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Stress am Arbeitsplatz: «Irgendwann explodieren sie»

Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 18.02.2009

«Wenn der Stress am Arbeitsplatz chronisch wird, werden die Angestellten zu verzweifelten Einzelkämpfern», sagt Bonny Beuret. Sie therapiert Phobien, zurzeit in den USA.

«Ich habe mich entschieden, eine Mutmacherin zu sein»: Bonny Beuret.

«Ich habe mich entschieden, eine Mutmacherin zu sein»: Bonny Beuret.

Frau Beuret, Sie haben lange Zeit in der Schweiz Angsterkrankungen behandelt und sind jetzt seit einem Jahr wieder in den USA. Wie sehr beeinflusst die schlechte Wirtschaftslage die Stimmung in den USA?
Die Anspannung ist deutlich zu spüren. Sorgen um den Arbeitsplatz und finanzielle Probleme sind die beiden Hauptstressoren. In den letzten Monaten hat sich hier in den USA ein neues Phänomen gezeigt: die sogenannte «desk rage». Immer öfter kommt es zu Wutausbrüchen am Arbeitsplatz, die Leute schreien herum, rasten im Büro aus, weil sie den Druck nicht mehr aushalten. Vorher war hier nur die «road rage» bekannt, der Wutausbruch auf der Strasse. Wenn der Stress am Arbeitsplatz aber chronisch wird, erhält das soziale Gefüge in den Unternehmen Risse, die Menschen werden zu teilweise verzweifelten Einzelkämpfern.

Sind das nicht Einzelfälle, denen man zu viel Gewicht gibt, weil alle von Krise reden?
Leider nicht. Vor einiger Zeit wurden im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie 1305 US-Amerikaner über das Klima am Arbeitsplatz befragt. 42 Prozent davon gaben zu Protokoll, an ihrem Arbeitsplatz mit Geschrei und verbaler Belästigung konfrontiert zu sein. 29 Prozent gaben zu, dass sie selber Kollegen anschreien infolge von Stress, jeder Vierte gab an, in letzter Zeit am Arbeitsplatz in Tränen ausgebrochen zu sein. Und 14 Prozent von jenen, die an Maschinen arbeiteten, berichteten von stressbedingten Fehlern mit Konsequenzen. Diese Werte dürften sich in letzter Zeit nicht verbessert haben, im Gegenteil.

Mit welchen Ängsten kommen die Klienten zu Ihnen?
Ich hatte zuletzt mehrere Klienten mit heftigen Wutausbrüchen. Sie verloren am Arbeitsplatz die Kontrolle und erschraken sehr, dass sie sich so hatten gehen lassen. Ich konstatiere eine wachsende Wut, die keinen genauen Adressaten hat und keinen gesunden Ausdruck findet. Viele beherrschen sich lange Zeit, aber in ihnen sieht es aus wie in einem Dampfkochtopf: Irgendwann wird der Druck zu gross und sie explodieren. Andere ziehen sich in ihrer Hilflosigkeit zurück und werden depressiv. Durch die Wirtschaftskrise sind viele Menschen in beträchtliche finanzielle Schwierigkeiten geraten, viele Unternehmer, die vor zwei Jahren noch auf Expansionskurs waren, sehen heute keine Möglichkeit mehr, den Konkurs abzuwenden.

Wie können Sie solchen Menschen helfen?
Sobald sich die Panik in Ruhe verwandeln lässt, wird eine Besserung möglich. Natürlich braucht es dann immer noch eine gute Strategie, aber solange die Betroffenen unter grossem Stress stehen, sind sie gar nicht in der Lage, Strategien zu entwickeln. Es gibt relativ einfache Stressmanagement-Techniken wie Atemübungen und bewusste Abgrenzung gegenüber negativen Gedanken; sie helfen uns, in der Gegenwart zu leben. Mittels Neurofeedback können die Gehirnströme besser reguliert werden. In manchen Fällen ist eine kognitive Verhaltenstherapie erforderlich, damit die Betroffenen aus ihrem Teufelskreis herausfinden.

