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Ein neues Leben dank Hirnschrittmacher

Von Viviane Bühr. Aktualisiert am 30.03.2009

Rafija Kurtisi konnte sich kaum mehr bewegen, so steif waren ihre Muskeln durch die Parkinson-Krankheit. Eine Gehirnoperation gab ihr Freiheit und Selbständigkeit zurück.

Die Patientin freut sich mit ihrer Enkelin, dass sie wieder Äpfel schälen kann.

Die Patientin freut sich mit ihrer Enkelin, dass sie wieder Äpfel schälen kann.
Bild: Thomas Burla

Lage des Hirnschrittmachers.

Lage des Hirnschrittmachers. (Bild: Metronic (Schweiz))

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Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson

Parkinson ist eine langsam fortschreitende Erkrankung des Nervensystems und wird durch das Absterben von Nervenzellen im Mittelhirn ausgelöst. Diese produzieren den Nerven-Botenstoff Dopamin. Der Dopamin-Mangel führt zu den typischen Bewegungsstörungen Muskelstarre, Zittern und Bewegungsarmut. In der Schweiz sind etwa 15'000 Menschen von Parkinson betroffen. Die Ursache der Krankheit ist unbekannt.

Ein Hirnschrittmacher besteht aus einem Stimulator mit Batterie, der über ein Kabel unter der Haut mit zwei Elektroden verbunden ist, die in die linke und rechte Gehirnhälfte hineinragen. Diese feuern elektrische Impulse in den so genannten subthalamischen Nukleus und normalisieren die Aktivität der umliegenden Nervenzellen, die durch den Dopaminmangel aus dem Takt geraten sind.

Der Hirnschrittmacher verbessert so Bewegungsstörungen, nicht aber die kognitiven Veränderungen im Gehirn. Je nach Krankheitsverlauf kann ein Hirnschrittmacher die Lebensqualität während mehreren Jahren wesentlich verbessern. Neben dem Unispital Zürich setzen auch das Inselspital Bern sowie die Universitätsspitäler Lausanne und Basel und das Kantonsspital St.Gallen Hirnschrittmacher ein.

Zusammengekauert sitzt sie auf ihrem Stuhl, den Kopf gesenkt, die Hände reglos im Schoss. Als der Arzt Rafija Kurtisi zum Gehen auffordert, durchquert sie in kleinen, unsicheren Schritten den Raum. Zum Wenden rotiert sie wie ein Roboter ganz langsam um ihre eigene Achse. Müde und traurig fühle sie sich, erklärt sie.

Zwei Wochen später sitzt die Patientin bequem auf ihrem Stuhl. Sie plaudert, gestikuliert, wirkt fröhlich. Auf Anweisung steht sie auf und marschiert in normalem Tempo die Treppe hinunter und wieder hinauf. Die 57-Jährige strahlt in die Kamera. Ein hübsch gewickeltes Kopftuch schmückt ihren kahlrasierten Kopf und verdeckt die Narben.

Für Aussenstehende ist kaum zu glauben, dass es sich bei diesen Videoaufnahmen um dieselbe Person handelt. Grund für die fundamentale Veränderung ist ein Hirnschrittmacher. Das Gerät, das der Parkinson-Patientin kürzlich am Universitätsspital Zürich implantiert wurde, hat sie innert weniger Tage praktisch symptomfrei gemacht und ihr «ein zweites Leben geschenkt», wie Rafija Kurtisi sagt.

Mehr Lebensqualität

Unter den chirurgischen Behandlungsmöglichkeiten sind Hirnschrittmacher die Methode der Wahl, wenn Parkinson-Medikamente Beschwerden wie etwa das Zittern nicht mehr genügend kontrollieren, oder wenn die langjährige Einnahme des klassischen Parkinson-Medikaments L-Dopa zu Nebenwirkungen wie ständigen unkontrollierten Bewegungen führt.

Dies sei nach einigen Jahren bei vielen Parkinson-Patienten der Fall, sagt Christian Baumann, Neurologe am Universitätsspital Zürich. Er betreut die Patientin seit mehreren Jahren und überzeugte sie von der Operation. «Herr Doktor Baumann sagte, ich sei die ideale Kandidatin, und die Operation sei die Behandlung mit den besten Erfolgsaussichten», erzählt Kurtisi. Anfangs habe sie grosse Angst vor Komplikationen gehabt. Auf sanften Druck der Familie gab sie schliesslich nach, denn «mein Zustand konnte nur noch besser werden».

Tatsächlich verringern Hirnschrittmacher die Bewegungsstörungen bei den meisten Parkinson-Patienten wesentlich, wie zahlreiche wissenschaftliche Studien bestätigen. Die Medikamentendosis kann meist halbiert werden, was Nebenwirkungen verschwinden lässt.

Eine im Januar in der amerikanischen Ärztezeitung veröffentlichte Studie zeigt, dass die Wirkung eines Hirnschrittmachers der aussschliesslich medikamentösen Therapie überlegen ist – wenn für die Operation geeignete Patienten ausgewählt wurden. Verglichen mit einer medikamentös optimal behandelten Gruppe litt die Hirnschrittmacher-Gruppe nach dem Eingriff zunächst dreimal häufiger unter Stürzen, Bewegungsstörungen oder Depressionen. Knapp die Hälfte der Operierten hatte mit solchen Nebenwirkungen zu kämpfen. Auch Hirnblutungen oder Infektionen traten gehäuft auf.

