«Mein Mann dachte, nur Atheisten glaubten an den Klimawandel»

Die evangelikale Atmosphärenphysikerin Katharine Hayhoe versucht, gläubige Klimaskeptiker zu bekehren.

«Nur ein Mitglied der eigenen Gruppe kann die Evangelikalen erreichen», sagt Katharine Hayhoe. Foto: Lexey Swall («The New York Times»)

«Nur ein Mitglied der eigenen Gruppe kann die Evangelikalen erreichen», sagt Katharine Hayhoe. Foto: Lexey Swall («The New York Times»)

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Die Diskussion über den Klimawandel ist in den USA verworren – nicht erst seit Donald Trump Präsident ist. Republikanische Politiker und konservative Geistliche behaupten, Klimaschutz lasse sich nicht mit Christentum und Patriotismus vereinen. Solche Gräben überbrücken könnten Fürsprecher, die das Vertrauen der strengreligiösen Gemeinden besitzen. Ein Beispiel ist Katharine Hayhoe von der University of Texas. Sie ist Klimaforscherin und evangelikale Christin.

Klimaforscherin, Mitglied einer evangelikalen Kirche und Ehefrau eines Pastors. Ist das alles kein Widerspruch?
Ich habe Physik und Atmosphärenforschung studiert und untersuche zum Beispiel, wie Waldgebiete, ­Rinderfarmen und Seen auf den Klimawandel reagieren. Warum sollte es da einen Widerspruch zu meinem Glauben geben?

Sind nicht gerade die Evangelikalen in den USA überzeugt, dass die Erkenntnisse über den Klimawandel ein gewaltiger Schwindel sind?
Ja, aber ich teile diese Ansicht nicht. Wenn Wissenschaft und Glaube im Konflikt zu stehen scheinen, dann verstehen oder interpretieren wir eines der beiden falsch, manchmal sogar beide.

Moment. Glauben die Evangelikalen nicht daran, dass Gott die Geschicke der Welt von Tag zu Tag lenkt?
Für uns geht es vor allem um den freien Willen. Gott hat uns Menschen die Fähigkeit gegeben, Entscheidungen zu treffen. Wir ziehen dann selbst den Nutzen daraus oder leiden unter den Konsequenzen. Das passt doch hervorragend zum Klimawandel: Wir sehen darin die Folgen schlechter Entscheidungen in der Vergangenheit.

Auf der Website der Kirche Ihres Mannes steht: Wir glauben, dass die Bibel das wörtlich inspirierte Wort Gottes und in seiner ursprünglichen Schriftform ohne Fehler ist. Wie geht diese Lesart mit Wissenschaft zusammen?
Es kommt da sehr auf die Formulierung an. Da steht nicht «literally», also «wortwörtlich», sondern «verbally inspired», «wörtlich angeregt». Das heisst, die theolo­gischen Aussagen sind korrekt. Und die nehmen wir ernst. Es gibt in den USA auch die politischen Evangelikalen, die nehmen die Bibel wortwörtlich.

Wie kam es, dass sich die Kirchen in den USA anhand solcher ­Feinheiten von der Politik haben spalten lassen?
Die Evangelikalen in den USA sind in den vergangenen Jahrzehnten mit Absicht politisiert worden. Glaubensaussagen werden zuerst von der Partei geschrieben, dann erst kommt die Bibel, und wenn sich die beiden widersprechen, übertrumpft die Ideologie die Theologie. Und die Klimaforschung ist genauso aufgeheizt worden. Es ist wahrscheinlich das am meisten politisierte Thema in den USA, noch vor dem Waffenrecht, der Abtreibung oder der Todesstrafe. Man muss nur einem Politiker in den USA zuhören, dann denkt man, ein Thermometer sei ein politisches Messinstrument.

Färbt das auf andere Disziplinen ab?
Es hat zumindest dazu geführt, dass es zur Frage des politischen Bekenntnisses geworden ist, ob man Wissenschaftlern vertraut. Können Sie sich das vorstellen? Trauen Sie Ihrem Arzt, trauen Sie dem Apotheker, trauen Sie dem Steuerberater? Das sind doch alles keine politischen Fragen.

Sie sprechen mit Ihrem Buch und Ihren Filmclips gezielt gläubige Christen auf den Klimawandel an.
Mir vertrauen diese Menschen. Sie können mich fragen: Was denke ich über diesen «angeblichen» Klimawandel? Wie kann das real sein, wenn Gott doch alles kontrolliert? Ist das nicht nur eine falsche Religion von Leuten, die die Erde anbeten? Das alles fing in der Gemeinde meines Mannes an. Wir haben schnell gemerkt, dass es für diese Menschen überhaupt keine geeigneten Informationsmaterialien gibt, die sie dort abholen, wo sie stehen. Unser Buch handelt von Entscheidungen zum Klimawandel, die im Glauben verwurzelt sind.

