Syphilis: Rückkehr einer fast vergessenen Seuche
Von Barbara Reye. Aktualisiert am 14.02.2009
Nachdem Christoph Kolumbus 1493 von seiner ersten Expedition zurückkehrte, tauchte in Spanien auf einmal eine bisher noch nie beobachtete Krankheit auf. Betroffene bekamen grippeähnliche Symptome, Hautveränderungen, eiternde Pusteln und warzenartige Geschwüre an den Schleimhäuten. Heute weiss man, dass es sich um Syphilis handelte, die von den Bakterien Treponema pallidum ausgelöst wird. Ohne richtige Behandlung breiten diese sich im ganzen Körper aus und führen im letzten Stadium zum Tod.
Erschreckend ist, dass die über die Jahrhunderte andauernde Seuche eigentlich als überwunden galt, nun aber verstärkt wieder auftritt. Weltweit haben sich im vergangenen Jahr 12 Millionen Menschen mit den Syphilis-Erregern infiziert. Und in der Schweiz wurden im Jahr 2008 mehr als 650 Fälle dem Bundesamt für Gesundheit in Bern gemeldet. Damit hat sich die Zahl der Patienten seit 1998 etwa verdreifacht. Auffällig sei, dass durch die immer bessere Behandlung von HIV-Positiven viele Menschen glauben würden, dass sie beim Geschlechtsverkehr keine Kondome mehr benutzen müssten, sagt Flavio Höner, der zur Geschichte der Syphilis eine Ausstellung in Basel konzipiert hat. Dies htte zur Folge, dass sich andere sexuell übertragbare Krankheiten viel häufiger als noch Ende der 90er-Jahre wieder verbreiten.
Obwohl der genaue Ursprung der Syphilis bis heute ungeklärt ist, konnten Forscher mit Hilfe von DNA-Analysen den Stammbaum der Bakterien rekonstruieren und damit die These stützen, dass Kolumbus die Erreger mit nach Europa gebracht haben soll. Verbreitet haben sich die Erreger dann ein Jahr später durch den Kampf um das Königreich Neapel. Weil Frankreichs junger König, Karl der VIII., dort seine Erbansprüche geltend machen wollte, zog er im Frühjahr los nach Italien.
Zu seinem Söldnerheer gehörten neben Spaniern auch Schweizer, Niederländer und Deutsche sowie ein Tross von Soldatendirnen. Nach dem Rückzug aus Neapel entliess Karl der VIII. seine Leute in ihre Heimatländer. Dadurch konnte sich die Syphilis schnell in ganz Europa ausbreiten. Die Kranken wurden dort fortan wie Aussätzige behandelt und später häufig auch in so genannte Blatternhäuser ausserhalb der Stadtmauern geschickt.
Quecksilber gegen die Lustseuche
Die als Franzosenkrankheit bezeichnete Seuche erreichte über die Handelswege auch Russland, Indien, China und Japan. Dass so viele Menschen an der Infektionskrankheit litten, sah man im Mittelalter als Strafe Gottes an oder erklärte es sich durch ungünstige Planetenkonstellationen. Als man bemerkte, dass die Krankheit durch Geschlechtsverkehr übertragen wird, wurde auch ein lasterhafter Lebensstil für die Seuche verantwortlich gemacht.
Als wirksames Behandlungsmittel empfahlen die Ärzte ber Jahrhunderte hinweg Quecksilber, das entweder auf die Haut aufgetragen oder in speziellen Schwitzksten verdampft wurde. Die Nebenwirkungen waren enorm und reichten von Erbrechen über Durchfall, Atemnot, Leber- und Nierenversagen bis zur chronischen Vergiftung und Tod. Der bekannte Arzt Paracelsus setzte sich jedoch weiterhin für diese Art der Behandlung ein und schrieb im Jahr 1529 den viel zitierten Satz, dass allein die Dosis das Gift mache.
Eine bedeutende Idee zur Bekämpfung von Syphilis stammt von einem italienischen Arzt, erklärt Flavio Höner. Als Erster empfiehlt Gabriele Fallopio 1564 die Verwendung eines Kondoms als Schutz vor Geschlechtskrankheiten. Allerdings handelte es sich dabei vorerst nur um ein Leinsäckchen, das mit einer wässrigen Lösung von Wein, Kräutern, dem Pulver der roten Koralle, gemahlenem Hirschhorn und Stosszähnen des Ebers getränkt wurde.
Heilung durch Penicillin
Weil die Erreger der Syphilis mit einem normalen Lichtmikroskop unsichtbar sind, konnten die beiden Forscher Fritz Schaudinn und Erich Hoffmann am Berliner Klinikum Charit erst 1905 das Bakterium mit einem neuen Ultra-Mikroskop identifizieren. 1909 hatte dann Paul Ehrlich nach unermüdlichen Versuchen zusammen mit seinem Forscherteam endlich eine neue organische Arsenverbindung zur Bekämpfung des Erregers gefunden. Später wurde das Mittel als wasserlösliches Präparat unter dem Namen Neosalvarsan angeboten.
Auch diese Behandlung war noch gefährlich: Rund jeder hundertste Patient starb an der Therapie. Die Wende kam, als sich in den 40er-Jahren Penicillin grosstechnisch herstellen liess. Die Antibiotika haben der Krankheit ihren Schrecken genommen, sagt Flavio Höner, und auch die Stigmatisierung der von ihr betroffenen Patienten grösstenteils aufgehoben.
Lust, Leid & Wissen. Eine Geschichte der Syphilis und ihrer Therapie, Ausstellung im Pharmazie-Historischen Museum Basel, vom 14. 2. bis zum 31. 7., im Totengässlein 3. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.02.2009, 19:38 Uhr










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