«Als Korrumpator ist Berlusconi mit Mussolini vergleichbar»
Interview: Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 17.03.2011 25 Kommentare
«Das Machogehabe von Berlusconi gefällt vielen Italienern, ebenso der trickreiche Kampf gegen die Justiz»: Historiker Carlo Moos.
Zur Person
Der Historiker Carlo Moos, geboren 1944, ist emeritierter Professor der Universität Zürich. Er ist spezialisiert auf die Geschichte Italiens im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Standardwerk ist das Buch «Ausgrenzung, Internierung, Deportation. Antisemitismus und Gewalt im späten italienischen Faschismus (1938-1945)». Moos lehrte auch an der Schweizer Schule in Mailand und war Rektor des Liceo Artistico in Zürich. Moos pendelt zwischen der Schweiz und Frankreich, wo seine Familie seit 15 Jahren lebt. (vin)
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150 Jahre italienische Einheit
Der Weg zum Königreich Italien
Mehrere Events und Veranstaltungen sind in Italien im Laufe dieses Jahres zu Ehren der «Unitá», der nationalen Einheit, vorgesehen. Höhepunkt sind die Gedenkzeremonien am 17. März in Turin, dem Tag an dem 1861 das Königreich Italien ausgerufen wurde.
Die staatliche Einheit Italiens war endgültig erst nach zahlreichen Schlachten und Schachzügen der europäischen Mächte zustande gekommen. 1850 war Italien noch immer in fünf Territorien aufgeteilt: das Königreich Piemont-Sardinien, das Königreich Sizilien, das Grossherzogtum Toskana, die Herzogtümer von Parma und Modena sowie der Kirchenstaat in Rom. Die Lombardei und Venetien standen unter österreichischer Herrschaft. In dieser Situation betrieb Graf Camillo Cavour als Ministerpräsident von Piemont eine liberale Realpolitik zur Modernisierung des Königreichs. 1858 verbündete sich Piemonts König Viktor Emmanuel II. mit Frankreichs Napoleon III., um die Österreicher aus Italien zu vertreiben. 1859 besiegten die Verbündeten die Österreicher bei Magenta und Solferino. Piemont erhielt zunächst die Lombardei.
Unterdessen waren auch die Herrscher der Toskana, Modenas und Parmas vertrieben. Im Mai 1860 eroberte der Republikaner Giuseppe Garibaldi mit gut tausend Freiwilligen (Zug der Tausend) zunächst Sizilien, später auch Süditalien. Die Truppen von Cavour drangen in den Kirchenstaat ein und eroberten die Abruzzen. Frankreich akzeptierte nun die Vereinigung von Piemont-Sardinien mit diesen Territorien und erhielt im Gegenzug Savoyen und Nizza. Im März 1861 nahm Piemonts König Viktor Emmanuel II. den Titel «König von Italien» an, ein Parlament verkündete in Turin das Königreich Italien. Weil Frankreich den Rest des Kirchenstaats in Rom nicht aufgeben wollte, wurde Florenz zur Hauptstadt erklärt.
Jetzt fehlten zur vollständigen Einheit Italiens noch Rom und Venetien mit der Lagunenstadt Venedig. Gemeinsam mit Preussen führte Italien 1866 erneut einen Krieg gegen Österreich. Trotz Niederlagen gewann es dabei Venetien. Die Chance zur vollständigen Einheit bot sich schliesslich im September 1870, als die französischen Einheiten wegen des deutsch-französischen Krieges aus dem Kirchenstaat abzogen. Italienische Truppen besetzten daraufhin Rom und gliederten es ins italienische Königreich ein. Im Oktober 1870 wurde Rom zur Hauptstadt des vereinten Italiens erklärt. (vin/sda)
Herr Moos, Italien steckt in einer Dauerkrise, Regierungschef Silvio Berlusconi blamiert das Land: Hat Italien überhaupt Grund, das 150-Jahr-Jubiläum der staatlichen Einheit zu feiern?
«Wir haben Italien geschaffen, jetzt müssen wir die Italiener erschaffen», sagte der Politiker Massimo D'Azeglio im ersten nationalen Parlament. Tatsache ist, dass Italien heute noch ein Einheitsstaat ohne echte Einheit der Bürger ist. Der Nord-Süd-Konflikt zum Beispiel ist geblieben, ja, er hat sich sogar noch verschärft.
