Tausende Kinder in der Schweiz unnötig mit Kortison behandelt

Schnell fällt hierzulande bei Atemproblemen der Verdacht auf Asthma. Dann ist der – oft unkritische – Griff zum Atemspray nicht weit.

In der Schweiz könnte rund einem Drittel der Asthmatherapien, die Kinder erhalten, eine fehlerhafte Diagnose zugrunde liegen. Foto: Travel Master (Fotolia)

In der Schweiz könnte rund einem Drittel der Asthmatherapien, die Kinder erhalten, eine fehlerhafte Diagnose zugrunde liegen. Foto: Travel Master (Fotolia)

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Es war ein Notfall. Das anderthalbjährige Mädchen besuchte gerade seine Grossmutter, als es plötzlich Atemprobleme bekam. Der Hausarzt äusserte schnell den Verdacht, dass es sich um Asthma handeln könnte. Ohne weitere Abklärungen gab er den Eltern Sprays mit bronchienerweiternden Inhalts­stoffen und entzündungshemmendem Kortison. Später stellte sich allerdings heraus: Das Mädchen hatte nicht Asthma, sondern eine hartnäckige Bronchitis. Die Medikamente konnte es wieder absetzen. «Als junge Eltern waren wir sehr verunsichert», erinnert sich die Mutter des Mädchens. Aus ihrem Umfeld kennt sie andere Familien mit ähnlichen Erlebnissen.

Tatsächlich dürften solche Situationen nicht selten sein, denn überdiagnostiziertes Asthma bei Kindern ist ein verbreitetes Phänomen. Im Frühjahr 2016 ergab eine niederländische Studie, dass bei rund der Hälfte der Kinder, die wegen Asthma an das Universitäre Medizinische Zentrum Utrecht überwiesen wurden, die Diagnose fälschlicherweise gestellt worden war. Bereits frühere Studien hätten solche Überdiagnosen festgestellt, das Ausmass sei mit der neuen Untersuchung jedoch erstmals quantifiziert worden, schreiben die Autoren um Ingrid Looijmans-van den Akker im Fachblatt «British Journal of General Practice». Die Forscher analysierten die Daten von rund 650 Kindern im Alter zwischen 6 und 18 Jahren. Nur gerade jedes sechste war korrekt gemäss internationalen Leitlinien mit einem Lungenfunktionstest untersucht worden, als es von einem Arzt überwiesen worden war. Ähnliches zeigen auch Studien aus Australien, Kanada und Italien. In Grossbritannien gehen die Gesundheitsbehörden davon aus, dass die Situation vergleichbar oder sogar noch schlimmer sein dürfte.

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«Auch in der Schweiz wird bei Kindern leichtfertig und übermässig oft Asthma diagnostiziert», sagt Alexander Möller, Leiter Pneumologie am Kinderspital Zürich und ehemaliger Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (SGPP). Genaue Zahlen gibt es keine, und wegen nationaler Eigenheiten der Gesundheitssysteme lassen sich die Studienresultate nur bedingt übertragen. Möller geht davon aus, dass in der Schweiz rund ein Drittel der Kinder, die Asthmamedikamente bekommen, diese aufgrund nicht korrekter Diagnosen erhalten.

Die Medikamente können zu einem Pulsanstieg und zu Nervosität führen.

Unter Fachleuten sind die Überdiagnosen schon länger Thema. «Das Problem wird allerdings erst seit einigen Jahren intensiver angegangen», sagt Möller. Es komme zwar auch vor, dass Asthmapatienten spät oder gar nicht behandelt würden, zahlenmässig sei dies jedoch in der Schweiz «deutlich weniger gravierend als die vielen Überdiagnosen». Auch für Urs Frey, Ärztlicher Direktor des Universitäts-Kinderspitals beider Basel, ist die zu häufige Therapie eine wichtige Thematik, «bei der schon länger Handlungsbedarf besteht». Er geht allerdings von etwas weniger falsch diagnostizierten Asthmakindern in der Schweiz aus. Zudem sieht Frey in der Unterbehandlung von echten Risikokindern ebenfalls ein Problem. So auch Stefan Roth: «Bei Schulkindern mit diagnostiziertem Asthma beobachten wir, dass sie die notwendigen Medikamente ungenügend oder gar nicht anwenden», sagt der Berner Kinderarzt und Vorstand des ­Berufsverbands Kinderärzte Schweiz.

