Widerspruch zwecklos

Die wundersame Verwandlung bekannter Dokumente in neu entdeckte: Wie den Medien mit den Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg eine branchenweite Fehlleistung gelang.

Geheim? Schon lange nicht mehr. Eines der anonymen Bilder, die der Schweizer Konsul in Köln im Mai 1942 nach Bern schickte. Es zeigt die deutschen Greueltaten an der Ostfront: Jüdische Opfer des Pogroms von Jassy im Juni 1941.

Geheim? Schon lange nicht mehr. Eines der anonymen Bilder, die der Schweizer Konsul in Köln im Mai 1942 nach Bern schickte. Es zeigt die deutschen Greueltaten an der Ostfront: Jüdische Opfer des Pogroms von Jassy im Juni 1941. Bild: dodis.ch/32108 (Bundesarchiv, E27/9564)

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Vom Sofa aus fühlte es sich an, als wäre eine Bombe geplatzt. Es war Sonntagabend, 27. Januar, der internationale Gedenktag der Schoah, und die Tagesschau des Schweizer Fernsehens stand im Büro eines Historikers. «Was wusste die offizielle Schweiz damals von den Massentötungen in den Konzentrationslagern?», heisst es in der Moderation. «Zahlreiche, auch bislang unveröffentlichte diplomatische Dokumente geben Aufschluss darüber.»

Jetzt sieht man den Historiker, wie er in Akten aus dem Bundesarchiv blättert, Handschriftliches, Maschinengeschriebenes, dann ein Halbkarton mit aufgeklebten Schwarzweissfotos. «Der Bundesrat erhielt auch Bilder, bislang unveröffentlichte Dokumente, datiert vom Mai 1942.» Die Bilder zeigen Leichenhaufen vor einem Güterzug, und jetzt kommt auch der Historiker zu Wort: Sacha Zala, Leiter der Diplomatischen Dokumente der Schweiz (DDS), eines Forschungsprojekts, das amtliche Akten zur Aussenpolitik des Bundes aufbereitet und publiziert. Zala sagt nicht, die Bilder seien unveröffentlicht. Das sagt der Journalist. Zala sagt: «Ab Mai 42 kann man nachweisen, dass die Ermordung von Juden, dass diese Information wirklich in Bern ankam.» Nicht unbrisant, zumal die Landesregierung kurz danach die Grenzen schloss. Bloss: «Bislang unveröffentlicht» ist hier gar nichts. Neu sind weder die Akten noch das, was sie beweisen sollten; man weiss schon lange, was die Behörden seinerzeit gewusst haben dürften.

Siehe Seiten 44 und 45

Dasselbe gilt für die Bilder. Und man muss kein Experte sein, um es zu merken. Es genügt der Blick in einen Fotoband, den 49 Bibliotheken in der Schweiz führen: «Bilder aus der Schweiz 1939–1945», erschienen 1997 im NZZ-Verlag, zweite Auflage 1998, herausgegeben von Katri Burri und Thomas Maissen, der damals noch Mitarbeiter der NZZ war und noch nicht Geschichtsprofessor. Zwei Kartons mit den Fotos von 1942: abgebildet auf den Seiten 44 und 45. Ganzseitig. Wie also kommt das Fernsehen zu einer Entdeckung, die gar keine ist? Und warum sollte sich ein professioneller Historiker für so etwas hergeben?

Für diese Fragen ist es schnell zu spät. Die Sensation ist geboren, und noch vor 20 Uhr wird sie von der Nachrichtenagentur SDA flächendeckend verbreitet: «Bisher unveröffentlichte Dokumente zeigen: Der Bundesrat wurde bereits 1942 über die Verbrechen der Nazis in Kenntnis gesetzt.» Die Meldung ist zwar nicht mehr als ein fast wörtlicher Auszug der Sendung bzw. des Internetartikels von SRF. Aber sie trägt das Gütesiegel SDA. Und so ist in Kürze auf den Onlineportalen, ab Montag dann auch in weiten Teilen der Presse von diesen Bildern die Rede – «bisher unveröffentlicht», in drei Landessprachen. Natürlich: History sells. Sofern es neu ist, das Alte. Kommt dazu, dass Bundespräsident Maurer die Medien am selben Tag scharfgemacht hat mit seiner Schönfärberei, die Schweiz sei im Krieg eine «Insel für viele Bedrohte und Verfolgte» gewesen. Im Lauf der Woche kommt es dann zwar zu punktuellen Relativierungen. Man erfährt da und dort aus der Presse, dass die Dokumente nichts Neues beweisen. Und aus dem Magazin «Hebdo» kommt gar der Einspruch, das halbe Dutzend Bilder sei alles andere als verborgen gewesen: Sie seien in Holocaust-Museen in Paris und Bukarest ausgestellt. Trotzdem endet die Woche mit einer doppelseitig aufgemachten Empörung im «Sonntag»: «Weshalb sieht die Schweiz diese Bilder erst heute?»

Ein Strick für die Experten

«Niemals!», sagt Sacha Zala. Er habe nie behauptet, die Fotos seien neu. Die amtliche Sperrfrist auf den fraglichen Akten sei schon 1973 ausgelaufen, und seither seien mehrere Forscher auf sie eingegangen. Zudem seien sie seit 2011 auf der DDS-Website aufgeschaltet, ganz öffentlich. Und er selber habe sie schon in den letzten Jahren für die Medien kommentiert.

