Ein reizender Ehemann
Von Martina Frei. Aktualisiert am 19.02.2010
Zuerst hatte die 19-Jährige das Gefühl, ihre Nase sei verstopft. Ihre Kopfhaut begann zu beissen. Stunden später schmerzten die Finger-, Hand- und Ellbogengelenke. Danach schwollen ihre Augenlider an. Schliesslich breitete sich ein Hautausschlag über den ganzen Körper aus. Und dann kam der Durchfall. Vier bis fünf Tage litt die Frischvermählte jeweils. Das Ganze sah nach einer Typ-III-Allergie aus, bei der sich Komplexe aus vielen Antikörpern und allergieauslösenden Substanzen bilden. Sie zirkulieren im Blut und können sich auch in Geweben ablagern. Das löst die Immunreaktion und die Beschwerden aus. Doch worauf reagierte die junge Frau so allergisch? Ein Test brachte es ans Licht. Ihr Mann versetzte sie in Aufruhr. Genauer gesagt: der Sex mit ihm. Die Patientin war allergisch gegen das Sperma ihres Gatten. Die 19-Jährige ist eine der Patientinnen, bei denen die Ärzte eine «Sex-Allergie» diagnostizierten.
Nach dem Sex ins Spital
Manche brennt es «nur» an intimen Stellen. Andere kippen nach dem Geschlechtsverkehr fast in den allergischen Schock, ringen nach Luft, brauchen Notfallmedikamente oder müssen gar ins Spital. Die grosse Mehrheit neigt auch zu anderen Allergien, zu Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis. Auslöser ist jeweils das Ejakulat. Vermutlich stammen die allergieauslösenden Substanzen aus der Prostata. Unmittelbar während des Beischlafs oder auch erst Stunden später setzen die Symptome ein, bei manchen werden sie von Mal zu Mal heftiger.
Als Therapien bieten sich an: Ins Kloster gehen. Oder den Partner wechseln. Manchmal verursacht Sex mit einem anderen Mann nämlich keine Beschwerden. Falls das nicht geht: Kondome benützen – allerdings sind mindestens zwei Fälle bekannt, bei denen die Betroffenen sowohl gegen das Ejakulat als auch gegen Latex allergisch waren. Doch was tun, wenn die Frau schwanger werden möchte? In diesem Fall kann nur eine Hyposensibilisierung helfen. Dabei wird stark verdünntes Ejakulat-Plasma in ansteigender Konzentration unter die Haut oder in die Vagina gespritzt. Gut zu bewähren scheinen sich sogenannte «Rush»-Therapien, die den Vorteil haben, dass sie meist innerhalb eines Tages abgeschlossen sind, jedoch den Nachteil, dass in dieser Zeit teils in Abständen von 20 Minuten gespritzt wird. Damit der Effekt anhält, müssen sich die erfolgreich Hyposensibilisierten in bestimmten Abständen wieder spritzen lassen. Oder aber regelmässig mindestens dreimal pro Woche Sex haben – und da sind auch die Partner gefordert: Solange sie alle 24 bis 48 Stunden mit ihrem Partner schlief, geschah einer jungen Frau nichts. Kaum jedoch pausierte sie zehn Tage lang, juckte sie ihr Partner wieder. Die 19-jährige Frischvermählte löste ihr Problem, indem sie zwei Jahre lang zu Kondomen griff. Dann reizte sie ihr Ehemann – im übertragenen Sinn – nicht länger. Die Allergie war abgeflaut, das Problem hatte sich von selbst erledigt. Quellen: - J. Lee et al., »Anaphylaxis to husband’s seminal plasma and treatment by local desensitization«. Clinical and Molecular Allergy 2008, Bd. 6, S. 13 - N. Mike et al., »A new manifestation of seminal ?uid hypersensitivity«. QJM An International Journal of Medicine 1990, Bd. 75, S. 371–376, zit. nach Shah/Panjabi (s. u.) - G. C. Nist, P. v. d. Driesch, »Human seminal plasma allergy – a rare cause of recurrent anaphylaxis«. Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft 2007, Bd. 5, S. 34–36 - A. Shah, C. Panjabi, »Human seminal plasma allergy: a review of a rare phenomenon«. Clinical & Experimental Allergy 2004, Bd. 34, S. 827–838 (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.02.2010, 17:14 Uhr






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