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Alles Torftrottel

Von Atlant Bieri. Aktualisiert am 01.05.2012 8 Kommentare

Viele Gärtner verwenden Blumenerden auf Torfbasis – und schädigen damit das Klima. In die Schweiz werden jedes Jahr 150'000 Tonnen Torf importiert, jetzt planen die Grossverteiler den Ausstieg.

Hier wird seit Mitte 19. Jahrhundert Torf gestochen: Abbaugebiet am Conventer See bei Bad Doberan, Mecklenburg-Vorpommern.

Hier wird seit Mitte 19. Jahrhundert Torf gestochen: Abbaugebiet am Conventer See bei Bad Doberan, Mecklenburg-Vorpommern.
Bild: Keystone

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Torf ist des Gärtners Liebling. Er bringt Volumen in die Gartenerde, speichert Wasser und lässt sich mit Düngezugaben für jede beliebige Pflanzensorte konditionieren. Doch Torf ist auch eine problematische Ressource, die aus Hochmooren stammt. Ihr Abbau zerstört einzigartige Lebensräume und Landschaften und verursacht rund zehn Prozent der weltweiten Klimagasemissionen. Dem wollen nun Politiker und Detailhändler nicht mehr länger zusehen und planen den Torfausstieg der Schweiz.

Hierzulande sind alle verbleibenden Hochmoore seit der Rothenthurm-Initiative von 1987 per Bundesverfassung geschützt. Um den hiesigen Bedarf zu decken, importiert die Schweiz Torf aus dem Ausland. Meist stammt dieser aus Osteuropa, wo die Schutzbestimmungen sehr lasch sind.

Pro Jahr verbrauchen Profi- und Hobbygärtner mindestens 150'000 Tonnen des Materials. Diese Schätzung stammt von Andreas Grünig, Moorexperte bei der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon. Es gebe jedoch einen erheblichen Graubereich, sagt Grünig. «Der Fluch ist, dass ein Grossteil des importieren Torfes nicht deklariert wird. Er versteckt sich in Blumenerden, die zwischen 20 und 90 Prozent Torf enthalten.»

«Gute» Gartenerden sind selten

Torf ist überall. Das Zeug steckt fast in jedem Sack Garten- und Blumenerde und er hängt als Wachstumssubstrat an jedem Salatsetzling. Es werden zwar auch torffreie Produkte angeboten, doch wer diese kaufen will, muss die zumeist teureren Erden bewusst suchen. Damit müsse jetzt Schluss sein, sagen Migros und Coop. So soll beispielsweise innert zweier Jahre der Anteil an Torf in allen Erden der Coop-Eigenmarken auf null reduzieren werden, wie der Detailhändler kürzlich in einer Medienmitteilung bekannt gab.

Zudem verlangt er auch von den externen Zulieferern von Markenerden eine Senkung des Torfgehalts. «Es ist denkbar, dass wir am Ende nur noch wenige Spezialprodukte im Sortiment haben, welche überhaupt Torf enthalten», sagt Sabine Vulic, Mediensprecherin bei Coop. Das freut die Naturschutzorganisationen: «So machen sie dem Konsumenten bewusst, dass Torf nicht so gut ist, wie die Grosseltern immer gesagt haben», sagt Beat Hauenstein von Pro Natura, die auch einen aktuellen Einkaufsführer für torffreie Erden erstellt hat (www.pronatura.ch/torffrei).

Riesige Kohlenstoffquellen

Torf ist ein heimtückisches Produkt. Denn vordergründig gibt es sich als harmlosen pflanzlichen Rohstoff, doch im Kern gleicht es eher einem fossilen Brennstoff – einer Art Steinkohle für den Gartenbau. Wie alle fossilen Brennstoffe setzt auch Torf Unmengen des schädlichen Klimagases Kohlendioxid frei. Für jeden verbrauchten 20-Kilo-Sack wird die Atmosphäre mit 23 Kilogramm CO2 angereichert. Das ist so viel, wie bei 150 Kilometer Autofahrt entsteht.

Der Grund dafür liegt in seiner Entstehungsgeschichte. Ein Hochmoor ist im Wesentlichen ein riesiges Moospolster, das mit Wasser vollgesogen ist. Das Besondere an ihm ist, dass die einzelnen Moospflänzchen nicht auf festem Boden stehen, sondern auf ihren mumifizierten Überresten. Diese zersetzen sich nur sehr langsam, weil das Wasser den Kontakt mit Sauerstoff weitgehend verhindert. So bleibt der im abgestorbenen Moos gespeicherte Kohlenstoff für sehr lange Zeit im Moor gebunden.