Zum aktuellen Holocaust-Gedenktag hat Zala dann jenes Communiqué verschickt, das die Tagesschau angelockt hat. Es informiert über ein bereits bestehendes Onlinedossier mit den Dokumenten zum Thema. Und von einer Neuheit ist auch hier nicht die Rede. Dass die Fotos schon früher diskutiert und abgedruckt wurden, und zwar in «Fachpublikationen» – davon berichtet der «Sonntag» ausführlich. Gerade daraus dreht er aber den Fachleuten den Strick: Sie hätten dem «Publikum» diese «schockierenden Bilder» vorenthalten und ihre «politische Sprengkraft unterschätzt». Können Medien ihre eigene Uninformiertheit erst zu News machen? Und dann den Experten zum Vorwurf? Anscheinend schon. Es kommt aber noch steiler: «Die Nazis wollten sämtliche Spuren des Judentums ausradieren. Das späte Auftauchen der Holocaust-Bilder in der Schweiz erinnert in beklemmender Weise an das von den Nazis verhängte Bilderverbot.» Gegen solchen Unfug hätte der Bildband von Burri/Maissen – alles andere als eine Fachpublikation – geholfen. Aber den hatte offenbar kein Journalist je in der Hand.

Beim «Sonntag» hört man sich solche Einwände mit Interesse an. Und hält doch an der Aussage fest: «In der breiten Öffentlichkeit waren die Bilder nicht bekannt», sagt Chefredaktor Patrik Müller. «Darum ist es richtig, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und so die Flüchtlingspolitik der Schweiz im Krieg zu thematisieren. Das tun die Medien eher zu wenig.» Tatsächlich vernimmt man genau diese Einschätzung auch von Sacha Zala: Die Fotos seien der breiten Öffentlichkeit unbekannt. Und das trotz dem Bildband von Maissen und Burri. «Sie zeigen ein Massaker, das sich 1941 in Rumänien ereignet hat, und sind nicht im kollektiven Gedächtnis der Schweiz präsent.» Kann man so sehen. Damit stellt sich aber erst recht die Frage, wie es denn zum chronischen Missverständnis zwischen dem Experten und den Medien kommen konnte, und das branchenweit. Böswilligkeit? Naivität? Hat man aneinander vorbeigeredet?

Gerade nicht. Der breiten Öffentlichkeit unbekannt – das ist der Satz, in dem sich beide Seiten fanden. Für die Medien heisst er: Also sind die Bilder eine Entdeckung. Für den Experten dagegen: Aber uns sind sie bekannt. Die Medien: neu! Der Experte: nicht neu. Wobei «veröffentlicht» für einen Wissenschaftler sowieso nicht dasselbe heisst wie für einen Journalisten. Der vermeintliche Konsens in Sachen «Öffentlichkeit» war gerade der Ort, an dem beide Seiten ihre gegensätzliche Sicht der Dinge bestätigt sahen; der Ort, von dem aus ein grandioses kommunikatives Desaster seinen Lauf nahm. Nehmen konnte. Es braucht schon auch die Gabe des schlechten Gehörs, um aus einem «in Fachpublikationen veröffentlicht» ein «bisher unveröffentlicht», «unbekannt» oder «neu aufgetaucht» zu machen. Und es gibt weitere Macken des Mediensystems, dank denen diese Fehlleistung gelang: Man liest zu wenig. Man lässt sich beeindrucken von dem, was die anderen berichten. Man geht am ehesten jenen Hypothesen auf den Leim, von denen man gar nicht weiss, dass man sie hat. Vor allem aber: Eine Sensation lässt man sich nur ungern kaputt machen.

Auf ewig unvergessen

Zala verwirft die Hände. Er habe jedem Journalisten gesagt, und zwar ungefragt, die Bilder seien bekannt. Genützt hat es nachweislich fast gar nichts. Man sieht in dieser Affäre einen einzelnen Mann, der gegen die innerste Logik der Medien anredet: Wer will schon über bekannte Dokumente berichten, die Bekanntes beweisen? Das heisst allerdings auch: Seit dem 27. Januar ist das Risiko nicht kleiner geworden, dass in einem Jahr nicht wieder dieselbe Sensation aus ihrem Grab steigt. Und vorher darf man sich schon auf «neue Dokumente» freuen in der eben wieder angelaufenen Kontroverse um die Zahl der abgewiesenen Flüchtlinge.

Was Sacha Zala angeht: Am Dienstag hat die SDA seine Wahl zum Präsidenten der SGG gemeldet, der Dachgesellschaft der Schweizer Historiker. Dieser Zala, so weiss es die Agentur, sei «Ende Januar der breiten Öffentlichkeit durch einen Beitrag der Tagesschau des Schweizer Fernsehens SRF bekannt geworden. Er hatte bisher unveröffentlichte diplomatische Dokumente präsentiert, die belegen, dass im Zweiten Weltkrieg der damalige Bundesrat von den Massentötungen in den Konzentrationslagern der Nazis wusste.» (Der Bund)

(Erstellt: 15.02.2013, 11:26 Uhr)

Info

Das Onlinedossier: dodis.ch/dds/8.
Im April erscheint in der «Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte» (Nr. 1/2013) ein Aufsatz, in dem Sacha Zala und Marc Perrenoud Publikationsgeschichte und Bedeutung der Bilder von 1942 aufrollen.

Auszug aus dem Dokument des Schweizer Konsuls in Köln. (Bild: dodis.ch/32108 (Bundesarchiv, E 27/9564))

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