Magie in Kugelform?

Von Martina Frei. Aktualisiert am 28.08.2010

Was die Kritiker gegen die sanfte Medizin ins Feld führen, beruht auf Halbwissen, behauptet die homöopathische Ärztin und Journalistin Martina Frei.

Die Ausgangssubstanz ist oft sehr verdünnt: Globuli, für Kritiker genauso wirksam wie Zuckerpillen.

Die Ausgangssubstanz ist oft sehr verdünnt: Globuli, für Kritiker genauso wirksam wie Zuckerpillen.
Bild: Keystone

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Die Ausgangssubstanz ist oft sehr verdünnt: Globuli, für Kritiker genauso wirksam wie Zuckerpillen. (Bild: Keystone )

Verdünnt man Wirkstoffe, verlieren sie an Kraft. Das ist die allgemeine Erfahrung. Als homöopathische Ärztin habe ich früher aber auch andere gemacht.

Da war zum Beispiel der Patient, der wissen wollte, was genau in den Globuli stecke, die ihm gut geholfen hätten. «Eine Biene», antwortete ich. Der Patient schüttelte den Kopf: «Das war keine Biene», sagte er überzeugt. «Das war eine Hummel.» Ich fiel vor Erstaunen fast vom Stuhl. Zoologisch gehören Hummeln zur Gattung der Bienen. Sie sind den Honigbienen sowohl biologisch als auch in homöopathischer Hinsicht nah verwandt. Tatsächlich hatte der Patient homöopathisch zubereitete «Hummel» in Globuliform erhalten: in einer Verdünnung von 1030. Darin ist kein einziges Molekül der Ausgangssubstanz mehr enthalten.

Alternative zur Schulmedizin

Wie kam er nur darauf? So fragte ich ihn. Seine Antwort: «Es hat sich so angefühlt.» Wie der Mann den feinen Unterschied differenzieren konnte, ist mir ein Rätsel. Er hatte weder seine Krankenakte eingesehen noch kannte er sich mit der Homöopathie aus. Unter mehreren Tausend verschiedenen homöopathischen Mitteln nannte er ausgerechnet die selten verabreichte «Hummel». Ein Zufall? Oder ein Beweis, dass Globuli wirken?

Nebst solchen Erlebnissen könnte ich auch Krankheitsfälle aus der Praxis anführen, wo Globuli jahrelange Leiden beseitigten, die schulmedizinisch erfolglos behandelt worden waren: Chronischer Husten, rätselhafte Fieberschübe, übermässig starke Menstruation und anderes mehr verschwanden dank homöopathischer Mittel in einer Verdünnungsstufe jenseits der chemischen Nachweisbarkeit. Nach Monaten kehrten die Beschwerden zurück, die Patienten schluckten nochmals ein paar Globuli zum Preis von wenigen Rappen ? und hatten wieder Ruhe.

Absurde Beispiele

All das interessiert die Anti-Globuli-Fraktion nicht. Sie fordert einwandfreie Studien, welche die Wirkung der Homöopathie beweisen. Solche gibt es – aber es sind zu wenige, um Skeptiker zu überzeugen. Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Versuche zur Homöopathie ist gescheitert (und über die Gründe dafür könnte man eine ganze Seite schreiben).

Andere Argumente der Kritiker sind indes absurde Beispiele, bei denen seriösen Homöopathen die Haare zu Berge stehen: Wer statt einer regulären Malaria-Prophylaxe vorbeugend Chinarinde-Globuli einnimmt, hat die Homöopathie nicht verstanden. Und wer einem Ertrunkenen homöopathische Mittel gibt, statt Erste Hilfe zu leisten, gehört aus dem Verkehr gezogen. Dass viele Menschen in Eigenregie Globuli einwerfen, ist ebenso wenig im Sinn der Methode. Solches ins Feld zu führen, belegt nicht den Unsinn der Homöopathie. Sondern das Halbwissen der Kritiker und ihre mangelnde Bereitschaft, sich auf die Materie einzulassen.

Was die Erfahrung zeigt

Die Schwachpunkte der Homöopathie liegen woanders: Ich könnte etliche Krankheitsfälle aufzählen, wo Globuli nichts gebracht haben (das könnte ich allerdings auch als einstige «Schulmedizinerin»). Bei bestimmten Krankheiten sah ich homöopathisch kaum je Erfolge. Und je stärker der Homöopath selbst zweifelt, so meine Erfahrung, desto weniger reüssiert er.

Manche Homöopathen verbieten den Patienten Kaffee und mentholhaltige Zahnpasta, weil diese die Wirkung der Globuli stören könnten ? andere erlauben beides und haben genauso Erfolg. Auch das zum Patienten passende Mittel ist von Homöopath zu Homöopath verschieden. Ist also an den Globuli nichts dran? Ich weiss es nicht. Die Ergebnisse der Studien stehen im Widerspruch zu Erfahrungen in der Praxis. Was ich aber aus hausärztlicher Erfahrung weiss: Das System Homöopathie funktioniert. Es hilft vielen und kostet wenig.

* Martina Frei war homöopathische Ärztin und TA-Redaktorin. Heute ist sie Chefredaktorin der «Tierwelt».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2010, 07:54 Uhr

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