Das Ende der Besatzung
Von David Nauer. Aktualisiert am 09.02.2012 19 Kommentare
Begann seine Karriere als Alliierter in Deutschland: Bill Ramsey und seine «Zuckerpuppe». (Youtube)
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Nach dem Zweiten Weltkrieg waren zeitweise über 200'000 Amerikaner, eine halbe Million Russen und Zehntausende Briten, Franzosen, Belgier sowie Niederländer zwischen Rhein und Nordsee stationiert. Zunächst ging es darum, das besiegte Nazireich zu besetzen, aber dann wurde Deutschland im Kalten Krieg immer mehr zum Aufmarschgelände der feindlichen Blöcke.
Diese Zeit ist schon seit 20 Jahren vorbei. Bis 1994 verliessen die Russen ihre Zone, das Gebiet der ehemaligen DDR. Auch die Franzosen, Belgier und Niederländer sind militärisch praktisch nicht mehr in Deutschland präsent. Geblieben sind circa 20'000 Briten sowie etwas mehr als 50'000 Amerikaner. Doch auch sie sollen jetzt heim: Das Vereinigte Königreich will bis 2020 ganz aus Deutschland abziehen; die USA haben eben angekündigt, ihre Präsenz gleichfalls abzubauen. Zwei der drei in Deutschland stationierten Brigaden sollen in andere Weltgegenden verlegt werden. Der Grund sind Sparmassnahmen und eine veränderte weltpolitische Situation.
In Deutschland wird der geplante Abzug der Alliierten gelassen zur Kenntnis genommen. Längst sind aus den einstigen Besatzern verbündete Nato-Partner geworden. Auch kann die Bundesrepublik ihre Sicherheit heute selber gewährleisten. Einzig die Regionalbehörden einiger Kasernenstandorte machen sich Sorgen: Wenn die Briten und Amerikaner gehen, fallen in Bayern, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen Tausende zivile Arbeitsplätze weg. (David Nauer, dn)
1948–1949
Die Rosinenbomber versorgen Berlin
«Ihr Völker dieser Welt. Schaut auf diese Stadt, und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft.» Mit diesen legendären Worten reagierte der Sozialdemokrat Ernst Reuter auf die Blockade Westberlins durch die Sowjetunion. Stalin hatte am 24. Juni 1948 alle Land- und Wasserwege sperren lassen – er wollte Westberlin aushungern und unter seine Kontrolle bringen. Doch die USA und Grossbritannien starteten schon zwei Tage später eine Luftbrücke zur Versorgung der Stadt und ihrer damals 2,2 Millionen Einwohner. Bald sollten die von der Bevölkerung «Rosinenbomber» getauften Transportflugzeuge im Minutentakt anfliegen. Eine einmalige logistische Leistung: Allein im Mai 1949 lieferten rund 28'000 Maschinen insgesamt 227'000 Tonnen Kohle, Lebensmittel, Industrie- und andere Güter. Die Sowjets waren von so viel Entschlossenheit überrascht. Im Mai 1949 hob Stalin die Blockade entnervt auf. Der Westen hatte das erste grosse Kräftemessen des Kalten Krieges gewonnen. (dn)
1958–1960
Elvis Presley dient als Soldat in Hessen
Als er starb, fiel seinem grössten Fan nur Sarkastisches ein: Elvis, sagte John Lennon, «starb an dem Tag, an dem er zur Armee ging». Wahr ist, dass der unerhörte Sänger aus Mississippi mit dem Eintritt in die US-Army die eigene Konterrevolution lostrat. Als Mustersoldat diente er sich jenen Autoritäten an, die er mit seiner Musik zuvor erzürnt hatte. Im Oktober 1958 kam GI Presley im hessischen Friedberg an, wo er drei prägende Erfahrungen machen sollte: Karate, Amphetamin und Priscilla. Die damals 14-Jährige wurde später seine Frau in einer glücklosen Ehe. Der deutschen Bevölkerung gab der Sänger willig Autogramme, die Medien folgten ihm, seine Vorgesetzten erlebten ihn als höflich, bescheiden und gefügig. Im März 1960 kehrte Elvis, als Korporal ehrenhaft entlassen, über Memphis nach Hollywood zurück. Es sollte acht Jahre und viele schauderhafte Filme dauern, bis er, im «Comeback Special» von 1968, wieder so aufregend aussah, wie seine beste Musik immer geklungen hatte. (Jean-Martin Büttner, jmb)
1961
Bill Ramsey singt die «Zuckerpuppe»
