücher ein weiteres Werk vorgelegt. Morgen erscheint «Die Schöpfungslüge – Warum Darwin recht hat» in der deutschen Übersetzung.
Der Hund im Wolf
Das Ziel seines neuen Buches ist es, Belege dafür zu liefern, dass die Evolution eine Tatsache ist und keine blosse Theorie. Und es soll den Befürwortern der Evolutionstheorie Argumente in die Hand geben, wenn sie mit «Geschichtsleugnern», wie Dawkins die Kreationisten in seinem Buch durchgängig bezeichnet, diskutieren.
Dawkins, der ein exzellenter Darwin-Kenner ist, beruft sich immer wieder auf seinen britischen Landsmann. Eine der «kraftvollsten Waffen», mit der Charles Darwin zeigte, dass sich Arten verändern, seien seine Beobachtungen bei der Domestikation gewesen. Deshalb erklärt auch Dawkins das Prinzip der Evolution zunächst am Beispiel von Kulturpflanzen und Haustieren.
Das Verhalten verändert sich mit dem Aussehen
Während Darwin noch annahm, dass die Vielfalt der Hunderassen von Wölfen und Schakalen abstammt, ist heute klar, dass ausschliesslich Wölfe die Vorfahren der treuen Vierbeiner sind. Vermutlich habe die Domestikation in verschiedenen Regionen der Erde unabhängig voneinander stattgefunden. Mehr als 200 zum Teil grundverschiedene Hunderassen haben sich innerhalb von kurzer Zeit aus Wölfen entwickelt. Der Mensch hat mit der gezielten Züchtung, also der Auswahl von gewünschten Merkmalen – etwa kurze Beine beim Dackel oder einem Welpengesicht beim Mops –, eine künstliche Selektion vorgenommen. Doch zuvor hätte bereits eine natürliche Selektion stattgefunden, beschreibt Dawkins. Es seien mutige Tiere in die Nähe menschlicher Siedlungen gekommen, um im Müll nach Nahrung zu suchen. Wölfe haben normalerweise einen ausgeprägten Fluchtinstinkt. Nur zutrauliche Räuber seien als Haustiere weitergezüchtet worden.
Was trivial klingt, leitet Dawkins mit leicht nachvollziehbaren Überlegungen her. Beeindruckend etwa sind die Züchtungserfolge des russischen Genetikers Dimitri Belajew aus den 1950er-Jahren. Er wiederholte quasi beim Silberfuchs die Domestikation der Wölfe. Für die Pelzzucht waren die Füchse zu scheu. Belajew wählte mehrere Generationen lang immer die Jungtiere aus, die ein Stück Fleisch aus seiner Hand frassen und sich dabei streicheln liessen. Nach nur sechs Generationen hatte sich das Verhalten der zuvor scheuen oder aggressiven Silberfüchse stark verändert. Sie gingen auf ihn zu, heulten, damit er sie streichelte, und leckten seine Hand wie Hunde. Der verblüffende Nebeneffekt war, dass sich mit dem Verhalten das Aussehen veränderte: Das Fell wurde schwarz-weiss gescheckt; statt spitzer Fuchsohren hatten sie Hundeschlappohren, und der Schwanz war aufwärts gebogen. Die Gene für zahmes Verhalten sind offensichtlich mit Genen für hundeartiges Aussehen gekoppelt.
Das ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass nicht alle Merkmale einen darwinistischen Überlebensvorteil bieten, so Dawkins. Einige dieser Merkmale wurden einfach von der Evolution durch ein anderes Merkmal «mitgeschleppt».
Indizien aus der Geologie
Dawkins vergleicht einen Evolutionsforscher mit einem «Kommissar, der erst nach dem Verbrechen am Tatort eintrifft». Augenzeugen für den Tathergang gibt es keine. Am Tatort findet der Forscher deutliche Indizien: Belege für die Evolutionstheorie, etwa Fossilien. Aus Sedimentschichten von Gletscherseen lesen Forscher das Alter bestimmter Schichten heraus. Radioaktive «Uhren», die den Zerfall von Isotopen messen, gehen Millionen von Jahren in die Erdgeschichte zurück. Unser Planet ist nach diesen Berechnungen Jahrmilliarden alt. Mithilfe dieser Uhren können Forscher Fossilien datieren, je nach Gesteinsschicht, in der sie sie finden.