Seit Jahrtausenden entziehen die Moore der Atmosphäre CO2 und speichern es als Kohlenstoff. Davon haben sie inzwischen weltweit 600 Gigatonnen angehäuft. Das ist die doppelte Menge, die in den heute noch vorhandenen Erdöl- und Erdgasreserven steckt. Sobald der Mensch Hand an die Moore legt, setzt er das gespeicherte Treibhausgas frei. «Das passiert bei uns im Garten, wenn Bakterien und Pilze den Torf zersetzen», sagt Grünig. Auf diese Weise verdampft aus unseren Blumenbeeten ständig CO2.

Aber es gibt noch ein weiteres Problem. Um an den Torf heranzukommen, muss ein Moor entwässert werden. Sobald das jedoch geschieht, kommt Sauerstoff an die Tonnagen toter Moospflänzchen und über Nacht verwandelt sich das Moor in einen gigantischen Komposthaufen. Nun haben Pilze und Bakterien freie Bahn. Die Mikroorganismen fressen sich durch den Torf und blasen dabei riesige Mengen CO2 in die Atmosphäre. Durch diesen Prozess verliert ein trockengelegtes Moor drei Zentimeter Höhe pro Jahr. Diese Klimabelastung tragen wir als Endverbraucher bei jeder Schaufel Gartenerde mit.

Ersatzstoffe sind verfügbar

Die grosse Frage lautet nun: Geht Gärtnern auch ohne Torf? Die kurze Antwort: Im Privatgarten ja, im Profibereich nur bedingt. Das sagt Ulrich Zimmer, Leiter Marketing der Schweizer Erdaufbereitungsfirma Ricoter. Sie tüftelt schon seit Jahrzehnten an verschiedenen Ersatzprodukten. Holz kann beispielsweise unter grosser Hitzeeinwirkung aufgefasert werden, und zusammen mit weiteren Zusatzstoffen wie Fichtenrinde oder Hüllschalen von Kokosnüssen ergibt das ein Endprodukt mit ähnlicher Konsistenz und Saugkraft wie Torf.

Für den Hobbygarten reicht das vollkommen aus. Doch Profigärtner müssen wohl erst lernen, mit dem neuen Material effizient zu arbeiten. Torf kann man durch Zugabe von Dünger und Kalk in jede beliebige Erde verwandeln. So lassen sich Tausende Geranien oder Setzlingssalate gezielt auf einen bestimmten Termin heranzüchten. «Bei torffreien Produkten hat man das technisch noch nicht ganz im Griff», sagt Zimmer.

Postulat beim Bundesrat

Und es gibt noch einen wunden Punkt: Saure Moorbeete, wie sie etwa bei Rhododendren zum Einsatz kommen, lassen sich mit Torfersatz nur schlecht herstellen. Hier ist Torf mit seinem naturgegebenen Säuregrad im Vorteil. Immerhin gibt es einen Lichtblick. Ricoter versetzt ihre Ersatzprodukte versuchsweise mit Schwefel, um so ein saures Substrat zu bekommen. Ist der komplette Torfausstieg also in greifbarer Nähe? «An einem kurzfristigen Ausstieg in allen Bereichen zweifele ich noch», sagt Zimmer.

Wohl auch deshalb, weil es zuletzt ein politischer Entscheid ist. Die grünliberale Zürcher Ständerätin Verena Diener hat 2010 in einem Postulat den Bundesrat beauftragt, sich Gedanken über ein Torfausstiegskonzept zu machen. In der kommenden Sommersession muss er seine Resultate präsentieren. «Ich lasse mich überraschen», sagt Diener, «aber ich denke, die Bereitschaft ist da, wirklich einen Torfausstieg anzustreben.» Früher seien die Tasten beim Klavier aus Elfenbein gewesen, vergleicht Verena Diener. Heute verwende man andere Materialen. «Das muss auch beim Torf passieren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.05.2012, 11:54 Uhr

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8 Kommentare

Petra Gerber

01.05.2012, 12:50 Uhr
Melden 51 Empfehlung 0

Na das wir doch endlich Zeit würde ich sagen. Die ewige Sucherei nach einem Sack Blumenerde mit dem Logo "torffrei" nervt tatsächlich! Da kann man als Konsument noch so viel guten Willen zeigen, wenn es einem derart schwer gemacht wird, sich naturfreundlich zu verhalten :-S Antworten


Lukas Maurer

01.05.2012, 13:39 Uhr
Melden 38 Empfehlung 0

Gemäss Wikipedia werden pro Jahr im nördlichen Europa mehr als 10 Mio Tonnen Torf zur Energiegewinnung verbrannt. Vielleicht sind da die Moorbeete in unseren Gärten und die Setzlingsproduktion weltweit gesehen gar nicht das zentrale Problem. Antworten



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