«Schockierend gute Neuigkeiten»
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 11.09.2011 29 Kommentare
Artikel zum Thema
Forscher und Bestsellerautor
Steven Pinker (57) ist Professor für Psychologie an der Harvard-Universität. Seit den 90er-Jahren hat er mit seinen Forschungen zu Sprache und Bewusstsein, insbesondere dem von ihm vermuteten «Sprachinstinkt», die Linguistik und die kognitive Psychologie massgeblich beeinflusst. Pinker hat etliche Bestseller verfasst, darunter «Wie das Denken im Kopf entsteht» (2002). Im Oktober erscheint sein neues Buch «Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit» (Fischer-Verlag). Gemäss «Time»-Magazin zählt Pinker zu den 100 bedeutendsten Denkern und Wissenschaftlern der Gegenwart. (lnz)
Gewaltforschung
Das Historische Institut der Universität Bern eröffnet heute Mittwoch eine Konferenz zur Gewaltforschung. In 30 Beiträgen untersuchen Forscher aus Europa und Nordamerika zwischenmenschliche Gewalt als gesellschaftliches und kulturelles Phänomen in Vergangenheit und Gegenwart. Die Tagung «Making Sense of Violence?», organisiert von Joachim Eibach, Professor für Geschichte an der Universität Bern, dauert bis Sonntag.
Das Referat von Steven Pinker findet heute, 19 Uhr, im Haus der Universität Bern, Schlösslistrasse 5, statt. (lnz)
www.philhist.unibe.ch
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Korrektur-Hinweis
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Erzählen Sie Ihren Studenten oft von den guten alten Zeiten?
Meine Güte, nie! Die guten alten Zeiten waren schrecklich.
Warum?
Es gab viel mehr Kriege, Pogrome und Genozide. Mord, Totschlag und Folter waren an der Tagesordnung, ebenso Gewalt gegen Frauen, Kinder und Tiere. Minderheiten wurden verfolgt, gequält und ausgerottet.
Angesichts der Krisen aus jüngster Vergangenheit wie in Ruanda, dem ehemaligen Jugoslawien oder Darfur fällt es schwer zu glauben, dass früher mehr Gewalt herrschte.
Ich weiss, das sind schockierend gute Neuigkeiten.
Worauf stützen Sie Ihre Aussage?
Auf eine Vielzahl von historischen Datensätzen. Für manche Regionen in Europa reichen die Aufzeichnungen zu Gewaltakten bis ins Mittelalter zurück. Sie zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, durch die Einwirkung einer anderen Person zu sterben, seit dem Mittelalter um das Zehn- bis Hundertfache abgenommen hat. Ausserdem wurden viele institutionalisierte Gewaltakte in diesem Zeitraum verboten oder abgeschafft. Etwa Menschenopfer, Sklaverei, Folter und Zerstümmelung als Bestrafung für Diebstahl und das Kritisieren von Machthabern.
Was sind Ihre statistischen Grundlagen für die jüngere Vergangenheit?
Seit 1946 erheben internationale Organisationen die Zahl der Opfer in bewaffneten Konflikten. Auch hier ist das Bild eindeutig: Wurden in den 50er-Jahren noch durchschnittlich 65 000 Menschen pro Krieg und Jahr zu Opfern von zwischenstaatlichen Konflikten, zählten NGO 2006 nur noch durchschnittlich 2000 Opfer pro Krieg und Jahr. Ferner beweisen Statistiken des FBI, dass Delikte gegen Leib und Leben immer seltener vorkommen.
Im Grunde genommen zählen Sie Leichen.
Genau.
Gewalt ist doch ein zu komplexes Phänomen, als dass man es einfach auf Mord und Totschlag verkürzen könnte.
Das trifft sicher zu. Doch erstens wissen wir, dass geringere Übergriffe stark mit der Zahl von Tötungsdelikten korrelieren. Wo die Mordrate hoch ist, gibt es in der Regel auch viel Körperverletzung, Vergewaltigung, Kidnapping und Raub. Zweitens muss man die Quellenlage einbeziehen. Bei Vergewaltigungen muss von einer enormen Dunkelziffer ausgegangen werden. Bei Morden ist die Sache hingegen eindeutig: ein Axthieb in der Schädeldecke – voilà. Eine Leiche ist eine Leiche. Das ist ein grosser Vorteil für die Wissenschaft.
Wo zeichnet sich dieser Rückgang der Gewalt erstmals ab?
Die Vorreiter waren England und Holland, dort zeigt sich bereits im 15. Jahrhundert eine Verringerung der Mordraten. Mit einiger Verzögerung folgten andere europäische Staaten und Nordamerika. In Asien und Afrika ist dieser Prozess erst im 19. und 20. Jahrhundert in Gang gekommen.
Gibt es Regionen, in denen die Gewalt nicht rückläufig ist?
Ja, etwa das Horn von Afrika. Hier haben sich Krisen chronifiziert, es gibt gescheiterte Staaten, es herrschen archaische Strukturen bis hin zur Anarchie.