Das italienische Parlament entscheidet demnächst über eine Föderalismusreform, die der Lega Nord am Herzen liegt. Besteht die Gefahr, dass Italien langsam auseinanderbricht, falls sich die Lega Nord durchsetzen sollte?
Bei dieser Vorlage geht es gar nicht um Föderalismus, sondern um Finanzautonomie der Gemeinden, von denen Norditalien profitieren soll. Das Ziel ist, dass weniger Geld nach Rom und damit in den Süden fliesst. Der Nord-Süd-Graben dürfte grösser werden. Wie stark der Einheitsstaat gefährdet wird, lässt sich nicht abschätzen.
Was war denn der grösste Geburtsfehler des italienischen Staats?
Der Einheitsstaat ist ein Konstrukt der piemontesischen Führung um den Ministerpräsidenten Graf Camillo Cavour, der das Königreich Piemont-Sardinien modernisierte. Die Gründung des Königreichs Italien mit der Hauptstadt Turin war ein Führungsschichten-Arrangement, von dem vor allem Norditalien profitierte. Die Anliegen des Südens blieben weitgehend unberücksichtigt. Neapel hätte die Voraussetzungen gehabt, sich zu einem Wirtschaftszentrum zu entwickeln. Stattdessen wurde der ökonomische Graben zwischen Mailand und Neapel immer grösser. Im Norden entwickelte sich die Industrie, und der Süden lieferte die Arbeitskräfte. Der Einheitsstaat hatte autoritäre Züge, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die faschistische Diktatur begünstigten. Dieser Autoritarismus wirkt bis heute nach.
Wie meinen Sie das?
Was wir heute haben, ist eine degenerierte Form des piemontesischen Systems aus der Zeit der Staatsgründung. Die Vormachtstellung des Nordens ist sehr ausgeprägt. Die Lega Nord spielt eine starke Rolle, weil sie in der Regierung vertreten ist. Vor allem herrscht eine autoritäre Art der Regierungsführung: Alles dreht sich um die Person von Silvio Berlusconi. Klientelistische Beziehungen und mafiöse Verhaltensweisen sind fester Bestandteil des politischen Systems. Berlusconi hat keinerlei Hemmungen, miese Tricks anzuwenden, um seine Interessen durchzusetzen und an der Macht zu bleiben. Es gibt keine ernsthaften Diskussionen im Mehrheitslager. Die Landesinteressen sind untergeordnet.
Sie haben einmal Silvio Berlusconi mit Benito Mussolini verglichen – und das irritiert. Der eine ist ein egomanischer Politclown, der andere war ein grössenwahnsinniger Schwerverbrecher. Wo sehen Sie denn Gemeinsamkeiten zwischen Berlusconi und Mussolini?
Berlusconi kann in Bezug auf die überspitzte Personifizierung der Politik, die auf ihn allein ausgerichtet ist, durchaus mit Mussolini verglichen werden. Beide kommen mit simplen Argumentarien aus und operieren mit massiver Beeinflussung der Massen dank einer konkurrenzlosen Medienmacht. Sie betreiben eine klientelistische Machtpolitik: Es werden Gelder locker gemacht, Posten zugeschachert und Stimmen gekauft. Als Korrumpator ist Berlusconi mit Mussolini vergleichbar. Auch in Bezug auf die Showeffekte ihrer Auftritte sind sie sich ähnlich. Beispielsweise brüsten sich beide, Frauenhelden zu sein. Und das kommt bei vielen Italienern offenbar gut an. Berlusconi profitiert davon, dass in Italien keine ernsthafte Abrechnung mit dem Faschismus stattgefunden hat. Italien wollte möglichst rasch zum politischen Alltag zurück.
Lassen sich die Italiener leichter als andere Völker von charismatischen, autoritären Politikern verführen?
Möglicherweise sind sie anfälliger für klientelistische Beziehungen. Diese prägen die italienische Geschichte seit der Römerzeit. Nach dem Faschismus und der Hegemonie der Christdemokraten in der Nachkriegszeit scheint der Klientelismus unter Berlusconi seit Mitte der 90er-Jahre erst recht wieder aufgeblüht zu sein.