Zudem bräuchten Evolutionsforscher keine Fossilien, um die Tatsache der Evolution zu beweisen, schreibt Dawkins und führt Belege aus der Geologie an: Die Kontinental-Verschiebung ist anhand von Gesteinsproben klar belegt. Der südliche Urkontinent Gondwana brach vor 165 Millionen Jahren langsam auseinander und spaltete unter anderem Australien ab, wo sich ganz eigentümliche Pflanzen- und Tierarten entwickelt haben. Die biblische Geschichte von Noahs Arche könne hingegen nicht erklären, warum sämtliche Beuteltiere vom Gebirge Ararat schnurstracks nach Australien gewandert sein sollen, ohne dass einige von ihnen irgendwo anders Zwischenstation gemacht haben.
Die Natur ist unvollkommen
Warum hingegen das Koala-Weibchen, das auf Bäumen lebt, ausgerechnet seine Beutelöffnung unten hat, können Forscher mit der Evolution erklären. Der Koala stammt von einem Vorfahren der Wombats ab. Der Wombat gräbt noch heute in der Erde Gänge und Höhlen und hat – um seine Jungen zu schützen – die Beutelöffnung hinten. Diese absurde Fehlkonstruktion beim Koala führt Dawkins auch an, um die Mär von einem «intelligenten Designer» ad absurdum zu führen. Es gebe so viele unvollkommene Lebewesen, dass die Ansicht, sie seien durchdacht, am Reissbrett entstanden, unplausibel ist. Auch wir Menschen gehören dazu: Unser schwacher Rücken, der durch den aufrechten Gang übermässig belastet wird, die Hodenstränge, die eine überflüssige Schlaufe um den Harnleiter machen, weil früher die Hoden im Bauchraum lagen, oder unsere merkwürdige Fähigkeit, bei Angst oder Kälte eine Gänsehaut zu bekommen. Unsere Vorfahren hatten immerhin noch Körperhaare, die sie zum Wärmen oder als Drohung aufstellten.
Und kann es ein göttlicher Plan gewesen sein, dass grössere Bäume den kleineren das Licht wegnehmen und Raubtiere grausam ihre Beute reissen? Solche Fragen stellen sich nicht, wenn man die Evolution verstanden hat: «Die natürliche Selektion kümmert sich nur um das Überleben und die Fortpflanzung einzelner Gene», betont Dawkins.
Das Ziel, Belege und Argument zu liefern, dass die Evolution eine Tatsache ist, hat der brillante Schreiber auf kurzweilige und intelligente Weise – manchmal sarkastisch, polemisch oder einfach nur witzig – erreicht. Es lohnt sich sogar, in den zahlreichen Fussnoten zu schmökern. Eindrücklich wird das Prinzip der natürlichen Selektion mit folgendem Witz deutlich: Zwei Wanderer werden von einem Bären verfolgt. Der eine bleibt stehen, um seine Joggingschuhe anzuziehen. «Hey, komm schnell», hetzt der andere. «Du glaubst doch wohl nicht, dass du mit den Schuhen schneller laufen kannst als der Grizzly.» «Nein, nicht schneller als der Bär, aber als du.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.10.2010, 21:03 Uhr
Kommentar schreiben
27 Kommentare
Ich habe dieses Buch bereits vor fast einem Jahr in seiner Originalausgabe gelsesen und war einfach überwältigt. Noch selten wurden die Fakten zur Evolution so einprägsam, nachvollziehbar und auch unterhaltsam und witzig präsentiert. Herr Dawkins ist ein grossartiger Wissenschaftler und Schriftsteller und ich gratuliere ihm zu diesem Werk! Antworten
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.






