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«Die Erwartungen sind grenzenlos»

Von Irmgard Lehmann. Aktualisiert am 04.11.2009

Thierry Carrel ist wohl der erfahrenste Herzchirurg der Schweiz. Der Herzspezialist des Berner Inselspitals über seinen Beruf, die Fortschritte der Medizin und die Wünsche der Patienten.

«Leider können wir nicht allen Patienten helfen»: Herzchirurg Thierry Carrel spricht über seine Tätigkeit am Inselspital Bern.

«Leider können wir nicht allen Patienten helfen»: Herzchirurg Thierry Carrel spricht über seine Tätigkeit am Inselspital Bern.
Bild: Keystone

In Freiburg aufgewachsen

Der 49-jährige Thierry Carrel ist in Freiburg aufgewachsen. Nach dem Medizinstudium in Freiburg und Bern liess er sich zum Facharzt für Herz- und Gefässchirurgie ausbilden. Es folgten Auslandaufenthalte an renommierten Herzkliniken in Paris, Hannover und Helsinki.

Seit 10 Jahren ist Carrel Direktor der Universitätsklinik für Herz- und Gefässchirurgie am Inselspital Bern und seit 2006 Vorsteher des Kooperationsbereichs Herzchirurgie der Universitäten Basel und Bern. Carrel ist Vater einer 16-jährigen Tochter aus erster Ehe und lebt in Partnerschaft mit der Fernsehmoderatorin Sabine Dahinden. In seiner Freizeit spielt er Trompete und fährt gerne mit dem Fahrrad oder dem Motorrad über Pässe.

Thierry Carrel, welche Kriterien entscheiden, um eine Herzoperation durchzuführen?
Thierry Carrel: Unsere Patienten werden in der Regel durch einen Hausarzt vorab zu einer Herzuntersuchung zugewiesen. Je nach Befund dieser Untersuchung wird die Indikation für eine Herzoperation gestellt. Diese wird dann mit dem Patienten ausführlich besprochen.

Wie hoch ist die Erfolgsquote?
Glücklicherweise sehr hoch: Es sterben weniger als zwei Prozent aller Patienten, die bei uns operiert werden. Leider können wir nicht allen Patienten helfen. Einzelne sind so schwer krank, dass sie zwar den Eingriff überstehen, nicht aber die Komplikationen, die nachher entstehen.

Wird die Familie des Patienten miteinbezogen?
Ich bin persönlich immer sehr glücklich, wenn Angehörige eines Patienten auch gut informiert sind. Sie können beim Aufklärungsgespräch teilnehmen. Auch nach dem Eingriff werden sie laufend informiert.

Wie hat sich die Technik in den letzten Jahren verbessert?
Die Herzchirurgie ist eine relativ junge medizinische Disziplin, und es wurden in den letzten drei bis vier Jahrzehnten sehr viele Techniken erfunden und verbessert. Heute ist in der Tat praktisch alles machbar, und dies mit einem sehr kleinen Risiko. Aber leider werden damit Erwartungen geweckt, die fast grenzenlos sind.

Grenzenlose Erwartungen – was meinen Sie damit?
Dass alles machbar ist und alle überleben. Mit der heutigen Einstellung wird es immer schwieriger, einen Eingriff abzulehnen und eine beobachtende Behandlung zu empfehlen.

Wie sehen Ihre Erwartungen aus?
Unser Wunsch ist es, immer mehr Eingriffe mit weniger Belastung für den Patienten durchführen zu können. Das ist im Bereich der Herzchirurgie viel schwieriger als bei anderen Disziplinen. Auch möchten wir für diejenigen Patienten, die wenig Chancen für ein Spenderorgan haben, langlebige Kunstherzen einsetzen. Das ist heute zwar möglich, doch die damit verbundenen Probleme und die Kosten sind nicht zu unterschätzen.

Die Operation von Bundesrat Merz hat Sie und das Inselspital in die Schlagzeilen gebracht.
Ich denke, dass es der Familie von Bundesrat Merz und dem Kardiologen in St.Gallen bekannt war, wo welche Leistungen mit welcher Qualität erbracht werden. Und es war für Zürich bitter, festzustellen zu müssen, dass viele Patienten nicht dorthin gehen möchten. Der Fall Merz ist kein Einzelfall. Unsere Klinik betreut immer wieder Patienten aus der Ostschweiz und der Region Zürich.

Ist nun das Seilziehen zwischen Zürich und Bern ausgestanden?
Es gab für mich nie einen Zweifel, dass sowohl Zürich für die Nordostschweiz wie auch Bern für das grosse Gebiet des Mittellandes stark sein müssen. Wenn wir aber nur die Operationszahlen und die wissenschaftliche Aktivität anschauen, hat Bern – schon seit bald 10 Jahren – Zürich überholt. Wir behandeln am Inselspital bei weitem mehr Herzpatienten als das Universitätsspital Zürich oder Basel.

Und Ihre persönliche Bilanz?
Über die Jahre haben die andauernde Belastung und die grosse Verantwortung einige Spuren hinterlassen. Ich arbeite seit mehr als 25 Jahren in öffentlichen Spitälern. Hier – wie übrigens an vielen anderen Orten – kennen wir als Chefärzte keinen Zeitplan, weil die Bereitschaft zur Leistung jeden Tag 24 Stunden vorhanden sein muss. Als Verantwortlicher für diese Einheit habe ich mich zwar daran gewöhnt, doch braucht ein solches Engagement eine grosse Überzeugung. Kompromisse gibt es keine. Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass ich an die Grenze meiner physischen und psychischen Möglichkeiten stosse. (Freiburger Nachrichten)

Erstellt: 04.11.2009, 10:15 Uhr

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