Youtube angewählt. «Bill Ramsey» gesucht. Den obersten Link angeklickt – ab geht die Post: «Die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe, von der ganz Marokko spricht», singt der Teddybär von Mann. Rollt drollig die Augen. Und die genussversessenen deutschen Fünfziger- und Sechzigerjahre leben auf. Ramsey, Jahrgang 1931, ein leicht korpulenter Amerikaner mit Satchmo-Stimme, «brachte den Swing nach Deutschland», so die FAZ. Importiert hatte den verjazzten Clown, der später mit Peter Alexander im Duett sang, die United States Air Force. Im Ausgang trat Soldat Ramsey in Clubs wie dem Jazzkeller in Frankfurt auf. Dort entdeckte ihn der Armeesender AFN. Es folgte eine Film- und Musikerkarriere mit Schlagerhits wie «Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett», die Deutschland zu etwas mehr Leichtigkeit verhalfen. (tow)
1972
«Amazing Grace» stürmt die Hitparaden
Das englische Kirchenlied «Amazing Grace» ist mehr als 200 Jahre alt. Im April 1972 ging es um die Welt in der Interpretation einer in Niedersachsen stationierten Dudelsack-Kapelle der britischen Armee. 1972, das war die Zeit des «Folk-Revivals». Der Westen suchte seine musikalischen Wurzeln und entdeckte seine Liebe zu den alten «keltischen» Klängen Schottlands und Irlands. Die Hochland-Sackpfeifen der Royal Scots Dragoon Guards trafen einen Nerv. Dass ausgerechnet eine Militärkapelle den Beifall der friedliebenden Hippies fand, ist nicht ohne Ironie: Die schottischen Dragoner sind und waren überaus aktive Soldaten. Ihr Regiment diente in Waterloo, im Krimkrieg, in beiden Weltkriegen und später, von Deutschland aus, in Bosnien, Kosovo und im Irak. Angesichts einer so dauerhaften Kampfeslust klingt ihr «Amazing Grace» überraschend fein und zerbrechlich. (dhe)
1979
Der Nato-Doppelbeschluss weckt die Friedensbewegung
Die deutschen Grünen verdanken ihm ihre Geburt, die Sowjetunion wohl ihren Untergang: dem Nato-Doppelbeschluss. Im Dezember 1979 reagierte das westliche Verteidigungsbündnis auf die sowjetische Aufrüstung. Der Kreml hatte seine auf Europa gerichteten Mittelstreckenraketen durch moderne SS-20-Systeme ersetzt. Nun drohte die Nato: Entweder Moskau willigt in Abrüstungsgespräche ein, oder die Amerikaner würden ihrerseits atomare Mittelstreckenraketen des Typs Pershing II nach Europa schaffen. In der Bundesrepublik erweckte dieser Doppelbeschluss die Friedensbewegung. Aus den Protesten gegen die Aufrüstung erwuchs die Grüne Partei, und der SPD-Kanzler Schmidt verlor den Rückhalt seiner Genossen. Doch auch die Sowjets trugen Schaden davon. Sie blieben bei ihrem Njet, worauf das letzte Wettrüsten folgte. Dieses trieb das kommunistische Weltreich in den wirtschaftlichen Ruin. Die US-Armee hat noch heute einen Rest Atomwaffen in Deutschland stationiert. Etwa 20 Wasserstoffbomben lagern auf einem Fliegerhorst in Rheinland-Pfalz. Die Bundesregierung würde die tödlichen Geschosse am liebsten loswerden – darüber entschieden wird aber in Washington. (dn)
1985
Edward Pimental wird von der RAF ermordet
Edward Pimental ist 20 Jahre jung, er ist Amerikaner, er ist Soldat, er ist ein bisschen einsam. Am 7. August 1985 macht ihm eine junge Frau in der Wiesbadener Diskothek Western Saloon schöne Augen. Die zwei verlassen das Lokal zusammen. Am nächsten Morgen wird Pimental tot im Stadtwald gefunden, ermordet durch einen aufgesetzten Genickschuss. Mit Pimentals Ausweis verschaffen sich deutsche Terroristen samt einer 126-Kilo-Autobombe Zutritt zur Rhein-Main Air Base. Ein Soldat und eine Zivilangestellte sterben bei der Explosion. Später befindet ein Gericht, dass Birgit Hogefeld von der Roten Armee Fraktion Pimentals «Lockvogel» war. Der Tod des jungen Mannes polarisiert die RAF und ihre Supporter: Für einmal starb nicht ein Funktionär, ein Machtmensch, ein Oberer des Systems, sondern ein simpler GI. Ein naiver US-Soldat im fremden Land, jünger als seine Mörder. (tow)
1986
Terroristen sprengen die Diskothek La Belle
