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Die Titanic-Katastrophe – Zerrspiegel menschlicher Not
Von Johann Ulrich Schlegel. Aktualisiert am 13.04.2012 13 Kommentare
Eisberge sind auch heute noch eine Gefahr
Hundert Jahre nach dem Untergang der Titanic boomt das Geschäft mit den Kreuzfahrten wie noch nie: Rund 16 Millionen Passagiere zählte die Branche 2011 weltweit – ein Rekord. Zwar sorgen sich die Veranstalter zurzeit, weil es nach dem Unglück der Costa Concordia im Januar vor der italienischen Küste einen Rückgang bei den Buchungen gab. Dennoch setzt die Branche weiter auf Zuwachs und baut gigantische Schiffe, die schwimmende Urlaubsstädte sind. 13 neue Riesenschiffe vergrösserten die weltweite Kreuzfahrtflotte im letzten Jahr, vier von ihnen mit einer Kapazität von mindestens 2500 Passagieren. Etwa 15 weitere sollen in diesem Jahr dazukommen, das grösste soll Platz bieten für 5700 Menschen.
Diese Gigantomanie beunruhigt die Retter von den Küstenwachen und die Kapitäne. Die französische Kapitänsvereinigung kritisierte unlängst, dass bei einer solchen Grösse selbst bei besten Bedingungen nie alle gerettet werden könnten. Die Costa Concordia bot Platz für 4900 Menschen. Als sie auf einen Fels auflief und kenterte, starben 32 Menschen.
Völlig risikofrei ist eine Kreuzfahrt nämlich nie: Auch heute noch ist etwa die Kollision eines Schiffes mit einem Eisberg, wie dies bei der Titanic der Fall war, keineswegs ausgeschlossen. Trotz technischen Fortschritts, trotz Radar und Satellit, bleibt das menschliche Auge laut Wissenschaftlern das wichtigste Hilfsmittel, um die Hindernisse zu entdecken. «Eisberge sind sehr gefährliche Objekte, denn sie bleiben nicht an einem Ort; wenn das Meer sehr aufgewühlt ist, können sie verdeckt sein und so den Radargeräten entgehen», warnt Michael Hicks von der internationalen Eisbergwacht IIP. Die Wahrscheinlichkeit für ein Schiff, auf einen Eisberg aufzulaufen, liegt heute noch bei immerhin 1:2000. Jedes Jahr werden zwei Kollisionen mit Eisbergen registriert.
Das Eiskontrollzentrum IIP wurde im Jahr nach der Titanic-Katastrophe gegründet und versucht seither alles, um Eisberge ungefährlicher zu machen. Mit roter Farbe wurden einst die tückischen Hindernisse bemalt, doch hielt die Farbe auf dem Eis nicht. Radiopeilsender sollten vom Flugzeug aus angebracht werden, und 1959 wurde sogar versucht, einen Eisberg wegzubomben – «nur ein paar kleine Stücke wurden zerstört», sagt Hicks.
Heute setzt das IIP auf Vorsorge und rechtzeitige Warnungen: Die Daten von Radarflugzeugen, Satelliten und die Beobachtungen von Schiffen werden zu einer Risikoanalyse zusammengefügt. Aber Hicks hält ein Unglück wie bei der Titanic keineswegs für ausgeschlossen: «Es gibt immer noch Eisberge – und es gibt immer noch Schiffe.»
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Die Titanic war ein siebenstöckiger Hotelpalast mit drei Kellergeschossen, 762 Zimmern und mehr als sieben Kilometern Korridoren, Treppen und Promenaden. Neben einfachen Passagieren der dritten Klasse, darunter oft armen Kerlen, die auswanderten, gab es viele reiche Leute in der zweiten und ersten Klasse. Das Schiff war bei einem Angebot von 3300 Betten mit 1316 Passagieren und 885 Mann Besatzung nicht voll belegt.
Mit der Aufteilung des Schiffes in wasserdicht abtrennbare Kammern, die Schotten, wurde verhindert, dass das Schiff bei Beschädigungen der Aussenwand ganz volllaufen und sinken würde. Daraus erklärt sich nebst damaligen Seefahrtsregelungen die gewisse Unbekümmertheit bei der Ausstattung der Titanic mit Rettungsbooten. Die 20 Boote hatten nur Platz für 1178 Leute.
