Die Übergewichts-Epidemie stagniert
Die Fettleibigkeit bei Kindern hat im letzten Jahrzehnt in vielen Ländern stagniert (grün). In Südostasien und Deutschland nimmt sie weiter zu (rot). Grau: Nicht erfasste Länder.
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Immer mehr Menschen leiden weltweit an Übergewicht. Die Zahl stieg während gut drei Jahrzehnten beachtlich. Doch nun scheint der Trend gestoppt: Forscher beobachten, dass in zahlreichen Ländern die Anzahl der Menschen mit einem zu hohen Body-Mass-Index (BMI) nicht mehr zunimmt.
3 Prozent sind untergewichtig
In der Schweiz meldete jetzt sogar die sonst eher für alarmistische Übergewichtswarnungen bekannte «Gesundheitsförderung Schweiz» eine Stagnation. Dies legen die neusten Resultate eines Monitoringprogramms bei Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Kantonen und Städten nahe. Doch die Hinweise auf eine Stagnation haben sich bereits früher verdichtet. Isabelle Aeberli von der ETH Zürich und Kollegen zeigten im vergangenen Juni in einer Studie mit 2500 Schweizer Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren: Fettleibigkeit (Adipositas) bei beiden Geschlechtern und Übergewicht bei Mädchen haben 2007 im Vergleich zu 2002 abgenommen. Gemäss der Studie waren vor drei Jahren etwas mehr als 10 Prozent der Kinder nach gängiger Definition übergewichtig, und um die 5 Prozent litten an Fettleibigkeit – rund 3 Prozent waren zudem untergewichtig.
Eine Studie der Universität Genf, die Ende Juli im Fachblatt «Swiss Medical Weekly» veröffentlicht wurde, zeigt ähnliche Resultate für fünf- bis sechsjährige Kinder im Kanton Genf. Auch bei den Erwachsenen in der Schweiz nehmen Übergewicht und Adipositas nicht weiter zu. Eine Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich, die demnächst im «Swiss Medical Weekly» erscheinen wird, fand für den Kanton Zürich bei den Männern eine Stagnation und bei den Frauen sogar eine rückläufige Tendenz seit Ende der 1990er-Jahre.
Die Japaner nehmen sogar ab
Der Trend, den Schweizer Forscher finden, scheint sich auch global zu bestätigen. «Wir haben eine Stabilisierung der Häufigkeit von Fettleibigkeit bei Kindern gefunden, die beinahe global ist», sagt Benjamin Rokholm vom Institut für Präventivmedizin in Kopenhagen. Er und Mitarbeiter haben die Studien zur Fettleibigkeit im Kindesalter aus 19 Ländern für eine noch unveröffentlichte Übersichtsarbeit zusammengetragen (siehe Karte). Nur vier Länder – China, Indien, Vietnam und Deutschland – verzeichneten demnach in den letzten Jahren einen anhaltenden Anstieg.
Alle anderen Länder – darunter auch die besonders betroffenen USA – waren stabil oder zeigten, wie Island und Spanien, einen deutlich abgeflachten Anstieg. Japan hat seit einigen Jahren sogar weniger fettleibige Kinder als früher. Weitere neuere Studien aus Schweden und den USA zeigen zudem, dass auch bei den Erwachsenen Übergewicht und Fettleibigkeit nicht mehr zunehmen.
Wirken die Kampagnen?
Allerdings gibt es unter den Wissenschaftlern auch Kritiker. Einer davon ist Nicholas Townsend vom Nationalen Adipositas-Observatorium in Grossbritannien. Er hält eine Stagnation der Übergewichtsepidemie für nicht erwiesen. «Die Indizien sind schwach», sagt er. Die Erhebung des Übergewichts in der Bevölkerung sei sehr schwierig, und zwischen einzelnen Studien könne kaum verglichen werden.
Derweil streiten die anderen Wissenschaftler über die Gründe für die vielerorts beobachtete Trendwende. «Viele Mediziner führen dies auf Präventionskampagnen zurück, die sich nun auszuzahlen beginnen», sagt Rokholm. «Dafür gibt es jedoch bislang keine wissenschaftlichen Belege. Das ist Wunschdenken.» Isabelle Aeberli von der ETH ist hingegen klar der Ansicht, dass solche Kampagnen durchaus ihre Wirkung zeigen: «Das Gewichtsbewusstsein in der Bevölkerung ist seit Anfang 2000 gestiegen.» Das reiche aus, denn für die beobachtete Stagnation brauche es nur kleine Veränderungen.
Gewagte Behauptung
Fachleute diskutieren auch die Theorie, dass beim Übergewicht inzwischen ein natürliches Maximum erreicht wurde. David Fäh vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin in Zürich glaubt, dass dies in den USA tatsächlich der Fall sei: «Dort sind fast 70 Prozent übergewichtig oder fettleibig.» Die übrigen seien möglicherweise resistent gegen Übergewicht.
Doch funktioniert diese Erklärung in Ländern wie der Schweiz oder Frankreich nicht, da dort viel weniger Menschen als in den USA zu viel auf den Rippen haben. Dass Schwangere seit den 1990er-Jahren weniger rauchen oder dass häufiger gestillt wird und deshalb das Übergewicht nicht mehr zunimmt, hält David Fäh für eine gewagte Behauptung: «Die Daten dazu sind sehr unsicher», sagt er.
Stigmatisiertes Übergewicht
Für den Präventivmediziner könnte die gegenwärtige Abnahme insbesondere in der Schweiz mit der veränderten Zuwanderung und gesellschaftlichen Phänomenen zu tun haben. Während bis vor kurzem vor allem bildungsferne Ausländer in die Schweiz kamen, sind es seit ein paar Jahren hochqualifizierte Fachleute, viele aus Deutschland. Aus Studien wisse man, dass Kinder aus Ausländerfamilien bis zu dreimal häufiger adipös seien als der Durchschnitt. Hinzu kämen gesellschaftliche Aspekte wie jener, dass Übergewicht heutzutage negativer bewertet werde als früher. Eine Stigmatisierung, die auch eine unbeabsichtigte Folge von Präventionskampagnen sein kann.
Einfacher ist, zu erklären, wieso in China, Indien und Vietnam Übergewicht weiterhin zunimmt: Die Länder holen in Sachen Wohlstand und Konsum auf – mit entsprechenden Auswirkungen auf das Körpergewicht. Dass Deutschland zu den Ländern mit Wachstum gehört, lässt Experten hingegen ratlos. Rokholm: «Ich habe keine Erklärung – immerhin ist der Anstieg nur moderat.»
Kein Grund zur Entwarnung
Trotz der hoffnungsvollen Trendwende, die sich weltweit abzeichnet, sind sich Fachleute einig: Es gebe keinen Grund zur Entwarnung. Die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas sei zu hoch. Seit den 1980er-Jahren hätten sich Übergewicht und Adipositas in der Schweiz verfünffacht, schätzt ETH-Forscherin Aeberli. «Wir müssen uns weiterhin anstrengen.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.08.2010, 21:22 Uhr










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