In der Berliner Diskothek La Belle explodiert in der Nacht auf den 5. April 1986 eine Bombe. Eine junge Frau und ein US-Sergeant sind sofort tot – im Spital stirbt ein weiterer Amerikaner. 229 Menschen werden verwundet. Der Anschlag gilt den in Berlin stationierten US-Truppen. Deren Soldaten besuchen das Lokal regelmässig. Kurz vor dem Anschlag haben sie ihren Sold erhalten. Die Täterschaft wird in Libyen vermutet, später wird ein Telex aus Tripolis mit Glückwünschen an die libysche Botschaft in der DDR abgefangen. US-Präsident Reagan lässt Tripolis und Benghazi bombardieren; ein Dutzend Zivilisten sterben. Erst Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung und der Öffnung der Stasi-Archive kommt es zum Prozess: Drei Männer aus dem arabischen Raum und eine Frau aus Ostberlin werden 2001 verurteilt. Mit La Belle wächst in den USA und Europa die Furcht vor Muammar al-Ghadhafi. Zu Recht: 1988 folgt der libysche Anschlag auf eine Pan-Am-Maschine über Lockerbie. (dhe)
1988
In Ramstein stürzt ein Flugzeug in die Menge
Das Flugzeugunglück vom 28. September 1988 auf dem US-Militärflughafen Ramstein bei Kaiserslautern gilt als Fanal von Inkompetenz, Unvorsichtigkeit und militärischer Arroganz. 88 Menschen starben, über 1000 wurden teilweise schwer verletzt, als, am Ende einer Flugshow vor 350'000 Zuschauern, zwei italienische Flugzeuge in der Luft kollidierten. Sie rissen ein drittes mit, das brennend in die Menge abstürzte. Zur hohen Zahl der Toten und Schwerverletzten trug bei, dass die Flugzeuge viel zu tief und viel zu nahe am Publikum vorbeigeflogen waren und das Militär kaum etwas für die Sicherheit geplant hatte. Nach dem Unglück versperrten die US-Behörden deutschen Krankenwagen zuerst die Zufahrt auf das Gelände, was die Verbitterung von Angehörigen und Überlebenden steigerte. Ramstein ist der grösste Stützpunkt der US-Luftwaffe ausserhalb der USA. Die ostdeutsche Metalgruppe Rammstein, noch nie auf guten Geschmack abonniert, hat sich mit ihrem Namen am Flugunglück von 1988 inspiriert. (jmb)
2003
Der CIA fliegt via Deutschland nach Guantánamo
Es gibt bis heute nur Indizien, keine Beweise. Erkennbar sind die Konturen des Spinnennetzes, das der US-Geheimdienst nach 9/11 zur Entführung und Folterung von über 3000 Terrorverdächtigen weltweit gespannt hat. Dabei wurde die Drecksarbeit ausgelagert an private Flugzeugbetreiber, ausländische Nachrichtendienste und geheime Gefängnisse auf fremdem Boden. Der Fall von Abu Omar warf ein Schlaglicht auf das Vorgehen: Der ägyptische Muslimbruder mit Asyl in Italien wurde am 17. Februar 2003 von der CIA in Mailand entführt, in einem Learjet über die US-Air-Base im deutschen Ramstein nach Kairo gebracht, mit Klebeband abgepackt wie Sperrgut. Nachforschungen ergaben, dass bis Ende 2005 mindestens 437 solche «Businessflüge» über Deutschland abgewickelt wurden. Viele führten nach Guantánamo. Koordiniert wurden sie wohl von der US-Militärzentrale Eucom in Stuttgart. Die Öffentlichkeit reagierte entsetzt, die Regierung in Berlin will nichts gewusst haben. Unklar bleibt, ob die US-Stützpunkte in Deutschland als reine Umschlagplätze dienten – oder ob die Gefangenen da auch verhört und gefoltert wurden. (Manuela Kessler)
2010
In Niedersachsen wird ein Schotte Ministerpräsident
Wenn jemand die Versöhnung der Deutschen mit den einstigen angelsächsischen Kriegsgegnern verkörpert, dann David McAllister. Sein Vater, ein Schotte, hatte im Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft und später für die Besatzer in Berlin gearbeitet. McAllisters Mutter ist Deutsche. Die Familie lebte zunächst in einem britischen Kosmos: Der 1971 geborene David ging in eine britische Schule, man hörte britisches Radio, spielte Kricket. Als McAllister Senior pensioniert wurde, zog man nach Niedersachsen. Der Junior brauchte nach eigenem Bekunden «wenige Wochen», um den Briten in sich zu verabschieden und Deutscher zu werden. Er machte Abitur und ging zur Bundeswehr, trat der CDU bei und studierte Jura. Als er 2010 zum Ministerpräsidenten Niedersachsen gewählt wurde, war die Herkunft des «Besatzungskindes» längst kein Thema mehr. Einzig die britische BBC wunderte sich, für welche Fussball-Nationalmannschaft McAllisters Herz wohl schlage. Auf dem Rasen stehen sich Deutschland und England immer noch unversöhnlich gegenüber. Für McAllister ist das kein Problem: Bei Länderspielen unterstützt er die Schotten. (dn) (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.02.2012, 18:16 Uhr
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