Grosse Operation von Bulldogge Riley

Tiere unter dem Messer: Bevor der Chirurg am Berner Kleintierspital das Skalpell ansetzt, checkt er nochmals alle Sicherheitsfragen.

Impressionen aus dem Operationssaal mit Bulldogge Riley. (Video: Sabina Bobst)

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«Französische Bulldogge. C3/C4. Mögliche Komplikationen: Blutung, Herzrhythmusstörungen. Hat er das Antibiotikum bekommen?», fragt Franck For-terre. Bevor der Neurochirurg am Berner Kleintierspital bei Riley das Skalpell ansetzt, geht er die wichtigsten Punkte im Sicherheitscheck durch. Das Operationsteam hört aufmerksam zu und bestätigt seine Angaben.

C3/C4 bedeutet: Bandscheibenvorfall zwischen dem dritten und dem vierten Halswirbel. Ein- bis zweimal pro Woche operiert der Neurochirurg Bandscheiben bei Hunden. «Es ist ein häufiges Problem», sagt Forterre.

Im Hintergrund piepsen die Überwachungsgeräte, die Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffgehalt des Bluts und Temperatur registrieren. Unter den grünen Tüchern schauen die Pfoten des Patienten, Schläuche und Kabel hervor.

Zusammen mit der Assistentin arbeitet sich Forterre zur Wirbelsäule vor. «Ventral Slot» heisst der Eingriff, was bedeutet, dass sich der Chirurg der Bandscheibe von unten nähert. «Hunde haben oben am Hals dicke Muskeln. Sie erschweren den Operationszugang erheblich», erklärt der Operateur. Damit alles reibungslos klappt – seitlich im Hals verlaufen grosse Adern und Nerven –, ist es wichtig, dass der Patient gerade auf dem Rücken liegt. Forterre vergewisserte sich dessen vor Beginn der Operation.

Unter Narkose durchleuchtet

Am Wandbildschirm hängen MRI-Aufnahmen von Rileys Hals. Der kleine Patient wurde am Vortag rund 45 Minuten in Narkose «durchleuchtet». Zwischen den einzelnen Wirbelkörpern sind Bandscheiben. Diese runden Stosspuffer ­bestehen aus einem faserigen Ring und einer gallertartigen Masse im Innern. Bei Riley quillt das Innere einer Bandscheibe hervor und macht sich im ­Rückenmarkskanal breit. Das tut weh und kann zu schweren Lähmungen ­führen, weil die Nerven im Rückenmarks­kanal davon gequetscht werden.

«Akute Bandscheibenvorfälle im Hals gibt es vor allem bei kleinen Hunden. Bei ihnen kommt es oft schon in den ersten beiden Lebensjahren zu Verkalkungen und Abbauprozessen in den Bandscheiben», sagt Forterre. Spitzenreiter in der Statistik sind die derzeit beliebten Französischen Bulldoggen wie Riley.

Forterre fräst ein Löchlein in den Wirbel, um an die Bandscheibe zu gelangen. Es wird später von allein wieder ­zuwachsen.

Der kleine Patient ist erst zwei Jahre alt. Es passierte vor drei Tagen: Rileys Besitzerin wollte das Bett frisch beziehen, der verspielte Hund sprang hin und her und zog an den Laken. Plötzlich stoppte Riley und heulte auf. Ab da hielt er seinen Kopf leicht gesenkt in Entlastungsstellung; die Muskeln am Hals waren hart und schmerzhaft.

Die Kosten sind zweitrangig

Forterre ist inzwischen am Ziel. Er holt die winzigen Stückchen der Bandscheibe heraus, die Riley so plagen. Nach rund 25 Minuten ist der Eingriff ­vorüber, die letzte Naht geschlossen.

Vorsichtig wird Riley auf den «Ferrari» gelegt – so heissen hier die fahr­baren, mit roter Blache bespannten ­Patientenliegen – und in den Aufwachraum gebracht.

«Diese Phase ist bei dieser Hunderasse kritisch», sagt die Narkoseärztin Isabelle Iff. Die kurzköpfig gezüchteten Hunde bekommen bei Anstrengung schnell zu wenig Luft, weil ihr Gaumensegel den Eingang zur Luftröhre teilweise verdecken kann. Schwillt es, etwa durch Aufregung, an, könnte der von den Medikamenten noch benommene Hund ersticken.

Bei Riley geht alles gut. «Man merkt ihm jetzt schon nichts mehr an», berichtet seine Besitzerin Yasmine Gaudin nach einer Woche. Die Behandlung wird rund 3000 Franken kosten. «Das ist viel Geld. Aber wenn man den Hund liebt, zählt man die Franken nicht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2017, 23:08 Uhr

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Tiere unter dem Messer

Sie behandeln Wildkatzen, untersuchen Fische, testen die Intelligenz von Hunden oder ziehen dem Pferd Zähne – der Beruf des Tierarztes ist enorm vielseitig. In einer Serie beleuchten wir diesen Sommer weniger bekannte Seiten der Tiermedizin. Den Anfang macht Riley, der auf Instagram schon gegen 550 Fans hat. Französische Bulldoggen wie Riley brauchen vielfach eine neurochirurgische Behandlung. (TA)

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