Lässt sich die These vom Rückgang der Gewalt selbst für das 20. Jahrhundert mit seinen Vernichtungskriegen aufrechterhalten?
Erstaunlicherweise ja. Es ist keineswegs meine Absicht, die Verbrechen von Hitler, Stalin und Mao zu relativieren. Aber man muss bedenken: Die Weltbevölkerung ist seit dem Mittelalter massiv gewachsen. Wären die Kriege des 20. Jahrhunderts ähnlich blutig gewesen wie die Konflikte zwischen Stammesgesellschaften im präkolonialen Afrika und Lateinamerika, hätten ihnen nicht 100 Millionen, sondern rund 2 Milliarden Menschen zum Opfer fallen müssen.
Es gibt auch strukturelle Gewalt, etwa Hungersnöte.
In meiner Untersuchung schliesse ich alle Nahrungsengpässe mit politisch-ökonomischen Hintergründen ein. Etwa die grosse Hungersnot in China während Maos «Sprung nach vorn» oder Stalins Hunger-Holocaust in der Ukraine. Wo humanitäre Katastrophen durch Missernten bedingt sind, verzichte ich auf eine Berücksichtigung. Dieses Phänomen lässt sich nicht mit dem Gebrauch physischer Gewalt vergleichen.
Wo liegen die Gründe für diesen Rückgang?
Erstens beim modernen Staat. Fast überall geht das Absinken der Mordrate mit der Durchsetzung eines Gewaltmonopols und der Etablierung von rechtsstaatlichen Institutionen einher. Wo diese fehlen, herrscht die Logik der Anarchie: Vernichte dein Gegenüber, bevor es dich vernichtet.
Und weiter?
Der zweite Faktor ist die Marktwirtschaft. Sie kreiert Anreize zur Kooperation. Das heisst, es zahlt sich aus, mit anderen Menschen zusammenzuspannen. Wer sein Gegenüber tötet, muss auf diese Kooperationsrendite verzichten. Es ist purer Eigennutz.
Was ist mit Bildung?
Zweifellos ist die Qualität der Bildungsangebote sehr wichtig. Es ist ohnehin schwierig, die einzelnen Faktoren isoliert zu betrachten. Während sich in Somalia alle negativen Einflüsse verklumpen – Korruption, Armut, Unterdrückung der Frauen, ein gescheiterter Staat –, kommen in einem schönen Land wie der Schweiz alle guten Dinge zusammen.
Weshalb ist denn die Ansicht so verbreitet, dass die Welt immer schlimmer wird?
Einerseits sind unsere Standards enorm gestiegen. Vor hundert Jahren kümmerte es niemanden, wenn sich afrikanische Völker niedermetzelten. Heute ist das anders: Die Politik, die Medien, die Hilfsorganisationen, die Öffentlichkeit – alle sind sofort zur Stelle, verurteilen das Blutvergiessen und erwirken in aller Regel eine rasche Einstellung der Gewalt.
Und andererseits?
Andererseits sind wir Opfer einer kognitiven Illusion. Wir errechnen permanent die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt. Dabei lassen wir uns davon leiten, wie einfach es ist, ein solches Ereignis in Erinnerung zu rufen. Szenen von exzessiver Gewalt brennen sich tiefer in unser Gedächtnis ein als Bilder von alten Menschen, die friedlich entschlafen. Unsere Erinnerungen sind verzerrt. Deshalb überschätzen wir die Gefahr, die da draussen lauert.
Was können wir gegen diese Täuschung unternehmen?
Nicht viel. Es gibt immer genügend Gewalt, um damit die Abendnachrichten zu füllen.
Sie sind Linguist und Evolutionspsychologe. Sind Ihre Ergebnisse nun der Beweis dafür, dass es das Böse im Menschen doch nicht gibt?
Das Böse ist ganz bestimmt Teil der menschlichen Natur, ebenso wie das Gute. Spannend ist doch aber, wie sich diese beiden Neigungen zueinander verhalten. Meine Feststellung ist, dass seit dem Beginn der Aufklärung das Gute das Böse immer mehr überwiegt.
Heisst das, dass wir irgendwann den totalen Frieden haben werden?
Da bin ich eher skeptisch. Aber die Zukunft ist auch nicht mein Fachgebiet. (Der Bund)
Erstellt: 07.09.2011, 08:16 Uhr
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29 Kommentare
Schlechte nachrichte für alle populisten. Die leben von schlechten nachrichten und von verunsicherung; probieren ein ständiges gefühl der unsicherheit zu festigen.
Der artikel erwähnt die aufklärung. Es wird zeit dass sich (vor allem Europa) wieder selbstbewusst als ursprung der aufklärung sieht und deren werte wieder (be)lebt. Darauf kann Europa stolz sein.
Antworten
einer der ganz seltenen artikel die meine rede stützen. ich fühle mich vielfach äusserst einsam wenn ich vertrete die welt sei friedlich als früher und ich möchte keine minute früher geboren worden sein. ich freue mich zudem massiv über die gestiegene lebenserwartung, auch wenn das nicht für alle bürger dieser welt gilt. Antworten
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