«Ein Gemsjäger kroch voran»
Von Walter Däpp. Aktualisiert am 28.07.2011
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«Das im Oberlande des Kantons Bern gelegene Gebirge der Jungfrau ward bisher für unersteiglich gehalten, weil sich noch niemals ein Sterblicher in den Mittelpunkt jener über den Alpen ausgelagerten Eismeere wagte»: So begannen Johann Rudolf Meyer und sein Bruder Hieronymus Meyer, Söhne des Aarauer Seidenbandfabrikanten Johann Rudolf Meyer, ihren Bericht über die Erstbesteigung der Jungfrau. Diese war ihnen, zusammen mit den Walliser Älplern und Gämsjägern Joseph Bortis und Alois Volker, am 3. August 1811 geglückt.
Unter dem Titel «Reise auf den Jungfrau-Gletscher und Ersteigung seines Gipfels» schilderten sie ihren langen Marsch über Brünig und Grimsel ins Rhonetal, über Aletsch-, Oberaletschgletscher und Beichpass ins Lötschental und von dort aus (mit Bortis und Volker) über die Lötschenlücke ins Jungfrau-Aletschgebiet. Hier mussten die drei Dienstboten, die als Begleiter dabei waren, umkehren, weil sie «allzuviel Aengstlichkeit verriethen».
Hinauf auf «diesen steilen Eisthurm»
Nur der Träger Kaspar Huber aus Guttannen gehörte vorerst noch zum kühnen Tross, der nach Unklarheiten über den wirklichen Jungfraugipfel, der von Süden her nicht so leicht zu eruieren war, und mehreren Gletscherbiwaks den Gipfel erreichte: «Wie der Morgen des dritten Augusts erschien, brachen wir auf. Die ersten Sonnenstrahlen rötheten noch kaum die Felsen der nahe vor uns schwebenden Jungfrau. Unsern Gefährten aus Guttannen schickten wir zurück zu den höchsten Lötschenthaler Alpen, woher man für uns schon Holz, Milch und Lebensmittel auf den untern Gletscher bereit hielt.»
Weil «dieser Berg steil ist», wie sie bemerkten, waren sie froh, nur noch zu viert zu sein: «Ein Gemsjäger kroch voran, befestigte in gewisser Höhe das Seil und die übrigen erleichterten sich dadurch das ziemlich steile und schauderhafte Nachklimmen. Wir empfanden, wie vortheilhaft es sei, dass unserer nicht mehr als vier Personen waren, die sich Hilfe leisteten. Mehrere würden einander zum grossen Hindernis geworden sein.» Und: «Ein starker Alpen- oder Tragstock, oben mit einem eisernen Haken versehn, ist in solchen schwierigen Bergerkletterungen das zweckmässigste Werkzeug.»
Sie waren auch froh, die Expedition nicht mit wissenschaftlichen Aufgaben und entsprechendem Material erschwert zu haben: «Zwar machten wir sogleich den Gipfel des Jungfraugebirgs zum Ziel unserer Reise; da wir aber selbst an der Möglichkeit zu zweifeln Ursache hatten, diesen steilen Eisthurm in einer noch nie von Sterblichen besuchten Gegend zu ersteigen, liessen wir die mathematischen und physikalischen Werkzeuge zurück, welche man sonst gern zu Beobachtungen auf die Höhen mitzunehmen pflegt.»
Am 3. August 1811 auf dem Gipfel
Am 3. August 1811, «es war zwei Uhr vorüber», standen sie oben. «Der Gipfelpunkt, welcher uns trug», schrieben sie, «hatte im Durchmesser etwa zwölf Schuh; doch rundete er sich nach allen Seiten hemisphärisch ab. Die langen Gebirgsgrathe von Wallis, Lauterbrunnen und Grindelwald stiessen unter unserm Fuss hier zusammen; alle steil, wie Wände; zweitausend Fuss tief unbesteigbar.» Sie schauten hinab auf die Gletscher, die «Ebenen zu sein schienen», und in das «bewohnte Land». Und «schaudernd» senkten sich ihre Blicke in die «entsetzlich finstere Kluft des Lauterbrunner Thals». Schwierigkeiten gab es erst beim Abstieg: «Als nun die schmalen Eiskämme überglitten waren; keine Abgründe mehr unter unseren Füssen hingen; als wir jene kleine Gletscherhöhe am Fuss der Jungfraukuppe wieder erreicht hatten, wo wir so sehr beim Aufsteigen erschrocken waren: erst da überfiel sonderbare Angst und Schrecken einen unserer Gemsjäger.»
Beweis des «Hiergewesenseins»
Als «Wahrzeichen unseres Hiergewesenseins» hatten sie auf dem Gipfel ein «schwarzes Linnentuch, ungefähr vier Schuh lang» an den oberen Teil einer Leiterstange gehängt und das untere Ende «bei sieben Schuh tief in den Schnee» gesteckt. Nur: Vom Tal aus war keine Fahne zu sehen, die die Jungfrau-Erstbesteigung bestätigt hätte. Doch ein Jahr später zerstreuten die kühnen Erstbesteiger die letzten Zweifel: Volker und Bortis wiederholten die Besteigung zusammen mit Gottlieb Meyer, dem Sohn von Johann Rudolf jun., und hissten diesmal auf dem 4158 m hohen Gipfel eine «rothe Wachstuchfahne, vier Schuh ins Geviert gross», die nun weit herum unübersehbar war. (Der Bund)
Erstellt: 28.07.2011, 12:48 Uhr
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