Wissen

Der Duft der Ferien

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 14.08.2012 5 Kommentare

Gerüche können Erinnerungen besser wecken als Alben voller Ferienfotos. Ein Gespräch mit dem Riechforscher Hanns Hatt über das Wunderding Nase und die Faszination von Schweiss.

1/7 Der Duft von Sonnencreme und schon liegen die Gedanken am Strand. Kein anderer Sinn kann Erinnerungen besser wecken als der Geruchssinn.
Bild: Keystone

   

Der Biologe und Mediziner Hanns Hatt ist einer der führenden Forscher in der Geruchsforschung. Seit 1992 ist er Professor an der Fakultät für Biologie und Inhaber des Lehrstuhls für Zellphysiologie der Ruhr-Universität Bochum. 2010 gewann er den Communicator-Preis, eine Auszeichnung für die Vermittlung von wissenschaftlichen Ergebnissen in Medien und Öffentlichkeit in Deutschland.

Hanns Hatt und Regine Dee: «Das kleine Buch vom Riechen und Schmecken», Knaus-Verlag, München 2012.

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Ein Duft und schon ist man auf dem thailändischen Markt, im türkischen Fischerdorf oder auf einem südamerikanischen Markt. Warum können Gerüche derart präzise Erinnerungen auslösen?
Alle Riechzellen in unserer Nase – wir haben 30 Millionen davon – haben einen Nervenfortsatz, dessen Endung ins Riechhirn reicht, wo ein Duft identifiziert wird. Von dort gehen zwei dicke Nervenfaserstränge einerseits in den Bereich des Gehirns, der für Emotionen, Triebe und Stimmungen verantwortlich ist, sowie in das Areal, in dem das Gedächtnis und die Erinnerungen lokalisiert sind. Dorthin hat die Nase quasi eine direkte Standleitung. Mit keinem anderen Sinn wie dem Geruchssinn können deshalb so unmittelbar Erinnerungen und Emotionen geweckt werden. Ein Geruch kann einen rasch bis in die Kindheit zurückbeamen, wie beim Anschalten eines Lichtschalters.

Vermischen sich all die unterschiedlichen Gerüche und Erinnerungen nicht mit der Zeit?
Unsere Nase analysiert sehr präzise und nicht so grob, wie man gemeinhin annehmen mag. Das merkt man spätestens dann, wenn man sie auszutricksen versucht. Der Duft eines Gegenstandes oder einer Situation muss exakt zum Bild passen, das in unserem Kopf abgespeichert ist. Wenn wir durch einen Fichtenwald laufen und ein Kiefernharz riechen, meldet unser Gehirn, dass da etwas nicht stimmt, und wir fühlen uns nicht wohl. Deshalb sollte es beispielsweise auch nur im Reisebüro nach Sonnenöl riechen und nicht in der Buchhandlung.

Wann werden Erinnerungen anhand eines Geruchs gespeichert?
Die Wissenschaftler streiten sich seit Jahren darüber, wie viel genau wir von äusseren Einflüssen speichern. Sicher ist, dass emotionalere Erlebnisse länger und intensiver gespeichert werden, vor allem, wenn sie mit einem Duft verknüpft sind. Der Duft eines Toten im Krieg lässt Soldaten noch in 20 Jahren die Haare aufstellen, wenn sie einen solchen Geruch riechen. Dieselben intensiven Gefühle lösen auch positive Erlebnisse aus, die mit einem Duft verknüpft wurden.

Wird eine Erinnerung eher gespeichert, wenn es während des Erlebnisses stinkt oder riecht?
Auf einen sehr intensiven Gestank reagieren die meisten sehr viel intensiver als auf einen sehr intensiven guten Duft, da negative Düfte oft mit Gefahren verknüpft sind.

Ist man deshalb schnell gereizt, wenn jemand von Schweiss stinkt?
Dass wir Schweiss so negativ bewerten, ist einzig und allein anerzogen, was völlig unnötig und schade ist. Denn in der Schweissflüssigkeit des Menschen stecken sehr viele chemische Informationen, also Duftbotenstoffe. In unserer Kultur wird schon den Kindern beigebracht, dass Schweiss etwas Stinkendes, Schmutziges ist. Würde die Mutter ihrem Kind sagen würde, du hast aber einen herrlichen Schweissgeruch, würden wir alle anders dazu stehen. In Papua-Neuguinea beispielsweise ist Schweissgeruch etwas Interessantes, was es auch bei uns vor 200 Jahren noch war. So liebte Napoleon seine Josephine immer ungewaschen.

Tragen Sie also kein Deo?
Doch. Denn Schweiss ist automatisch mit dem Begriff unhygienisch verknüpft. Den Geruch, den wir als so unangenehm empfinden, dieses Buttersäurige, Käsige, wird von Bakterien erzeugt, die sich auf unserer Hautoberfläche befinden. Unser Schweiss an sich riecht nicht danach.

