Menschen wie Schlachtvieh zerlegt
Nachdem sich die Archäologen jeden Knochensplitter unter dem Mikroskop angeschaut haben, scheint fast sicher: In Herxheim, einer kleinen steinzeitlichen Siedlung in der Pfalz, wurden vor 7000 Jahren Menschen geschlachtet und verspeist. Die Forscher fanden die abgeschabten Reste von rund 500 Menschen. Und bis jetzt wurde noch nicht einmal die Hälfte der Stätte freigelegt.
Projektleiterin Andrea Zeeb-Lanz von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz sagt gegenüber «Welt online»: «Nach allem, was wir wissen, war es vermutlich ein rituelles Verspeisen. Und das ist der eigentlich interessante Punkt. In der Siedlung beim heutigen Herxheim fanden aussergewöhnliche Rituale statt.»
«Zuerst wurden Arme und Beine abgetrennt»
Rätselhaft dabei ist, dass die Steinzeitsiedlung ein winziges Dorf mit nur zehn Häusern war. Die Toten waren also keine Einheimischen sondern kamen aus ganz Europa. Das verraten die Keramikscherben, die zwischen ihren Rippen liegen. Und es waren auch keine besiegten Feinde, denn es wurden keine Kriegsverletzungen gefunden. Die Toten von Herxheim scheinen vielmehr bei bester Gesundheit gewesen zu sein, wie die gut erhaltenen Zähne belegen.
«Man könnte sich vorstellen, dass sich Menschen freiwillig zur Verfügung stellten, um hierhin zu kommen und sich rituell opfern zu lassen», vermutet Zeeb-Lanz im Gespräch mit «Spiegel online».
Welchem Zweck diese Rituale dienten, ist noch völlig unklar. «Mittlerweile wissen wir genau, dass Menschen nach einer festgelegten Prozedur auseinandergenommen wurden», sagt Zeeb-Lanz. «Zuerst wurden Arme und Beine abgetrennt, und beim Zerlegen des Oberkörpers wurden die Rippen direkt an der Wirbelsäule abgeschnitten. All das entspricht der Zurichtung von Schlachtvieh.»
Mysteriöse Bearbeitung der Schädel
Gemäss dem Anthropologen Bruno Boulestin lassen Spuren an den Knochen auch vermuten, dass die Leichenteile am Spiess gebraten wurden. Er widerspricht damit anderen Forschern, die glauben, dass das Fleisch nur von den Knochen entfernt und nicht gegessen wurde.
Was genau die Menschen aber vor 7000 Jahren dazu veranlasste, in den kleinen Ort zu pilgern, bleibt nebulös. Es dürfte allerdings mit einer religiösen Zeremonie zu tun haben. Dazu gehörte auch die mysteriöse Bearbeitung der menschlichen Schädel. «Spiegel online» erklärt es so: Zunächst wurde die Haut abgezogen: Ein Schnitt längs über den Kopf, und die Haut liess sich zu beiden Seiten hin abpellen. Dann ein gezielter Schlag von vorn gegen das Gesicht, einer hinten gegen den Halsansatz, je zwei an den Seiten - das Resultat sah aus wie eine Trinkschüssel.
«Je länger und intensiver wir forschen», sagt Zeeb-Lanz, «desto mysteriöser wird dieser Ort.» (bru)
Erstellt: 08.12.2009, 10:47 Uhr
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