Mit der richtigen Einstellung des Hirnschrittmachers klangen die meisten dieser unangenehmen Folgen aber nach wenigen Monaten ab. Ein halbes Jahr nach der Operation stuften die Hirnschrittmacher-Patienten ihre Lebensqualität wesentlich höher ein als die Patienten in der Medikamenten-Gruppe. Eine grosse europäische Studie ermittelt nun, ob Hirnschrittmacher bereits in einem früheren Krankheitsstadium eingesetzt werden sollen.

Nicht jeder Patient eignet sich

«Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Operation ist die enge Zusammenarbeit von Neurochirurgen, Neurologen und weiteren Spezialisten», sagt der Neurochirurge Oguzkan Sürücü, der Rafija Kurtisi operierte. Zudem sei nicht jeder Parkinson-Patient auch ein Hirnschrittmacher-Kandidat. Für Patienten mit einer Depression oder anderen psychischen Erkrankungen, einer Demenz sowie ältere Personen bringe die Operation vermutlich keine Vorteile. Zudem würden nur Patienten, die auf L-Dopa reagierten, vom künstlichen Strom im Kopf profitieren. Rafija Kurtisi habe alle diese Voraussetzungen erfüllt.

Die Mutter von vier Kindern war Mitte 40, als sie plötzlich den linken Arm und das linke Bein nicht mehr gleich schnell und flüssig bewegen konnte. Da sie im Reinigungsdienst arbeitete, dachte sie erst an eine Überbeanspruchung. Der Hausarzt schickte sie sofort zum Neurologen, der die Befürchtung des Hausarztes bestätigte: Parkinson. Nach zehn Jahren hatte sich Kurtisis Zustand trotz starker Medikamente massiv verschlechtert. Sie litt unter einer allgemeinen Verlangsamung und einer Muskelsteife, die grosse Schmerzen verursachte, sowie unter schweren Nebenwirkungen der Medikamente.

Am Dienstag liegt die Operation zwei Monate zurück. Rafija Kurtisi erinnert sich noch genau an den siebenstündigen Eingriff, denn der erste Teil fand unter lokaler Betäubung statt. «Als Oguzkan Sürücü die Schädeldecke durchbohrte, klapperten mir vor Angst die Zähne», sagt sie. Doch Mechtild Uhl, die Parkinson-Krankenschwester, hätte ihr die ganze Zeit die Hände gehalten, was ihr sehr geholfen habe. Dann habe der Neurochirurg die Elektroden ins Gehirn eingeführt, und der Neurologe Baumann habe den Effekt getestet. «Als ich plötzlich meine Hände wieder bewegen konnte, habe ich vor Freude laut gelacht», erzählt die Patientin.

Bereits zwei Tage nach der Operation konnte Rafija Kurtisi wieder normal gehen. Die Familie war ausser sich. «Ich habe meine Mutter seit 20 Jahren nicht mehr so gesehen», sagt ihre Tochter Sanela Karadolami. Auch Neurologe Baumann war über das sehr gute Resultat erfreut. Ihr Fall zeige, welche Bedeutung Hirnschrittmacher für Parkinson-Patienten haben können. Sürücü fügt an: «Die Patientin ist sehr glücklich, und das zählt am meisten.»

Ein Programm «Kaffeetrinken»

Während der folgenden Rehabilitation gewöhnte sich Kurtisi an die neue Bewegungsfreiheit. Das sei wichtig, denn «viele Patienten überschätzen sich und stürzen, weil sie plötzlich so beweglich sind», erklärt Baumann. Er sieht seine Patientin regelmässig und passt die Aktivität des Hirnschrittmachers an ihr Bewegungsverhalten an. Das macht Baumann am Computer, wo er auch verschiedene Programme festlegt, die er mit einer Fernsteuerung auf den Hirnschrittmacher überträgt.

Beim Programm «Kaffeetrinken» beispielsweise fliesst weniger Strom, was zwar die Bewegungsfähigkeit vermindert, dafür aber eine klarere Sprache ermöglicht. Beim Programm «Spazieren» hingegen ist die Stromstärke höher. Mit der Fernsteuerung kann Rafija Kurtisi zwischen den verschiedenen Programmen wählen. Vom Patienten derart bedienbare Hirnschrittmacher seien ein Novum in der Schweiz, sagt Baumann.

Würde die Patientin ihren Hirnschrittmacher ausschalten, fiele sie allmählich wieder in den Zustand vor der Operation zurück. Ihre Gelenke würden steif und sie könnte sich kaum mehr bewegen. Ihre Familie müsste sich wieder die ganze Zeit um sie kümmern – aufstehen, anziehen, zur Toilette gehen. Kurtisi war ein Pflegefall und komplett abhängig von ihrem Mann, der sich rund um die Uhr um sie kümmerte. Er sei voller Dankbarkeit gegenüber dem Ärzteteam, das seiner Frau und auch ihm so viel Lebensqualität geschenkt habe, sagt Izet Kurtisi.

Nach ihren Wünschen gefragt, antwortet Rafija Kurtisi: «Ich bete, dass sich mein Zustand nicht verschlechtert. Ich laufe noch nicht ganz richtig, aber das ist egal. Hauptsache, ich habe keine Muskelstarre und keine Schmerzen mehr.» Bei diesem Satz strahlt sie wieder wie auf dem Video. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2009, 20:46 Uhr

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