Auch wenn die angefragten Fachleute das Ausmass unterschiedlich einschätzen: Sie sind sich einig, dass es ein Problem mit der Überbehandlung gibt. Insbesondere weil Ärzte oft bei ihren Patienten Therapieversuche mit Asthmamedikamenten durchführen, dann aber nicht regelmässig kontrollieren, ob das Kind auf die Therapie anspricht und sie auch später noch braucht. «Das geschieht häufig nicht», sagt Roth. Die Kinder nähmen dann die Medikamente weiter ein, obwohl sie diese gar nicht benötigen würden. Frey bestätigt: «Wir sehen immer wieder, dass niedergelassene Ärzte unkritisch Kortison geben oder nach einem ersten Test nicht mehr kontrollieren.»

Eine Überversorgung mit Asthmamedikamenten ist vor allem wegen der Nebenwirkungen ein Problem. Das inhalierte Kortison kann auf Dauer unter anderem zu verlangsamtem Wachstum und in hohen Dosen zu Nebennierenunterfunktion und möglicherweise häufigeren Atemwegsinfekten führen. Die bronchienerweiternden Medikamente lassen den Puls ansteigen und die Kinder nervös werden. «Wenn eine Therapie keine Wirkung hat, sind solche Effekte nicht vertretbar», sagt Kinderpneumologe Möller. «Hinzu kommen die Kosten für das Gesundheitswesen, die angesichts der grossen Zahl von Fehlverschreibungen beträchtlich sind.»

Banaler Grund vermutet

Der Grund für die Überdiagnosen ist aus Sicht von Möller irritierend banal: «Die Behandlung von Asthma ist unkompliziert, und die Medikamente sind leicht verfügbar.» Hinzu komme manchmal auch der Druck der Eltern, die erwarten, dass etwas unternommen wird. Für die Ärzte ist dann der Griff zum Asthmaspray der einfachste Ausweg. Dabei haben die Kinder manchmal einfach einen hartnäckigen Husten, etwa wegen einer langwierigen Virusinfektion. «Vor allem im Vorschulalter führen solche Infekte zu asthmaähnlichen Symptomen», sagt Möller. Tatsächlich können dann bronchienerweiternde Asthmamedikamente unter Umständen sinnvoll sein – aber nur kurzzeitig.

Bei manchen Kindern sind auch überempfindliche Atemwege die Ursache für den Husten. Ein Problem, das sich mit der Zeit von selbst auswächst. In anderen Fällen ist eine andere Grunderkrankung die Ursache, etwa eine nicht ausgeheilte bakterielle Infektion oder zystische Fibrose. «Eine voreilige Asthmadiagnose ist in diesen Fällen besonders problematisch, da sie die korrekte Behandlung verzögern kann», sagt Möller.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 06:40 Uhr

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Acht bis zwölf Prozent der Schulkinder sind betroffen

Wenn von Asthma gesprochen wird, ist meist Asthma bronchiale gemeint. Bei Betroffenen sind die Bronchien chronisch entzündet. Reize können zu einer Verengung der Atemwege führen und so anfallartig typische Symptome wie pfeifende Atmung, Kurzatmigkeit oder auch nur Husten auslösen. Bei den Schulkindern sind acht bis zwölf Prozent von Asthma betroffen. Drei Viertel davon haben allerdings ein allergisches Asthma, bei dem die Symptome zwar gleich sind wie beim Asthma bronchiale; die Entzündungen werden jedoch durch Allergene wie Pollen oder Tierhaare ausgelöst.

Bei der Diagnose liefern gezielte Fragen des Arztes zu den Beschwerden meist deutliche Hinweise. Zusätzlich können eine körperliche Untersuchung, eine Lungenfunktionsprüfung und manchmal ein Allergietest für weitere Gewissheit sorgen. Manchmal hilft für die Diagnose auch ein Therapieversuch. Bei der Behandlung von Asthma kommen zwei Arten von Wirkstoffen zur Anwendung: Bedarfsmedikamente (Reliever) wirken innerhalb von Minuten gegen eine Verengung der Atemwege; Langzeitmedikamente (Controller) hemmen die Entzündung und sind meist kortisonhaltig. Richtig angewendet, verbessert eine Medikation die Lebensqualität der Patienten massiv und verringert die Häufigkeit von Asthmaanfällen und die Sterblichkeit.

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