Bakterien sollen das Erdöl fressen

Forscher wollen von Mikroorganismen lernen, wie giftige Stoffe im Öl abgebaut werden können.

Korallen am Meeresboden im Golf von Mexiko: Sie wachsen auf natürlich ausgetretenem festem Öl.

Korallen am Meeresboden im Golf von Mexiko: Sie wachsen auf natürlich ausgetretenem festem Öl.
Bild: Marum (Uni Bremen)

Schon jetzt ist die Umweltverschmutzung durch die Deepwater Horizon für Antje Boetius eine «enorme Katastrophe». Das betont die Tiefseeökologin vom Max-Planck-Institut (MPI) für Marine Mikrobiologie in Bremen. Den grössten Schaden richte ein geschlossener Ölteppich an der Meeresoberfläche an, sagt Boetius. Tiere, die an der Wasseroberfläche leben, sind durch das Öl bedroht: Vögel, deren Gefieder verklebt, Fischotter, Robben und Meeressäuger.

Und es wäre ein Desaster, wenn das Öl an die Küsten treibe. Das Mississippidelta ist bekannt für seine vielfältigen Lebensräume. Zurzeit brüten dort unzählige Seevögel. Und die Küsten Louisianas sind mit ihren Mangrovensümpfen fragile Ökosysteme. Wenn sich dort auf dem Schlick Öl ablagert, ersticken darunter die Tiere und Pflanzen.

Öl-Wolken im Wasser

Sorgen bereiten Boetius jedoch auch die grossen Mengen an Dispersionsmittel, also Chemikalien, die verhindern sollen, dass sich das Öl zu einem Film verbindet. Einerseits sind die Auswirkungen dieser Chemikalien auf die Umwelt noch nicht absehbar. Zudem benötigen die Bakterien, welche die Öltröpfchen an der Oberfläche abbauen, derart viel Sauerstoff, dass in Zukunft Fische davon beeinträchtigt sein werden. «Schon jetzt ist in der betroffenen Region der Sauerstoffgehalt gesunken.»

Die am Wochenende gesichteten riesigen «Wolken» von Öl, die sich unter der Wasseroberfläche gebildet und zum Teil erhebliche Ausmasse angenommen haben, beunruhigen Antje Boetius im Vergleich zum Ölteppich auf der Oberfläche weniger.

Kohlenstoff als Energiequelle nutzen

«Der geringste Schaden entstünde, wenn man das austretende Öl am Meeresboden halten könnte», erklärt Boetius. Sie untersucht zusammen mit ihrer Arbeitsgruppe, wie natürlich austretendes Erdöl abgebaut wird. Das haben die Forscher vom MPI und der Universität Bremen auch im ölreichen Golf von Mexiko untersucht. Denn dort vor der Küste von Campeche auf der Halbinsel Yucatán tritt ganz ohne menschliche Einwirkung beständig Öl aus – jedoch langsam.

«Dieses Öl ist meist schwer und zähflüssig», so Boetius. Es bleibt als Teer- oder Asphaltklumpen am Meeresboden und dient dort Korallen, Muscheln und Röhrenwürmern als Lebensraum. «Es gibt Ökosysteme in der Tiefsee, die das Öl nutzen können», so das Fazit der Meeresexpertin. In grossen Tiefen leben Mikroorganismen, die unter sauerstoffarmen Bedingungen langsam das Öl abbauen können. Sie nutzen den Kohlenstoff, aus dem die Substanzen des Öls bestehen, als Energiequelle.

Im Labor getestet

Christoph Gertler von der Bangor-Universität in Wales, Grossbritannien, hält Öl in der Tiefsee für ein grosses Problem. Es verändert die Ökosysteme, und gelangt es in Küstennähe, gefährdet es am Boden lebende Fische sowie Laichgebiete. Schneller sind «Erdölfresser», die Sauerstoff verwenden, um das Öl umzusetzen. Peter Golyshin, Gruppenleiter an der Bangor-Universität, erforscht ein hocheffizientes Erdöl abbauendes Bakterium. Alcanivorax borkumensis wurde erstmals in der Nordsee vor Borkum entdeckt und am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig sequenziert. Die DNA-Daten verrieten: «Wenn diese Bakterien grosse Mengen von Erdöl vernichten sollen, dann benötigen sie auch Stickstoff und Phosphat.»