Exakt zwei Sekunden hatten gefehlt
Zwanzig Minuten vor Mitternacht sichtete der Ausguck den Eisberg und gab Alarm. Der Erste Offizier, William Murdoch, gibt den Befehl: «Volle Kraft zurück!» Er setzte damit in einer Reihe von Fehlleistungen den entscheidenden Schlusspunkt, der den Untergang für die Titanic erst besiegelte. Um dem Eisberg nach links oder rechts auszuweichen, hätte er «Volle Kraft zurück» nur für die eine der drei Schiffsschrauben befehlen dürfen. Denn erst die entgegengesetzten Rotationen der Schrauben hätten, die Ruderwirkung klar verstärkend, die nötige rasche Kurskorrektur ermöglicht, um heil am Eisberg vorbeizukommen. Doch Murdoch hatte keine Zeit. Er hatte zum falschen Mittel gegriffen. Und auch nur, weil ihm – man konnte es später rekonstruieren und errechnen – exakt zwei Sekunden gefehlt hatten, mit denen das Schiff doch noch heil am Eisberg vorbeizusteuern gewesen wäre.
Die Mehrheit schläft und bemerkt gar nichts
Das Geräusch bei der Kollision mutet geradezu grotesk an in seiner scheinbaren Harmlosigkeit: «Ein Schleifen, Schaben, Schürfen», sagen die einen, «ein Kratzen und ein Scharren», die anderen. Die Mehrheit aber schläft und bemerkt gar nichts. Der Tod griff mit sanfter Tatze aus dem Dunkel des Atlantiks. Seitlich wurde das Schiff etwa auf einem Drittel seiner Länge geschrammt. Durch Risse und Beulen brach das Wasser ein. Aber das sahen nur die Heizer. Nach endlosen, kostbaren Minuten werden die Maschinen gestoppt. Die plötzliche, auffällige Stille erst weckte einige Passagiere. Sie fragen, was los sei und werden – die Antwort ist hundertfach bezeugt – mit völlig beruhigenden Worten wieder ins Bett geschickt. Um Mitternacht liegt die Titanic reglos, hell erleuchtet und erhaben auf dem schwarzen Meeresspiegel. Der Kapitän, Edward Smith, begibt sich mit dem Konstrukteur des Schiffes, Thomas Andrews, auf einen Rundgang. Zurück auf der Brücke ziehen die beiden Männer Bilanz. Andrews fällt das Todesurteil: Die Titanic wird untergehen.
Nun werden die Passagiere doch geweckt. In der ersten Klasse sehr freundlich: «Legen Sie bitte die Schwimmweste an! Es ist eine Vorsichtsmassnahme.» In der dritten Klasse tönt es schon hemdsärmliger, aber auch deutlicher: «Raus hier! Alle Mann an Deck, wenn Ihr nicht absaufen wollt!», brüllen zwei irische Matrosen. Trotzdem werden Hunderte nicht erreicht und nicht geweckt. Sie schlafen ruhig weiter.
Plätze auf Rettungsbooten bleiben ungenutzt
Wer sollen die Bevorzugten von 1316 Passagieren und 885 Mann Besatzung sein, welche die nur 1178 Plätze in den 20 Rettungsbooten einnehmen können. Nach seemännischer Usanz haben Frauen und Kinder Vorrang. Wer nachher? Die Herren der ersten Klasse vielleicht? Und diese vor den Frauen der dritten Klasse?
Die Fragestellung erübrigt sich. Am Ende werden nur 711 lebensrettende Plätze tatsächlich auch eingenommen. 467 Plätze auf den Booten bleiben ungenutzt. Viele Passagiere fürchten diese Boote mehr als die ihnen nach wie vor sicherer erscheinende Titanic. Spielt hier nicht weiterhin das Orchester? Alles ist, wenn auch zunehmend bei klar erkennbarer Schlag-seite, freundlich und hell erleuchtet.
Das Stocken in der Kette von Rettungsaktionen nutzen endlich ein halbes Dutzend Heizer und springen in ein halb leeres Boot. Ihnen folgen einige Herren und Diener der ersten Klasse sowie ein Hund. Auch gegenteilige Szenen spielten sich ab. Offiziere, die sich vor unkontrollierter Belegung zu fürchten beginnen, feuern Schüsse zwischen Rettungsboote und schrecken, so wörtlich bei ihrer Befragung in New York, «die wild gewordenen Bestien» ab.
