Wissen

Er war kein Held...

Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 31.03.2010 48 Kommentare

...und trotzdem wurde er zum Idol: Nie verehrten die Schweizer einen der ihren inniger als General Guisan. Jetzt, 50 Jahre nach seinem Tod, lässt eine neue Biografie ihn noch einmal hochleben.

1/11 Der Kanton Waadt legt einen der vielen Kränze nieder.
Bild: Keystone

   

Neuerscheinung

Markus Somm: General Guisan – Widerstand nach Schweizerart. Stämpfli-Verlag. 245 S., 49 Fr.

Artikel zum Thema

Das hat es in der Schweiz, dem Land der Kontraste und der kollektiven Skepsis gegen Überfiguren, bisher nur ein einziges Mal gegeben: dass in nahezu sämtlichen Wohnzimmern dasselbe Bild hing. Das Porträt von Henri Guisan, eines Waadtländer Quasi-Patriziers und eitlen Konservativen. Am 30. August 1939, zwei Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen, wählte die Bundesversammlung ihn zum General. Die folgenden sechs Jahre kommandierte er die Schweizer Armee. Und wurde dabei zum personifizierten Schweizer Widerstandsgeist.

Am 7. April 1960 starb Guisan 86-jährig zu Hause in seinem Anwesen in Pully bei Lausanne. Die Schweiz ehrte ihn mit einem Staatsbegräbnis. 300 000 Menschen säumten die Strassen.

Kein Fussnoten-General

50 Jahre sind seither vergangen. Das Bild des Generals ist aus den Stuben verschwunden, die Erinnerung an ihn lebt nur noch vage. Und das nicht bloss, weil Guisans Zeitgenossen allmählich aussterben. Auch das Interesse der Historiker hat sich von Guisan wegbewegt. Die Bergier-Kommission, die im Auftrag von Bundesrat und Parlament das Verhalten der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs untersuchte, erwähnte Guisan in ihrem 551 Seiten starken, 2002 publizierten Schlussbericht nur neunmal. Mehr als der General interessierten die Flüchtlings- und die Wirtschaftspolitik die Forscher.

«Hält man sich an den Bergier-Bericht, ist General Guisan zur Fussnote der Schweizer Geschichte geworden», schreibt Markus Somm, studierter Historiker und stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche», in der Einleitung zu seinem Guisan-Buch. Für Somm besteht kein Zweifel: Der General hat diese Abwertung nicht verdient. Die neue Biografie soll ihn rehabilitieren. Sie erscheint Anfang April.

Markus Somms Werk ist eine über 200 Seiten lange Ehrenrettung des Generals und seines wichtigsten Entscheids: des Rückzugs der Armee ins Alpenreduit. Somm holt nach, was er bei den Bergier-Forschern vermisst: Er untersucht die Rolle der Armee und ihres Kommandanten. Sein Fazit: Beide waren ein Segen für die Schweiz. Gegen aussen, weil die im Reduit verschanzte Armee potenziellen Aggressoren signalisierte: Wer uns angreift, trifft auf zähen Widerstand und zahlt einen hohen Preis. Im Innern, weil Guisan zurückbrachte, was viele Schweizer nach dem Fall Frankreichs im Sommer 1940 verloren hatten: den Mut und das Vertrauen, dass sich Widerstand lohnt.

Henri Guisan lebt

Somm ist ein lesenswertes, streckenweise meisterhaftes Buch gelungen. Wie er die Akteure zum Leben erweckt, wie aus ihnen plastische, fühlende, zweifelnde und mitunter leidende Figuren werden – das ist Geschichtsschreibung, wie man sie sich wünscht. Dabei macht Somm aus Guisan keinen Übermenschen. Er schildert ihn als Mann mit Schwächen: Der General war kein brillanter Offizier; er neigte zum Zaudern, hatte zur Demokratie ein ambivalentes Verhältnis und scheute sich, Konflikte auszutragen.