Sie sehen also keinen Unterschied zwischen der Ersten und der Zweiten Republik, die Anfang der 90er-Jahre nach dem Zusammenbruch des korrupten Parteiensystems (Stichwort «Tangentopoli») begann.
Das ist so: Die Erste Republik ist immer noch da. Die «Democrazia Cristiana» ist von der Partei Berlusconis ersetzt worden: Zunächst war es «Forza Italia», inzwischen heisst seine Partei «Popolo della Libertà» («Volk der Freiheit»). Das politische Personal ist zwar ein anderes. Aber die Korruption, die ist geblieben.
Was braucht es für eine echte Zweite Republik? Muss Italien warten, bis Berlusconi aus der Politik verschwindet?
Notwendig wäre vor allem eine glaubwürdige Alternative zu den heutigen Regierungsparteien. Die Oppositionsparteien üben sich aber in Selbstzerfleischung. Romano Prodi gelang es zweimal, Wahlen gegen Berlusconi zu gewinnen. Eine solche Figur ist aber bei der Opposition nicht in Sicht. Auch Gianfranco Fini, Präsident der Abgeordnetenkammer und Chef der neuen Partei «Futuro e Libertà Per l’Italia» («Zukunft und Freiheit für Italien»), kommt kaum infrage, nachdem er in Medienkampagnen ständig demontiert wird. Der sogenannte Dritte Pol ist als Alternative bescheiden.
Mit dem Sexskandal um die minderjährige Prostituierte Ruby ist Berlusconi so stark unter Druck wie noch nie. Wie lange kann sich der «Cavaliere» noch im Amt halten?
Eine Voraussetzung wäre, dass die Unterstützung für Berlusconi in der Bevölkerung massiv wegbricht und dass Teile seiner Partei sich von ihm abwenden. Dies könnte im Laufe der Ruby-Affäre durchaus passieren – je nachdem, welche Enthüllungen es noch geben wird. Im Moment scheint ihm die Affäre nicht zu schaden. Das Machogehabe von Berlusconi gefällt vielen Italienern, ebenso der trickreiche Kampf gegen die Mailänder Staatsanwälte. Die Justiz steht stellvertretend für einen Staat, den viele Italiener ohnehin ablehnen.
Als Einheitsstaat ist Italien vor 150 Jahren geschaffen worden. Wann werden endlich die Italiener erschaffen, wie dies der Politiker Massimo D'Azeglio gefordert hatte?
Es bräuchte eine politische Situation wie Mitte der 70er-Jahre, als die jahrzehntelang verfeindeten Christdemokraten um Ex-Ministerpräsident und Parteichef Aldo Moro und die Kommunisten um Generalsekretär Enrico Berlinguer einem «historischen Kompromiss» sehr nahe waren. Das wäre ein Pakt zum Wohle des Landes gewesen, um die Wirtschaftskrise zu überwinden. Moro wurde aber 1978 von den Roten Brigaden entführt und ermordet. Damit war die historische Chance für einen breiten gesellschaftlichen Kompromiss vertan. Im Moment und in den nächsten Jahren sehe ich wenig Hoffnung, dass die Italiener wirklich erschaffen werden. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.03.2011, 10:15 Uhr
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25 Kommentare
1.)Der Italiener liebt Berlusconi nicht weil er ein Frauenheld ist,sondern weil er
a:ICI (Steuer) für das Eigenheim abgeschafft hat
b:keine weitern Steuern hinzugefügt hat
c:weil im Süden während den Wahlen die Familien ein Geschenk erhalten (Geld,Favoritismen etc)
Berlusconi hat auch keine ernsthaften Gegner .Die linke ist unbrauchbar weil sie das einzige richtige macht an der Macht.Steuern
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Es ist schon absurd, wenn die meisten Medien der Schweiz derart viel Zeit für das Niedermachen eines gewählten Staatspräsidenten eines befreundeten Nachbarlandes verschwenden. Aber vielleicht wollen sich sich die Leserinnen und Leser an den Schilderungen von Sex und Macht ergötzen. Spricht nicht gerade für die Einschätzung der Leserschaft durch die Redaktion. Antworten
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