Hunderte Menschen stürzen über 60 Meter in die Tiefe
Bisher sank dieser Gigant der Meere mit der Langsamkeit eines Uhrzeigers. Doch plötzlich erzittert der gewaltige Rumpf wie bei einem Erdbeben, und in einer aberwitzigen, donnernden Drehbewegung schwenkt der Bug in die Tiefe und hebt das Heck vollständig aus dem Meer. Die Menschen stürzen zu Hunderten in schreienden Bündeln über 60 Meter in die Tiefe. Aus solcher Höhe gleicht die Wucht des Aufschlags dem Aufschlag auf Beton.
Die Titanic gleitet nun wie ein Turm nach unten. Praktisch ohne Sog verschwindet sie. Eine sanfte Welle breitet sich ringförmig aus und lässt die Lebenden wie die Toten einfach oben, darüber ein Pilz aus Rauch oder Dampf – die Zeugenaussagen widersprechen sich in diesem Punkt.
Die Geretteten geben den Elenden den Rest
Im Moment herrscht eine merkwürdige Stille. Dann plötzlich, ein oder zwei Minuten nach dem Verschwinden der Titanic, erschallt ein immer lauter werdendes, grauenhaftes Schreien in der Unendlichkeit der Wasserwüste. Die Hilferufe, das Jammern von Hunderten, welche im Wasser treiben, lässt den Geretteten in den Booten fast das Blut gefrieren. Der amerikanische Historiker, Oberst Archibald Gracie, Geretteter in einem der Boote, spricht von «den grässlichsten Lauten, die je ein Sterblicher vernommen» habe. In den Booten war zu diesem Zeitpunkt noch immer rein rechnerisch Platz für 467 Menschen. Es gelingt vielen dieser Todgeweihten, an die Boote heranzuschwimmen. Was sich jetzt abspielt, überbietet jedes Grauen. Die Leute in den Booten schlagen mit den Rudern und anderen Gegenständen auf die Köpfe dieser Opfer ein; wenn sich verzweifelte Hände aus dem Wasser an die Bootswände klammern, treten sie mit den Schuhen gegen diese. Kurz, sie geben diesen Elenden den Rest, sie ersäufen sie kurzerhand in den Eisfluten.
Selbst um Plätze auf den Trümmern wird gekämpft
Wie ein absurdes Echo setzt gegenteiliges Geheul auf den Booten ein: «Weg, nur weg von diesen Wahnsinnigen, Hysterischen, sie werden uns kentern lassen, sie werden uns töten!» Auch Zweikämpfe im Wasser um den Platz auf einer Kiste, auf einem Balken und anderen Trümmern gibt es dutzendfach.
Und damit sind wir bei einem uralten Problem der Seefahrer. Der antike Philosoph Karneades hat diesen Kampf geschildert. Sowohl das angelsächsische wie das kontinentaleuropäische Recht kennen den schuldausschliessenden Notstand. Der Extremfall geht auf Karneades zurück. Der Überlebende hat dann allenfalls – wie tatsächlich geschehen – immer noch genug mit seiner Seele zu kämpfen. Die menschliche Not ist ins Groteske verzerrt. Aber dieser Zerrspiegel ist nicht erfunden. Er ist Realität. (Berner Zeitung)
Erstellt: 14.04.2012, 23:44 Uhr
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13 Kommentare
Zur Info: Mitte der 80er Jahren gab es z.B. auf den Philippinen ein Schiffunglück mit geschätzten 4300 Toten. Also weit mehr als doppelt so viel wie beim Unglück der Titanic. Darüber wissen nur die Wenigsten. Fast ausnahmslos meinen die Meisten, das versinken der Titanic wäre das grösste Schiffsunglück aller Zeiten. Bei Weitem gefehlt. Es gab noch andere Schiffskatastrophen die viel grösser waren! Antworten
Immer noch beeindruckend und bedrückend die Geschichte der Titanic. Schon damals, und heute noch viel mehr, herrscht die Meinung vieler, dass der Mensch mächtiger als die Natur sei. Obwohl uns das Gegenteil immer wieder, leider mit gravierenden Folgen, bewiesen wird. Unsere Überheblichkeit kennt keine Grenzen und ist unbelehrbar. Antworten
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