Tödliche Stromfolter – auf Weisung des Versuchsleiters
Von Norbert Raabe. Aktualisiert am 28.01.2009 5 Kommentare
Der Aufbau des historischen Milgram-Experiments: Der «Versuchsleiter» (V) kontrollierte den «Lehrer», der dem «Schüler» im Nebenraum scheinbar Stromstösse verabreichte.
Vorbereitungen für Stromschläge: Eine Aufnahme von Vorbereitungen des Experimente von Milgram.
Die Versuche sind nicht nur berühmt, sondern berüchtigt. Im Jahr 1962 vollzog der amerikanische Psychologe Stanley Milgram Experimente, bei denen ein «Schüler», ein Schauspieler, in einem abgetrennten Raum Wortpaare richtig zusammensetzen musste – kontrolliert von einem Probanden, dem «Lehrer», der unter Aufsicht eines offiziellen «Versuchsleiters» stand. Machte der Schüler im anderen Raum Fehler, sollte ihm der Proband immer stärkere Stromstösse verabreichen – trotz überzeugend lauter Schmerzenschreie, die zu ihm drangen, gefolgt von einem tödlichen Schweigen.
Äusserte der Teilnehmer, der über das wahre Ziel des Experiments nicht informiert war, Zweifel an einer Fortsetzung des quälenden Versuchs, sagte der Versuchsleiter nur Sätze wie «Bitte fahren Sie fort!», gefolgt von «Sie müssen unbedingt weitermachen» und anderen Formulierungen – allerdings ohne jeden drohenden Unterton. Resultat: Rund zwei Drittel der Teilnehmer erhöhten die angebliche «Stromstärke» bis zum tödlichen Maximum von 450 Volt, obwohl sie den Schmerz vor dem Beginn der Prozedur mit einem 45-Volt-Schlag probehalber am eigenen Leib erfahren hatten – Gehorsam über jedes menschliche Mass hinaus.
70 Prozent bis zum Maximum
Auch heute würde die Mehrheit den Regler nach rechts drehen, wie eine Neuauflage der Versuche zeigt. Der Psychologe Jerry Burger von der Santa Clara University wiederholte Teile der Milgram-Experimente und rekrutierte dazu über Zeitungsanzeigen und das Internet insgesamt 70 Probanden – zu einem «Lohn» von 50 Dollar für zwei 45-Minuten-Experimente und mit der Information, dass es darum gehe, die Auswirkungen von Strafen auf den Erfolg des Lernens zu untersuchen.
Wie Burger in der Januar-Ausgabe des Fachmagazins «American Psychologist» berichtet, wurde den Teilnehmern vor dem Beginm mindestens drei Mal gesagt, sie könnten jederzeit aufhören und würden dennoch die 50 Dollar bekommen. Obwohl der «Schüler» bei einem Stoss von 75 Volt laut stöhnte und bei 150 Volt bat: «Lass mich hier raus, bitte. Mein Herz beginnt mich zu quälen», wollten 70 Prozent der Probanden den Versuch auch danach weiterführen.
Stromstärke diesmal auf 150 Volt begrenzt
Anders als sein legendäres Vorbild Stanley Milgram stoppte Jerry Burger seine Experimente allerdings jeweils, als die 150 Volt erreicht waren – im Wissen darum, dass 79 Prozent von Pilgrams Versuchspersonen, die seinerzeit bis zu diesem Punkt gegangen waren, die Stromstärke schliesslich bis zum Maximum von 450 Volt erhöht hatten. Und womöglich auch aus Rücksicht auf die Teilnehmer: Stanley Milgram war wegen seiner Experimente für ein Jahr aus der American Psychological Association ausgeschlossen worden – wegen des Vorwurfs, ein «traumatisierendes» Experiment vorgenommen zu haben, das für die Versuchspersonen «potenziell schädlich» gewesen sei. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.01.2009, 11:34 Uhr
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5 Kommentare
Und was genau ist die Kernaussage dieses Experimentes? Der Mensch ist des Menschen Wolf? Da kann man zur Not auch das Stanford Prison Experiment von 1971 zu Rate ziehen. Die Zivilisation ist lediglich eine dünne Schicht, unter der es immer noch gewaltig rumoren kann- aber erst, wenn sie reisst. Interessanter wäre es zu erforschen, unter welchen Bedingungen die zivilisatorische Haut reissen kann. Antworten
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