Im Labor testet Golyshin bereits aus, unter welchen Bedingungen die Bakterien am meisten Öl vertilgen. Alcanivorax borkumensis ist inzwischen in fast allen Meeren nachgewiesen worden, in verschiedenen Wassertiefen und Salzgehalten. Andere von Golyshin erforschte Bakterien sind Spezialisten, die es kalt lieben und in der Arktis vorkommen oder auf Süsswasser spezialisiert sind.

Giftige Stoffe aus Erdöl umsetzen

Alcanivorax borkumensis hilft, natürliche Erdölverschmutzungen zu beseitigen. Um den Prozess etwa bei Ölkatastrophen zu optimieren, müssten die Bakterien jedoch Nährstoffe erhalten. «Uns ist es bereits im Labor gelungen 2,5 Liter Schweröl vollständig aus 500 Litern Meerwasser zu entfernen», erklärt Gertler. Schwimmende Ölbarrieren gaben dabei langsam Phosphat und Stickstoff an die Einzeller ab.

Derzeit untersucht ein europäisches Forscherteam zudem, wie die langsameren Bakterien am Meeresboden effizient giftige Stoffe aus dem Erdöl umsetzen. Seit wenigen Wochen sind die Wissenschaftler unterwegs, um Proben von verseuchten Böden, Grundwasser oder Meereswasser zu sammeln. «Im Labor wollen wir dann untersuchen, wie die Bakterien diese giftigen Stoffe umwandeln und wie wir diesen Abbau verbessern können», erklärt Ramiro Vilchez, ein Mitarbeiter von Dietmar Pieper vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, der das Projekt leitet. Geplant ist nicht, die Bakterien direkt zum Aufräumen einzusetzen. Die Forscher wollen vielmehr von ihnen lernen, wie schnell und gründlich die giftigen Kohlenstoffverbindungen aus dem Öl unschädlich gemacht werden können. Doch bis dahin vergeht noch viel Zeit.

Im Golf von Mexiko werden sich die natürlich vorkommenden Lebewesen derweil ums Aufräumen ihres Lebensraumes kümmern. «Noch ist unbekannt, wie schnell sie diese Umweltschäden beseitigen können», sagt Antje Boetius. Klar ist immerhin, dass sie es können.

Mississippi treibt Öl zurück

Noch sind die Küsten von einer Ölpest verschont geblieben, berichtet die zuständige US-Behörde NOAA am Montag: «Das Wetter ist gut, sodass flüchtiges Öl abgebrannt werden kann.» Und der Mississippi führe viel Wasser, sodass seine Strömung das nahende Öl in den Golf zurücktreibe.

Auch BP, die Betreiberin der Ölplattform Deepwater Horizon, gibt sich optimistisch. Schliesslich ist ihr gelungen, zumindest einen Teil des heraussprudelnden Öls aufzufangen. Ein neu installiertes Rohr leitet nun Öl vom Leck der zerborstenen Hauptleitung in ein Tankschiff. 2000 Barrel Öl gelangen durch dieses Rohr in das Schiff, gemäss BP.

Es könnte deutlich mehr Öl austreten

Dabei weiss niemand genau, wie viel Öl insgesamt aus dem Leck fliesst. 800'000 Liter täglich, also rund 5000 Barrel, waren die ersten offiziellen Schätzungen. Doch letzte Woche zweifelten amerikanische Experten diese Zahlen an. Der Ozeanograf Ian MacDonald von der Florida State University schätzte anhand von Satellitenaufnahmen, dass aus dem Leck vier- bis fünfmal so viel Öl austreten könnte. Das berichtete die «New York Times».

Gegenüber dem Kongress räumte die BP sogar ein, dass im schlimmsten Fall, wenn sich das Leck ausweitet, bis zu 60'000 Barrel Öl täglich ins Meer gelangen könnten. Die erste Priorität des Konzerns sei jedoch nicht, die genaue Menge des austretenden Öls zu messen, sondern es zu stoppen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2010, 22:42 Uhr

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