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Was ist denn schlecht an Achtsamkeit?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 29.02.2012 4 Kommentare
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Wie kann man gegen Achtsamkeit sein? Gegen die Verwendung des Worts von mir aus, gegen esoterische Vereinfachungen – aber deshalb gleich die Achtsamkeit in Bausch und Bogen ablehnen? Was ist der Unterschied zwischen achtsamem Essen und unachtsamem? Achtsames ist langsamer, ein grösserer Genuss, verursacht weniger Blähungen. Was der von achtsamem Zuhören und unachtsamem? Was derjenige von achtsamem Sex und unachtsamem? Ein besseres Wort für diese Qualität fällt mir nicht ein, Aufmerksamkeit genügt nicht! Bei dieser Gelegenheit eine Frage: Stimmt meine Beobachtung, dass die Pflege des psychoanalytischen Denkens (und Zerlegens) oft zynisch macht? R. J.
Liebe Frau J.
Ich bin gegen Achtsamkeit sowenig wie gegen das Atmen – nur gegen die weltanschauliche und psychotherapeutische (oder was immer) Aufladung solcher Elementarbegriffe. Gegen die Neigung, die Wurzel aller (oder auch nur vieler) Übel in Unachtsamkeit und falschem Atmen zu orten. (So wie ich – aktueller Schlenker – übrigens auch dagegen bin, eine bundesrätlich angeordnete Verdoppelung der Psychotherapierate an sich schon für einen Fortschritt zu halten.)
Der Boom allumfassender Achtsamkeit ist mir unheimlich, nicht der sorgfältige Umgang mit Nahrungsmitteln. Aber selbst in diesem Punkt regt sich schon ein kleiner Widerstand: Achtsames Essen mag (manchmal oder auch oft) ein grösserer Genuss sein als unachtsames Essen. Aber nicht jedes Mahl hält achtsamer Kritik stand; und das Verschlingen einer Bratwurst hat seine eigene Genussqualität, die sich schlecht unter die Wonnen der Achtsamkeit subsumieren lässt.
An ambitionierten Weintrinkern nervt oft gerade ihre Achtsamkeit. Ein Quickie auf dem Autorücksitz (achtsam höchstens insofern, als dass man darauf achten muss, dass einen der Parkplatzwächter dabei nicht erwischt) ist ein Vergnügen eigener Art, auch wenn in diesem Fall niemand auf die Idee käme (na, wer weiss), daraus einen kategorischen sexuellen Imperativ zu basteln. Unachtsames Zuhören ist gar keines; aber gibt es nicht auch Gebrabbel, das es verdient, zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus zu gehen? Sie sehen, gerade wenn man ganz konkrete Fälle unvoreingenommen betrachtet, merkt man, dass Achtsamkeit nicht unbedingt zur eingeschränkten Lebensmaxime taugt. Was nun Ihre Schlussfrage betrifft: Nein, ich glaube nicht, dass Psychoanalyse zynisch macht. Sie macht (hoffentlich, aber leider keineswegs naturwüchsig) misstrauisch gegen allzu viel homogenisierende Verallgemeinerung. Das ist gewiss nicht wenig. Aber seinerseits auch wiederum nicht alles, was man zum Leben braucht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.02.2012, 07:27 Uhr
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4 Kommentare
Über Achtsamkeit wird hier höchstens in einer äusserst oberflächlichen Art beschrieben, was eigentlich nach meiner Meinung ausserhalb dieses Begriffs liegt. Wir sind heute aufgrund der latenten Zerstreuung ohne Übungen nicht imstande Achtsamkeit auszuüben, dazu braucht es Jahrelange Übung. Antworten
Ich fand die letzte Antwort schon gut, diese unterschreibe ich auch. Zweifellos muss man bisweilen achtsam sein, bei gefährlichen Arbeiten, im Strassenverkehr, in der Physio, etc. Aber wer die Ameisen am Boden beobachtet, sieht nicht den Bären der sich von hinten anschleicht. Irgend etwas muss man immer vernachlässigen. 30min für einen Teller Spaghetti aufwenden weils gesund sein soll? Wääh! Antworten
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