Aus welchem Teufelskreis?
Die meisten vergrössern unbewusst das Drama, indem sie mit Nachbarn und unter Bekannten dauernd über alles Negative sprechen. Und sie saugen schlechte Nachrichten geradezu auf. Es ist bekannt, dass ängstliche Menschen eine Vorliebe für TV- und Radio-Nachrichten haben – statt sich bewusst abzuschirmen, konsumieren sie die täglichen Dramen aus aller Welt und stellen immer wieder fest, wie furchtbar alles ist. Ein weiterer Teufelskreis ist, dass sich Menschen, die unter hohem Druck stehen oder unter Ängsten leiden, oft isolieren – dabei wäre soziale Interaktion ein Schutzfaktor.

Wenn man gemeinsam jammert, bringt das niemanden weiter.
Man muss sich seine Gesprächspartner in Krisenzeiten besonders sorgfältig aussuchen. Ich bin zum Beispiel bekannt dafür, dass ich gar nicht auf das tägliche Gejammer eingehe. Ich habe mich entschieden, eine Mutmacherin und Mentorin zu sein. Die Leute lachen mit mir und sie reden von ihren Projekten, als Klagemauer tauge ich nicht. Wir alle sind heute aufgefordert, nicht noch mehr schlechte Nachrichten in die Welt zu setzen.

Wovon hängt es ab, ob jemand mit Rückschlägen und Krisen gut umgehen kann?
Am Härtesten trifft es oft jene, die durch belastende Erlebnisse in der Kindheit geprägt sind. Ich habe unlängst mit Psychologen in Gaza gesprochen, welche Kriegsopfer betreuen. Sie sagten übereinstimmend: Die stärkste Traumatisierung stellen wir bei jenen fest, welche schwierige Kindheitserlebnisse verdrängen mussten. Hier in Savannah betreue ich Irak-Rückkehrer und ich stelle das Gleiche fest. Es können 50 Leute vom gleichen schrecklichen Ereignis betroffen sein, den meisten gelingt es, nach einer ersten Schock- und Stressphase das Erlebte zu verarbeiten. Ein kleiner Teil geht am Trauma kaputt – in der Regel jene, die noch viel Unverarbeitetes mit sich herum schleppen.

Sehen Sie Parallelen zum gewöhnlichen Berufsleben?
Ja. In belastenden Zeiten wird die Selbstreflexion noch wichtiger – leider ist sie in unserer gestressten Gesellschaft nicht sehr verbreitet. Wer unter Daueranspannung lebt und arbeitet, hat keine Reserven. Es ist sehr wichtig, regelmässig in sich hineinzuhorchen, sich zu fragen: Was ist los? Wie geht es mir? Was fühlt sich nicht gut an? Natürlich kann man Tabletten schlucken, wenn man Verspannungen im Nacken und Rücken spürt oder vor jedem Meeting mit Verdauungsproblemen kämpft, aber damit verlagert man das Problem nur. Kürzlich sagte ein Kunde zu mir: «Wenn ich gestresst bin, explodiere ich wegen jeder Kleinigkeit. Ich habe dann keinerlei Kontrolle über meine Worte und Aktionen.» Eine solche Selbstbeobachtung ist der erste Schritt zur Besserung.

Was haben Sie ihm empfohlen?
Die Energie-Psychologie stellt uns einfache Techniken für Stressmanagement zur Verfügung. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, mit den Fingerkuppen auf Akkupunktur-Punkte zu klopfen. Das ist nachweislich wirksam und nimmt den Gestressten das bedrohliche Gefühl, dem Stress machtlos ausgesetzt zu sein. Grosse Betriebe wie die Real Estate Groupe vermitteln ihren Angestellten solche Techniken. Ich bin überzeugt, dass es sich auszahlt, wenn man die Mitarbeiter mit ihrem Stress nicht allein lässt. (Der Bund)

Erstellt: 18.02.2009, 10:24 Uhr

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