Neue Therapie gegen multiple Sklerose
Von Anke Brodmerkel. Aktualisiert am 25.08.2010 5 Kommentare
Wirkstoffe gegen das mysteriöse Nervenleiden
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch genetische und Umwelteinflüsse verursacht wird. Sie ist der häufigste Grund für körperliche Behinderungen bei jungen Erwachsenen. Schätzungen zufolge sind weltweit 2,5 Millionen Menschen an MS erkrankt, wobei Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer betroffen sind.
Behandelt wird die schubförmige MS derzeit vor allem mit Interferon Beta oder dem Wirkstoff Glatirameracetat (Handelsname: Copaxone) und, bei einem akuten Schub, mit Kortisonpräparaten. Patienten, bei denen die MS trotz dieser Therapie hochaktiv ist, kann der Antikörper Natalizumab (Handelsname: Tysabri) verschrieben werden.
Tysabri wurde Anfang 2005, nur drei Monate nach seiner Erstzulassung in den USA, aufgrund dreier Todesfälle, die sich bei der Therapie ereignet hatten, vorübergehend vom Markt genommen. Anderthalb Jahre später erhielt der Antikörper eine zweite Chance, da er mindestens doppelt so wirksam ist wie Interferon.
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Wer krank ist, nimmt Tabletten ein. Das klingt für die meisten Patienten hierzulande weder überraschend noch sonderlich erstrebenswert. Ganz anders bei Menschen mit multipler Sklerose (MS): Sehr viele von ihnen sehnen den Tag herbei, an dem das erste Medikament auf den Markt kommen wird, das nicht per Spritze oder Infusion verabreicht wird, sondern geschluckt werden kann.Dieser Tag scheint nun in nicht mehr allzu weiter Ferne zu liegen.
Vor zwei Monaten hat der Pharmakonzern Novartis für seine MS-Tablette Gilenia zumindest in den USA eine wichtige Zulassungshürde genommen: Ein Beraterausschuss der US-Arzneimittelbehörde FDA empfahl das Medikament mit dem Wirkstoff Fingolimod einstimmig zur Zulassung. Zwar ist die FDA an die Vorgabe des Gremiums nicht gebunden, doch in der Regel folgt sie ihr. Die endgültige Entscheidung soll am 21. September fallen.
Kaum Vorhersagen möglich
Zwei Studien hatten zuvor gezeigt, dass die Tabletten bei einer schubförmigen MS nicht nur einem Placebo überlegen sind, sondern auch besser wirken als eines der gängigen Interferon-Präparate. Ludwig Kappos, der Leiter der Neurologischen Klinik und Poliklinik am Universitätsspital Basel, war an beiden Studien entscheidend beteiligt. Er vermutet, dass Gilenia auch in der Schweiz noch dieses Jahr auf den Markt kommt.
Bei Patienten mit MS gehen die schützenden Hüllen der Nervenfasern zugrunde. Dadurch können die Nervenzellen ihre Signale nicht mehr kontrolliert übermitteln. Die Folgen sind Sehstörungen, Taubheits- und Kribbelgefühle, später auch Muskellähmungen. Die Krankheit verläuft zumindest anfangs in Schüben. Wann der nächste Schub kommt, weiss niemand: Es gibt Patienten, die nach kurzer Zeit im Rollstuhl sitzen, und solche, denen jahrzehntelang kaum etwas anzumerken ist.
Ebenso wenig, wie die Ärzte den Verlauf der MS vorhersagen können, wissen sie, was genau ihre Symptome auslöst. Zwar gehen die meisten Experten davon aus, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, bei der Immunzellen die Hüllen der Nervenfasern attackieren. Bewiesen ist das aber nicht. Dennoch scheint es den Betroffenen zu helfen, wenn bei ihnen bestimmte Immunzellen, die Lymphozyten, in Schach gehalten werden. Genau das tun die Tabletten Gilenia und Cladribin.
Risiken und Nebenwirkungen
Cladribin ist ein weiterer Hoffnungsschimmer am Horizont der MS-Patienten. Der Wirkstoff des Pharma- und Chemiekonzerns Merck, der in der Krebstherapie bereits eingesetzt wird, soll ebenso wie Gilenia schon bald als Tablette auf den Markt kommen. Anders als Gilenia, die täglich geschluckt wird, muss Cladribin nur an wenigen Tagen im Jahr eingenommen werden. Das klingt bequem, bedeutet aber auch, dass unerwünschte Effekte der Arznei nicht so rasch abzustellen sind.