Und doch wurde er zum Idol: Weil er ein guter Psychologe war. Weil er die Intuition besass, im richtigen Moment das Richtige zu sagen. Weil er kein kalter Militarist war, sondern ein Menschenfreund, der auch dem einfachen Füsilier mit Respekt begegnete. Und weil er Glück hatte: Es fehlte wenig, und die Geheimverhandlungen, die Guisan und seine Vertrauten 1939/40 mit der französischen Armee geführt hatten, hätten dem General das Genick gebrochen. Guisan hatte nicht nur den Bundesrat hintergangen, sondern auch die Neutralität verletzt.

Nicht weniger eindringlich schildert Somm Guisans Gegenspieler: Ulrich Wille, den brillanten, deutschfreundlichen Oberstkorpskommandanten, der wiederholt gegen Guisan intrigierte. Oder Bundesrat Marcel Pilet-Golaz, ein Waadtländer wie Guisan und doch sein pures Gegenteil. Im Sommer 1940, als die Schweiz jederzeit mit dem deutschen Angriff rechnete, hielten beide je eine Rede. Pilet-Golaz entlarvte sich in seiner Radioansprache als Anpasser und weckte so landesweit Empörung. Derweil wurde Guisan durch seinen Auftritt vor der Armeespitze auf dem Rütli zum Widerstandshelden. In der Folge entspann sich zwischen den beiden «eine der leidenschaftlichsten Hassaffären, die die schweizerische Politik je gekannt hat», schreibt Somm.

Die linken Historiker im Visier

Somms Schilderungen erreichen ihr Ziel: Guisan erscheint dem Leser neu poliert, als faszinierende Figur, der in der Schweizer Geschichte ein Logenplatz zusteht.

Das Problem des Buches liegt darin, dass sich Somm damit nicht begnügt: Er nutzt sein Werk zum Feldzug gegen alle ganz und halb linken Historiker, die sich getraut haben, die Bedeutung des Reduits zu relativieren. Somm versucht mit seiner Guisan-Biografie die alte, bürgerliche, das Militärische stark gewichtende Geschichtsschreibung zu rezyklieren und so die linken 68er-Historiker zu diskreditieren.

Allerdings entsteht der Eindruck, dass der Autor vor allem dann deutlich wird, wenn es darum geht, die ReduitSkeptiker zu kritisieren. Geht es um die Wertung der historischen Ereignisse, bleibt Somm dagegen vorsichtig. Er räumt ein, dass sich die Frage, weshalb die Schweiz vom Krieg verschont geblieben sei, letztlich nie werde eindeutig beantworten lassen – war es das Reduit? Waren es andere Gründe? Solche Fragen würden «zur Spekulation» zwingen.

Somms Vorsicht zeugt von der Redlichkeit des Historikers. Offen bleibt, weshalb er im Urteilen über jene, die zu anderen Schlüssen kommen wie er, nicht ebenso nuanciert ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2010, 15:50 Uhr

48

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

48 Kommentare

Erich Brunner

31.03.2010, 13:30 Uhr
Melden

@ Lanz - aha, und was hätten Sie gemacht ? Hätten Sie sich der Deutschen Armee gestellt ? John Rambo gab es zu dieser Zeit noch nicht, also ist es mir schon ein Rätsel was Ihr Plan gewesen wäre ! Antworten


Alex Fankhauser

31.03.2010, 13:18 Uhr
Melden

Ohne die Entbehrungen der Aktivdienstgeneration zu schmälern - ich glaube nicht, dass wir "nur" wegen dem Reduit davongekommen sind. Adolf hat es mit wesentlich stärkeren Gegnern aufgenommen, und ist letztlich über seinen Grössenwahn gestolpert. Wenn er ganz Europa beherrscht hätte, so wäre auch die Schweiz überfallen worden. Und hätte dank dem Reduit ein paar Monate länger existiert... Antworten



Populär auf Facebook Privatsphäre


Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.