Was ist denn so interessant am Schweiss?
Einerseits enthält er ein ganz persönliches Parfüm, durch das wir uns von anderen Menschen unterscheiden, spezifisch wie ein Fingerabdruck. Diese Parfümmischung ist eine Abbildung unserer Gene, was bei der Partnerwahl zum Zug kommt. Andererseits enthält unser Schweiss Botenstoffe, sogenannte Pheromone, mit denen wir den anderen Menschen etwas mitteilen möchte, Angst beispielsweise.

Haben wir verlernt, diese Botschaften zu erkennen?
Nein, das verlernt man nicht. Wir reagieren reflexartig auf solche Botenstoffe. Daran ändern auch die Deos und Parfüms nichts, mit denen wir unseren Körpergeruch übertünchen.

Setzt man die Erkenntnis mit dem Geruchssinn und dem Erinnerungsvermögen auch bei Demenzkranken ein?
Ja, denn mit Düften kann man Erinnerungen aktivieren. Anderseits kann man mit Riechübungen eine Art Gehirnjogging und Anti-Aging-Training betreiben. Sie verbessern unsere Gehirnleistung viel mehr als diese Rechenaufgaben, bei denen nur ganz kleine Bereiche des Gehirns aktiviert werden. Viele Kliniken setzen intensiv Düfte ein, auch in der Schweiz. Demenzkranke etwa werden mit Düften eingerieben. Denn man weiss, dass Düfte nicht nur über die Nase wirken, sondern auch über unsere Haut und die Atmung.

Wird die Nase unterschätzt?
Ja. Sie schläft nie und analysiert 24 Stunden lang die Luft, auch im Schlaf. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Wohlbefinden zu steigern. Oft reicht ein Duft, um sich wohl zu fühlen.

Das kann auch missbraucht werden. Düfte, die zu Marketingzwecken eingesetzt werden, werden ja oft kritisiert.
Zwei Bemerkungen dazu: Es gibt überhaupt keinen duftfreien Raum. Uns umgibt ständig eine unsichtbare Welt voller Duftmoleküle, von denen viele auf uns wirken. Meist stammen sie sogar von uns selbst. Ausserdem sind wir die schlimmsten Manipulatoren. Heutzutage beduftet sich ja jeder mit Parfüm, Deo, Shampoo. Der einzige Grund dafür ist es, Menschen zu manipulieren. Wir wollen in der Nase der anderen gut dastehen. Statt diejenigen zu kritisieren, die uns beispielsweise in Kaufhäusern beduften, sollten wir uns erst an der eigenen Nase nehmen.

Zurück zu den Ferien. Im Gegensatz zu Fotos lassen sich Düfte aus den Ferien leider nicht konservieren.
Dafür lässt sich der Duft des Menschen konservieren. Die Stasi hat in Tausenden von Vakuumgläsern den Körperduft der DDR-Bürger eingefangen. Man hat sie durch Verhöre zum Schwitzen gebracht und die Schwitztücher in Vakuumgläser eingepackt. Vielleicht wird es eines Tages soweit sein, dass man den Geruch der geliebten Oma oder von den Eltern aufbewahren kann. Das nutzen ja viele Mütter: Wenn die Kinder aus dem Haus sind, riechen sie an deren Kleidung.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.08.2012, 11:35 Uhr

5

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

5 Kommentare

Rebecca Hasler

14.08.2012, 11:46 Uhr
Melden 17 Empfehlung 0

Seit Jahren "erschaffe" ich mir Dufterinnerungen meiner Ferien: Ich kaufe mir vor den Ferien ein neues Parfum oder Duschgel, und kann so später die Erinnerungen wieder aus dem Gestell nehmen. Heute rieche ich zum Beispiel nach meinen letzten Ferien in Thailand (Neroli-Jasmin, Body-Shop), ein andermal ist's die Karibik (Jasmin noir, Bulgari) oder Südfrankreich (Eau Océane, Biotherm) - herrlich! Antworten


Pascal Volz

14.08.2012, 15:14 Uhr
Melden 7 Empfehlung 0

Mir missfällt der zunehmende Einsatz von künstlichen Duftstoffen in Pflegeprodukten (Seifen, Haarsprays, Deos, Weichspüler). Jeder Hersteller glaubt, er müsse auch noch parfümieren. Die Folge ist ein undefinierbares Gemisch billiger Düfte, die man auf sich trägt. Viele geben sich dann noch den Rest mit einem "schönen" Parfum. Igitt! Ich will Frauen wie Männer frisch und natürlich-echt riechen. Antworten



Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen

Nicht von dieser Welt!

Entdecken Sie die arabische Märchenwelt aus 1001 Nacht!

Flugpreise vergleichen

Vergleichen Sie die Flugpreise von verschiedenen Reiseanbietern und finden Sie das beste Angebot.

Alles für Abonnenten und Abonnentinnen

Laden Sie sich Ihr ePaper auf Ihren Computer und blättern Sie gratis und ab 5 Uhr früh in Ihrem "Bund".

Online-Wettbewerb

Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.

Fernstudentin an der FFHS

Award für beeindruckende Weiterbildungsbiografie