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Streit über die letzten Pocken-Viren der Welt

Aktualisiert am 14.05.2011 5 Kommentare

Die USA und Russland verfügen über die letzten Pocken-Virenstämme. Nun sollen die beiden Labors zerstört werden. Experten streiten nächste Woche in Genf darüber, ob die Welt dann tatsächlich sicherer würde.

Hochgefährlich: Pocken-Viren unter dem
Elektronenmikroskop.

Hochgefährlich: Pocken-Viren unter dem Elektronenmikroskop.

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Die Pocken sind eine der tödlichsten Infektionskrankheiten der Welt. Die Erreger werden an zwei Orten auf der Welt künstlich am Leben erhalten – in den USA und Russland. Manche Wissenschaftler argumentieren, die Welt wäre sicherer, wenn auch diese Bestände vernichtet würden.

Bei einem Treffen der Weltgesundheitsorganisation kommende Woche in Genf wollen sich Mitgliedsstaaten zum fünften Mal für eine endgültige Vernichtung des Virus aussprechen. Es sieht einmal mehr danach aus, als würde eine endgültige Entscheidung verschoben. Die USA und Russland argumentieren, es sei wichtig, die Pocken unter Verschluss am Leben zu halten, um im Falle einer Bedrohung weitere Tests durchführen zu können. Zudem sollten weitere experimentelle Impfstoffe und Medikamente entwickelt werden.

Die Pocken sind eine der verheerendsten Seuchen der Geschichte der Menschheit. Über Jahrhunderte tötete die Krankheit ein Drittel der Infizierten - darunter auch die britische Königin Maria II. im 17. Jahrhundert. Die Überlebenden blieben von vielen schweren Narben gezeichnet. Der letzte bekannte Fall wurde 1978 aus Grossbritannien gemeldet. Ein Fotograf, der über einem Labor arbeitete, in dem mit Pocken experimentiert wurde, infizierte sich über ein Ventilationssystem.

Keine rechtliche Handhabe

Bereits 1996 verständigten sich die Mitgliedstaaten der WHO darauf, dass die Restbestände der Pocken zerstört werden sollten. Doch bis heute wurde kein endgültiger Beschluss gefasst, dieses auch in die Tat umzusetzen. Dadurch sollten Wissenschaftler die Möglichkeit bekommen, weitere Medikamente zu entwickeln. Doch dieses Ziel ist bereits erreicht: Es gibt zwei Impfstoffe, ein dritter ist in Entwicklung.

Obwohl sich die meisten Mitgliedstaaten der WHO über die Vernichtung verständigt haben, wurde kein Zeitpunkt festgelegt, an dem die Bestände zerstört sein sollen. Zudem hat die Organisation keine rechtliche Handhabe, einen solchen Beschluss auch umzusetzen.

Wissenschaftler uneins

Die Wissenschaftswelt ist derweil geteilter Meinung. Das renommierte Magazin «Nature» sprach sich in einem Leitartikel gegen die Zerstörung der letzten Bestände aus. Wissenschaftler müssten weiterhin die Möglichkeit haben, zu experimentieren, auch um im Fall eines Angriffs mit biologischen Waffen gewappnet zu sein.

Einer der prominentesten Pocken-Bekämpfer spricht sich jedoch für die Vernichtung des tödlichen Pockenvirus aus. «Es wäre eine exzellente Idee die Pocken-Viren zu zerstören», sagt Donald Henderson, der die Anti-Pocken-Kampagne der WHO in den 1970er Jahren leitete.

Ein Bericht einer von der WHO beauftragten, unabhängigen Untersuchungskommission kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass es keine zwingenden wissenschaftlichen Gründe gebe, das Virus am Leben zu erhalten. Henderson, der jetzt am Zentrum für Biosicherheit an der Universität von Pittsburgh arbeitet, sagt, es gebe Methoden wie die Genkarte, mithilfe derer weiter experimentiert werden könne, ohne das Virus am Leben halten zu müssen.

USA halten an Viren-Experimenten fest

Der Leiter der Abteilung für internationale Gesundheitsfragen des US-Gesundheitsministeriums, Nils Daulaire, führt an, die USA würden die WHO erneut darum bitten, die endgültige Entscheidung zur Zerstörung des Virus' zu vertagen. Zur Begründung verweist Daulaire darauf, dass US-Wissenschaftler mehr Zeit für die Erforschung der Wirksamkeit der Medikamente bräuchten. Zudem bräuchten die USA einen eigenen Vorrat, für den Fall eines terroristischen Angriffs mit biologischen Waffen.

Der Experte für Pocken an der Universität Alberta, David Evans, der vor mehreren Jahren für die WHO sowohl die amerikanischen als auch die russischen Einrichtungen inspizierte, in denen das Virus gelagert wird, sagt, er glaube nicht, dass das Virus aus den Einrichtungen entweichen könne.

Das Virus wird in den USA am Zentrum für Prävention und Kontrolle von Infektionskrankheiten in Atlanta und in Russland am staatlichen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie in Nowosibirsk in Sibirien gelagert. Die Laboratorien, an denen geforscht wird, erfüllen die höchsten Sicherheitsstandards. Unter anderem betreten Wissenschaftler ein Labor erst nach einem Scan ihres Fingerabdrucks oder nachdem eine Netzhaut-Erkennung erfolgt ist.

Terrorangriff mit Pocken unwahrscheinlich

Gerüchte über Bestände in Staaten wie dem Irak oder Nordkorea konnten nie bestätigt werden. Evans sagt, es sei viel zu schwierig mit Pocken zu experimentieren und das dann auch noch geheim zu halten. «Die Nationen, bei denen ich mich sorgen würde, seltsame Orte, an denen schräge Diktatoren herrschen, sind einfach nicht in der Lage, diese Sachen zu machen», sagt Evans.

Auch ein Terrorangriff mit Pocken sei unwahrscheinlich. «Wenn man ein Land destabilisieren will, gibt es eine Menge einfacherer Methoden, das zu tun, als mit etwas so gefährlichem zu hantieren», ist sich Evans sicher. (Maria Cheng, dapd)

Erstellt: 14.05.2011, 17:05 Uhr

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5 Kommentare

Berthold Siegenthaler

14.05.2011, 17:49 Uhr
Melden 22 Empfehlung 0

Ich bin für die Vernichtung der letzten Pockenbestände. Die Welt hat dann einen Grund zum Feiern! Alle Staaten dürfen sich freuen, es würden Konflikte entschärft und neue Freundschaften geschlossen. Kurz gesagt: Ich würde das aufgleisen als Riesenfest der Menschheit. Antworten


ali kazemi

14.05.2011, 17:56 Uhr
Melden

Ich traue die Amerikaner und die Russen nicht, die wollen sich Vorteile verschaffen, in dem sich eines Tages bei eventuellen kriegerischen Auseinandersetzungen ihre Viren einsetzen können! Antworten



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