Und mit Nebenwirkungen muss bei den neuen Medikamenten durchaus gerechnet werden. In den Zulassungsstudien diagnostizierten die Ärzte etwa ein vermehrtes Auftreten von teilweise schweren Gürtelrosen. Darüber hinaus verursachten die Tabletten bei manchen Patienten Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Erkrankungen der Netzhaut und eine Verschlechterung der Leberwerte. Auch einige seltene Tumorerkrankungen traten auf.
80 Prozent bleiben schubfrei
Das ist offenbar der Tribut, der für die bequemere Einnahme und die gute Wirksamkeit dieser Arzneien zu zahlen ist. In den drei Zulassungsstudien, die das Fachblatt «New England Journal of Medicine» (NEJM) im Februar veröffentlichte, wurden beide Wirkstoffe mit einem Scheinmedikament und Fingolimod zudem mit einem Interferon-Präparat verglichen. An den Untersuchungen waren jeweils gut 1000 Patienten mit schubförmiger MS beteiligt.
In der knapp zwei Jahre dauernden Cladribin-Studie stellte sich heraus, dass der Wirkstoff die Schubrate gegenüber dem Placebo um mehr als 50 Prozent reduziert. Fast 80 Prozent der Patienten, die Cladribin eingenommen hatten, blieben bis zum Studienende schubfrei. Die Fingolimod-Studie erzielte ähnlich gute Ergebnisse. In der dritten, einjährigen Untersuchung zeigte sich zudem, dass eine Behandlung mit Fingolimod einer Interferon-Therapie klar überlegen ist.
«Patienten, die auf Interferon-Präparate gut ansprechen und nicht unter den Injektionen leiden, sind dennoch gut beraten, ihre jetzige Behandlung weiterzuführen», sagt Ludwig Kappos: «Schon allein wegen unserer fast 20-jährigen Erfahrung mit diesen Medikamenten.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.08.2010, 21:13 Uhr
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5 Kommentare
Schade, dass die oralen MS-Basismedikamente Invalidisierung durch MS nicht verhindern. Hauptvorteil: Wie zuvor braucht sich niemand zu fragen, welche Art von Schädigung des Zentralnervensystems bei der MS vorliegt - und ebensowenigso das MRI des MS-Kranken auf (etwa eine bestimmte venöse) Art und Form der Schadensausbreitung zu studieren. Medikamentenstempel aufs Rezept, und damit basta. Antworten
Dass die herkömmlichen pharmazeutischen Produkte wie Interferon, Natalizumab oder Copaxone möglicherweise nicht wirken, wird von immer mehr seriösen und groß angelegten Studien bewiesen. Die Nebenwirkungen sind beträchtlHich. Hingegen werden in Deutschland die aufschlussreichen Forschungen, die sich mit dem eindeutig bestehenden Zusammenhang von venöser Insuffizienz und MS beschäftigen, missachtet Antworten
Und wie steht es mit den Substanzen aus den Olivenblättern? Das INIMS in Hamburg hat schon vor drei Jahren in klinischen Vorstudien festgestellt, dass deren Phenole (Oleuropein und Hydroxytyrosol) neuroprotektive Wirkung und eine gute Verträglichkeit bei MS haben. Weshalb wird dies nicht einmal erwähnt? Weil die Pharmaindustrie kein Interesse an natürlichen Produkten hat. Kein Profit. Basta! Antworten
Das sind wichtige medizinisch-therapeutische Neuigkeiten für viele Tausend Patienten in Europa und Nordamerika, wo die MS nicht so selten ist wie man meint. Novartis zeigt mit Fingolimod seine erstklassige Forschungskompetenz. Nur wenige Firmen weltweit sind zu so einer Entwicklung befähigt, deren Kosten in die hunderte von Millionen gehen. Antworten
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Nicolas Treyvaud
Es wird immer über die MS mit Schüben gesprochen. Wie verhält sich das Mittel mit MS die schleichend ist? MfG. Nicolas Treyvaud Antworten