Warum war ein solcher ­Brückenschlag überhaupt nötig?
Als ich in Kanada aufwuchs, kannte ich niemanden, der den Klimawandel für ­irreal hielt. Dann zog ich für mein Studium in die USA und traf meinen Mann; er sass an einer Doktorarbeit in Angewandter Linguistik. Wir waren sechs Monate verheiratet, als ich ­herausbekam, dass er den Klimawandel für Quatsch hielt. Es war für uns beide ein Schock: Er hatte geglaubt, nur Atheisten ­könnten an den Klimawandel glauben, und ich hatte angenommen, nur sehr ungebildete Menschen könnten ihn leugnen.

Wie bitte – nach sechs Monaten Ehe?
Wir haben uns kennen gelernt, da sass ich an meiner Masterarbeit. Es ging um statistische Verfahren, Methanemissionen zu modellieren. Viel Chemie, dazwischen Probleme mit dem Computer, der abstürzte und meine halbe Abschlussarbeit mit sich riss. Mein Mann wusste, dass ich über Atmosphärenchemie und Methan forschte, aber er hat das nicht mit dem Klimawandel verknüpft. Ich wiederum nahm an, jeder wüsste, dass Methan ein Treibhausgas und darum wichtig für den Klimawandel ist. Warum also darüber reden?

Wie ging es weiter?
Wir haben ein ganzes Jahr gebraucht, um eine gemeinsame Basis zu finden. Noch heute, 15 Jahre später, diskutieren wir über manche Aspekte. Und jetzt stellen Sie sich mal die Situation für 25 Prozent der strenggläubigen Amerikaner vor. Die haben niemanden, der meine Rolle einnimmt. Im Gegenteil: Menschen, denen sie vertrauen, haben ihnen gesagt, es gebe gar keinen Klimawandel. Und dass sie nicht mehr Konservative, Christen, Amerikaner sein können, wenn sie die globale Erwärmung für eine reale Gefahr halten. Die wissenschaftlichen Ergebnisse abzulehnen, ist Teil ihrer Identität geworden. Da muss man sie irgendwie rausholen.

Hatten Sie Angst, als Sie in Ihren christlichen Kreisen bekannten, ­Klimawissenschaftlerin zu sein?
Es fühlte sich an, als würde ich mich outen. Nachteile fürchtete ich aber vor allem in der Gemeinde der Wissenschaft­ler. Für sie ist der Ruf das wichtigste Gut: die Veröffentlichungen, die Gutachten und Rezensionen, die man schreiben soll. Das habe ich riskiert, als ich mich als Christin zu erkennen gab. Aber ich musste das Risiko eingehen, weil nur ein Mitglied ihrer eigenen Gruppe die Evangelikalen erreichen kann.

Und, kam es wie befürchtet?
Kaum. Einige Kollegen zeigen mir seither die kalte Schulter, aber sehr wenige. Manchmal bekomme ich böse E-Mails, in denen Leute sagen: Du kannst keine richtige Wissenschaftlerin sein, weil du an Märchen glaubst.

Kann der Glaube helfen, die USA zu einer angemessenen Reaktion auf den Klimawandel zu bewegen?
Der Glaube liefert einen neuen Ansatzpunkt, über den Klimawandel zu sprechen, das interessiert die Menschen. Sie erkennen dann, sie müssen kein Umweltaktivist werden, der Bäume umarmt oder sich an Zäune kettet, um den Klimawandel ernst zu nehmen. Sie können der Bibel treu bleiben und darin den Antrieb zur Veränderung finden.

Wo steht das in der Bibel?
An vielen Stellen, ich halte Predigten darüber. Es fängt schon in der Schöpfungsgeschichte an, die uns Menschen die Verantwortung für die Erde gibt. Selbst wenn da steht: Macht sie euch untertan, heisst das doch nicht, dass wir sie ruinieren dürfen. In der ganzen Bibel geht es zudem um Liebe, vor allem für andere, denen es nicht so gut geht wie uns. Und der Klimawandel trifft die Armen und die Schwachen überproportional.

Was bewirken solche Predigten bei Ihren Zuhörern?
Ich verknüpfe die Herzen der Menschen mit ihren Köpfen. Bei allen Veranstaltun­gen nehme ich mir die Zeit, zu spüren, welche Werte eine Gruppe verbinden. Das kann die Sorge um die nationale ­Sicherheit sein, um Wirtschaft und Arbeitsplätze oder die Liebe zur Jagd und zum Fischen. Oder Wasser, ein in Texas wichtiges Thema. Meist haben wir zu wenig, und dann haben wir plötzlich zu viel, Fluten und Dürre, das sehen alle als Problem. Dann sage ich: Für die Zukunft mache ich mir noch mehr Sorgen, weil es wärmer wird und wir noch weniger Wasser haben. Und so können wir anfangen, über Lösungen zu sprechen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2017, 18:30 Uhr

Katharine Hayhoe

Evangelikale Klimaforscherin

Die Atmosphärenwissenschaftlerin Katharine Hayhoe (45) ist Professorin für politische Wissenschaften und Direktorin des «Climate Science Center» an der Texas Tech University in Lubbock. Mit ihrem Mann, dem Linguisten und evangelikalen Pastor Andrew Farley, hat die Kanadierin ein Buch geschrieben, um Gläubigen den Klimawandel näherzubringen.

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